Gezeichnet hat Wilhelm Haegel schon immer gern. Seit er pensioniert ist, findet der 71-Jährige dazu die nötige Muße. Vier bis sechs Stunden arbeitet er vormittags an seinen Zeichnungen, die er akribisch mit dem Bleistift aufs Papier bringt, dann mit Wasserfarben konturiert und schließlich in Öl fasst. Rund 100 Entwürfe hat der ehemalige Kriminalbeamte in seinem Skizzenbuch gesammelt, gut zwei Dutzend Ölbilder vollendete er bereits.
Wilhelm Haegel ist in Hochstadt geboren. Beruflich verschlug es ihn dann zur hessischen Polizei. Er studierte Verwaltungslehre und Kriminalistik und arbeitete unter anderem beim Erkennungsdienst. Tatortskizzen führte er besonders gern und detailgetreu aus. Seine Dossiers enthielten nicht nur trockene Texte, sie waren meist gespickt mit Zeichnungen. Für ihn war das nichts Besonderes, nur "normales Tagesgeschäft". Einer seiner Chefs jedoch bezeichnete seine Arbeiten einmal halb im Scherz und halb anerkennend als "Micky-Maus-Akten".
Nach der Pensionierung zog es Wilhelm Haegel zurück in die alte Heimat am Obermain. Seine Bilder entstehen seit rund zehn Jahren im großen Wohnzimmer zu Hause. Passende Räume für sein "Staffelberg-Atelier" (so der Name seiner Webseite im Internet) suchte er im Staffelsteiner Land bisher vergeblich.


Das Feld der Menschenrechte

Die Motive findet er in der Tagespolitik, in gesellschaftsphilosophischen Fragen und auf dem Feld der Menschenrechte. Früher schon, sagt er, habe er sich handschriftliche Notizen gemacht, zudem skizzierte er auf Zeitungsrändern oder irgendwelchen Zettelchen, was ihm an politisch Relevantem gerade durch den Kopf ging. Das macht er noch immer. Er fixiert schriftlich seine Ideen, die er mit Bleistift und Farben umzusetzen gedenkt. Alltagsszenen wie eine Zeitungsfrau, die mit ihrem Wägelchen durch den Schnee spurt sind ebenso darunter wie jener mutige Chinese, der sich einst vor einen Panzer stellte und versuchte, diesen aufzuhalten. Im weitesten Sinne befasst Wilhelm Haegel sich mit der Gesellschaft, mit der Freiheit, mit den Idealen der Französischen Revolution - und mit dem Missbrauch der Freiheit sowie dem Abgleiten einer Demokratie in die Diktatur.


Interpretationen der Bilder

Sein kategorischer Imperativ: "Verteidige die Menschenrechte und die Freiheit, damit du in Freiheit und Menschenwürde leben kannst." Fürs künstlerische Schaffen Wilhelm Haegels hat das Auswirkungen. Stets unterlegt er seine Bilder mit Frageinterpretationen, wie er es nennt. In kurzen schriftlichen Ausarbeitungen umreißt er, worum es ihm geht, führt den Betrachter durchs Bild, erklärt winzige Details. Seine Zielrichtung dabei ist generell die Verteidigung der Menschenrechte. Dabei zeigt er Gefahren auf - etwa den Kapital-Faschismus, der zu Börsen-Crashs führt. Und er spürt jenen Politikern nach, die Menschenrechte eklatant beschneiden. Unter dieser Prämisse sind seine Porträts von Trump und Erdogan entstanden, die vorsätzlich gegen Liberté, Egalité und Fraternité handeln.

Anspielungen auf die Nähe zur Mafia und zum Faschismus sind in diesen Porträts der Mächtigen versteckt oder ganz offen zu sehen - das Liktorenbündel, eine Freiheitsstatue mit abgeschlagenen Armen, Totenschädel, Schweinsköpfe oder ein auf dem Kopf stehendes Kreuz. Nichts ist zufällig entstanden, alles ist vom Künstler arrangiert, mit Bedacht gewählt. Der Betrachter vermag vieles herauszulesen und zu entdecken, doch die Interpretationen Wilhelm Haegels sind unverzichtbar, sie öffnen die Augen für die Doppelbödigkeit einer scheinbar stimmigen Welt.