"Auf dem Tisch lagen zwei aufgezogene Spritzen", erinnert sich Anne. Die junge Frau wollte eigentlich nur ihre damalige Freundin von zu Hause abholen, um gemeinsam mit ihr zum Feiern zu gehen.

Am Anfang hat sie die Droge noch abgelehnt. Irgendwann hat sie sich dann breitschlagen und einen Schuss setzen lassen. "Dann ging es los. Der Teufelskreis. Das Lügen und Betrügen. Die Sucht ging los", erzählt Anne. Vier Jahre lang konsumierte Anne Crystal Speed, eine der gefährlichsten Drogen der Welt, die am schnellsten abhängig macht. Viel schneller als Kokain. Jetzt möchte Anne damit aufhören. Aktuell macht die heute 22-Jährige einen Entzug. Sechs Monate dauert ihre Therapie.

Am Bezirksklinikum Hochstadt, einer Fachklinik mit Schwerpunkt Crystal-Entzug, bekommen Abhängige eine angepasste Entwöhnungstherapie. Roland Härtel-Petri, der Leiter des Suchtbereichs am Bezirkskrankenhaus in Bayreuth und frühere Chefarzt in Hochstadt, entwickelte ein spezifisches Behandlungskonzept für Suchtkranke, das sich in wesentlichen Zügen an neurobiologisch-verhaltenstherapeutischen Modellen orientiert. Diese Modelle werden seit den 80-er Jahren für Kokainabhängige in Kalifornien genutzt und wurden in den 90-er Jahren auf Methamphetaminabhängige angepasst. Verschiedenste Untersuchungen haben die Wirksamkeit nachgewiesen.

Gehandelt wird Methamphetamin, so der chemische Name von Crystal, auf den Asia-Märkten am Rande der Tschechischen Republik. Dort wird die weiß-glitzernde kristalline Substanz in kleinen Labors hergestellt.
Vier Jahre lang hat Anne den falschen Menschen vertraut. Sie hat ihre Freunde und ihre Familie angelogen. Sie hat nur an den nächsten Schuss gedacht. Anne möchte wieder Spaß am Leben haben, wieder Lebensfreude besitzen. "Lebensfreude hat man mit Drogen nicht", sagt sie. In Hochstadt muss sie wieder lernen, die Zeit ohne die gefährliche Droge zu nutzen.

Die Patienten, die sich zu einer Therapie in Hochstadt entscheiden, sind in einem psychisch und physisch schlechten Zustand, sagt Annegret Sievert, die Leitende Diplompsychologin in der Klinik. Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Konzentration sind weg. Die Patienten müssen erst wieder eine ganz normale Tagesstruktur lernen.
Was macht die Droge so gefährlich? Sie wirkt auf das Belohnungssystem des menschlichen Gehirns, auf die Dopamin-Ausschüttung (Glückshormone). "Der Mensch ist dazu ausgelegt, alles Verhalten, was zur Dopamin-Ausschüttung gehört zu wiederholen", sagt Sievert. Der Crystal-Konsum führt zu einer hohen Ausschüttung, so dass die Patienten gierig danach sind. Für die Patienten auf Entzug sei die Regeneration des Gehirns die größte Herausforderung, erläutert Sievert. Zunächst sei der ganze Tag grau und freudlos, ähnlich einer schweren Depression.

Auch die körperlichen Auswirkungen der Droge sind gravierend, erklärt Chefärztin Ulrike Leonow. Regelmäßiger Konsum schädigt den ganzen Körper. Das zeigt sich an den Haaren, der Haut und den Zähnen. Die Droge greift das Herz, das Gehirn und die Nieren an.

"Der Konsum von Crystal Speed verändert einen Menschen. Sie sind nervöser, viel sprunghafter, sie können nicht bei einer Sache dabei bleiben, sie verlieren gleichzeitig das Gefühl für Raum und Zeit", sagt Chefärztin Ulrike Leonow.

Crystal-Abhängige vergessen, zu essen und zu trinken und sie verlieren Gewicht. Auffällig sei die Neurotoxizität des Chrystals, die sogenannten Nervenbäumchen sterben tatsächlich ab. "Es gibt riesige Löcher im Gehirn."
Crystal Speed hat auch das Leben von Markus lange Zeit bestimmt. Wie Anne möchte auch der 37-Jährige ein drogenfreies Leben führen.

Markus hat gerade das erste Vierteljahr seiner Behandlung überstanden. "Die Therapie wirkt langsam", sagt er.
Als er nach Hochstadt kam, hatte er keine Perspektive mehr für sein Leben. Markus hat drei Suizidversuche hinter sich, mittlerweile sieht er Licht am Ende des Tunnels: "Ich würde nie wieder die Droge nehmen, ich kann es auch niemandem empfehlen."