Lebensläufe sind heutzutage längst nicht mehr beständig. "Ein glatter Verlauf von Schule, Beruf bis zum Ruhestand ist seltener geworden", sagt Albert Kempf. Daneben gibt es viele Ereignisse, die sich als einzelne Bilder im Kopf festsetzen. Negative Erlebnisse wie Scheidung, eine schwere Krankheit oder ein Gewaltverbrechen stellen "Wendepunkte dar, wo die Basiskompetenz des Einzelnen überschritten wird", sagt der Psychologe.

Die Folge: Eltern haben Probleme in der Erziehung, Kinder leiden unter den Problemen der Eltern. Ein Grund, warum es die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Caritas gibt. Im letzten Jahr hat die Beratungsstelle insgesamt 637 Fälle aus dem Landkreis betreut. Darunter waren 526 Neuanmeldungen.

"Wir haben damit wieder 40 Fälle mehr als im Vorjahr", sagt Hans Berwanger, Leiter der Beratungsstelle. 2010 waren es noch 597 Familien, die unterstützt wurden. Insgesamt waren im letzten Jahr 1538 Menschen an persönlichen Beratungsgesprächen beteiligt. "Ein sehr hoher Zuspruch", sagt Berwanger.

Fünf Prozent vom Gericht


Die meisten Hilfesuchenden wenden sich in Eigeninitiative an die Beratungsstelle (54 Prozent). Fünf Prozent der Neuanmeldungen kommen über das Familiengericht oder Rechtsanwälte wegen Scheidung oder Trennung der Eltern. "Dieser Teil unserer Arbeit bedeutet eine überproportionale zeitliche wie emotionale Belastung für uns", sagt Berwanger. Gerade wenn es darum geht, getrennte Eltern auf die neue Situation so vorzubereiten, dass sie sich weiterhin gemeinsam um ihr Kind kümmern können. "Da wird am Telefon schon mal gebrüllt", schildert Albert Kempf aus eigenem Erleben.

Die Beratung mache aber nur Sinn, wenn "ein Mindestmaß an Freiwilligkeit" dabei ist, sagt Berwanger. Trotzdem sei es oft schwierig in den angespannten Familienverhältnissen zu vermitteln.

Negative Bilder ersetzen


Zentral in der Arbeit der Beratungsstelle mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ist, die negativen Bilder durch positive zu ersetzen beziehungsweise die negativen Bilder richtig in die persönliche Identität einzuordnen.
"Wir versuchen an den Stärken der Menschen anzusetzen oder aus Erfahrung Impulse zu geben, wie Hilfe zur Selbsthilfe funktionieren kann", sagt Hans Berwanger. Viele Eltern seien oft ohne oder nur mit geringem Selbstwertgefühl ausgestattet. Das gelte es zu stärken.

Eltern können dabei oft ihr Kind nicht "lesen", wie es Brigitte Löffler ausdrückt, die gemeinsam mit Martina Lutter in der Früh- und Schreiberatung arbeitet. Eltern erkennen dabei oft nicht, dass sie mit ihrer Erziehungsmethode Erfolg haben. "Das Kind schaut mich nicht an", bekomme sie oft zu hören, sagt Brigitte Löffler. Mit Video- und Standbildern, die als ein Instrument in der Beratung benutzt werden, könne dann einer Mutter gezeigt werden, dass das Kind eben doch aufmerksam ist, sagt Sozialpädagogin Löffler.

Druck in der Grundschule


Die Gründe für die Inanspruchnahme der Beratung waren 2011 neben Entwicklungsauffälligkeiten wie ADHS bei Kindern oder Beziehungsproblemen vor allem Schul- und Ausbildungsprobleme. "Das macht uns Sorge, denn es gibt eine Leistungsverdichtung", beschreibt Hans Berwanger. Vor allem in der Grundschule, in erster Linie in der dritten und vierten Klasse, sei viel Druck vorhanden. Druck, mit dem weder die Kinder noch die Eltern fertig würden.

Von 637 Beratungen wurden im letzten Jahr 447 einvernehmlich beendet. In 117 Fällen wird weiter beraten, 27 Fälle wurden weiterverwiesen an Kinder- oder Jugendpsychater. 18 Fälle wurden im letzten Jahr abgebrochen.

Die Beratungsstelle steht jedem kostenlos zur Verfügung.