"Das Internet ist für uns alle Neuland": ein Satz, für den Kanzlerin Angela Merkel im Juni 2013 Spott und Häme erntete. Ein Shitstorm in den sozialen Netzwerken war ihr mit dieser Aussage gewiss, der Hashtag #Neuland hatte Deutschland für Tage im Griff.

Neudeutsche Begrifflichkeiten, an die im Jahr 1999 im Landkreis Lichtenfels noch niemand dachte. Damals war das Internet in der Tat Neuland - auch für die Kommunalpolitik. Mit kleinen, vorsichtigen Schritten wagten sich die Parteien an das neue Medium heran - anfangs mit meist noch spärlichen Informationen auf simpel aufgebauten Webseiten. Experimentierfreudig zeigte sich die Junge Union im Kreis Lichtenfels, die kurz vor der Landtagswahl 1999 zu einem Chat mit dem damaligen Landrat Reinhard Leutner (CSU) über aktuelle Probleme im Landkreis einlud. "Das war damals ein völlig neues Format mit der direkten Ansprache aus dem Schutz der Anonymität", erinnert sich der heutige Lichtenfelser Landrat Christian Meißner (CSU).

An jenem Abend saß der damalige Landtagsabgeordnete Meißner als Assistent neben Leutner vor dem Bildschirm. Die Aufgabenverteilung war klar verteilt: "Er diktierte, ich tippte", sagt Meißner. "Davor war es schon ein großer Aufwand, ihn von der Idee zu überzeugen - er fragte, was ein Chat überhaupt sei. Aber wir waren alle sehr aufgeregt, wir hatten keine Ahnung, was uns an diesem Abend erwartet." Leise Zweifel hatte auch der damalige Kreisvorsitzende der Jungen Union, Hans-Josef Stich. "Wir haben technisch ein bisschen gezittert, das Chat-System war nicht wirklich stabil", blickt Stich zurück. Während die Generalprobe missglückte, lief dann am Chat-Abend aber alles glatt.

25 vornehmlich junge Nutzer wählten sich auf der CSU-Internetseite mit frei wählbaren Benutzernamen ein und diskutierten über zwei Stunden mit Landrat Reinhard Leutner. Angesichts der intensiven Werbemaßnahmen im Vorfeld über Medien und auf Plakaten im Landkreis, wären ein paar Teilnehmer mehr schon gut gewesen, so Meißner. Aber er fügt an: "Es war ein spannender Abend mit interessanten Gesprächen." Das Themenspektrum war damals breit gefächert: Vom Lichtenfelser Jugendzentrum über Straßenprojekte bis hin zum Internetanschluss von Schulen.

Reinhard Leutner brauchte damals eine gewisse Anlaufzeit, um sich an die neue Art der Kommunikation zu gewöhnen. Dabei bohrte er Christian Meißner mit Fragen. "Häschen21, wer soll das sein? Wieso duzt der mich, der kennt mich doch gar nicht...", erinnert sich Meißner.

Die Unsicherheit und anfängliche Skepsis ist im Laufe des Abends aber gewichen. Hans-Josef Stich: "Im Nachhinein fand es Reinhard Leutner toll und total spannend. Es hat ja auch nicht weh getan, er konnte sich nur überhaupt nichts darunter vorstellen."

Eine Nachahmung des Chats im gleichen Stil gab es nach der Premiere nur noch einmal. "Nachdem sich die E-Mail etabliert hatte, war ein Chat nicht mehr das große Thema", sagt Hans-Josef Stich.


"Emotionen kontrollieren"

In Zeiten von Facebook ist das Internet ohnehin in allen Gesellschaftsschichten angekommen. Christian Meißner schätzt die moderne Kommunikation. "Ich nutze die sozialen Medien sehr gerne und möchte es künftig auch weiter intensivieren", sagt er. Vertreten ist der 46-Jährige bei Facebook (982 Likes) und Twitter (221 Follower). Seine Einträge auf Facebook formuliert der Landrat selbst. An der Plattform schätzt er vor allem die kurzen Wege der Bürger zum Mandatsträger. "Bei interessanten Diskussionen gebe ich wahnsinnig gerne Antworten", sagt er. "Natürlich ist auch unsachliche Kritik dabei, die lasse ich stehen und lösche sie nicht."

Facebook bedeutet für Meißner, sich schnell Gedanken zu machen und zu reagieren, aber sich auch bewusst sein, dass die Dinge für lange Zeit im Netz stehen. "Man muss seine Emotionen unter Kontrolle haben", sagt er.
Wünscht sich der Landrat eine Welt fernab von Hashtags und Shitstorms zurück? "Manchmal ja, weil damals vor allem die Tageszeitungen stärker beachtet wurden. In sozialen Medien ist es einfach schwierig, ein Thema und eine Entwicklung kontinuierlich zu verfolgen", erklärt er. "Auf Facebook wird die Welt jeden Tag neu erklärt."