Wenn Arthur Schopenhauers Bild stimmt, dass Architektur gefrorene Musik sei, dann wären Plastiken erstarrte Gedanken und Flurkreuze geronnene Gebete.
Der Restaurator und Bildhauer Clemens Muth aus Unterneuses arbeitet gerade an einem Feldkreuz. Die Plastik soll Mitte September zum Abschluss der Flur- und Waldneuordnung oberhalb von Unnersdorf aufgestellt und eingeweiht werden. Aber gut, dass Clemens Muth noch ein wenig Zeit hat bis zur Fertigstellung, denn seine AUfmerksamkeit gilt die Woche über dem Konservieren des Dresdener Zwingers. Doch davon später.
Vier Skizzen hatte Clemens Muth beim Wettbewerb des Amts für Ländliche Entwicklung eingereicht - und er bekam den Zuschlag für das Unnersdorfer Feldkreuz. Aus einem zwei Tonnen schweren Sandsteinblock arbeitet er Reliefs heraus, die auf die Flur- und auf die Waldneuordnung hinweisen.

Für die Ansichtseite hat sich der 56-Jährige etwas Besonderes einfallen lassen: Eine Symbiose aus Korpus und Kreuz aus vergoldetem, gebogenem Stahlrohr. Dieser stilisierte Korpus werde direkt am Stein angebracht. Von der Umrisslinie sei dieser Korpus vergleichbar mit dem Ebens felder Flurkreuz an der Mainbrücke. Die asymmetrische Armhaltung symbolisiere dabei die Verbindung zwischen Himmel und Erde.

Flurkreuz des 21. Jahrhunderts


Clemens Muth wollte gerade nicht die 999. Kopie eines jener Flurkreuze anfertigen, wie sie im 19. und 20. Jahrhundert entstanden sind. Der Zwei-Tonnen-Monolith aus Udelfangener Sandstein und das Kreuz aus goldenem Stahlrohr sind etwas Neues im Gottesgarten am Obermain. Der 2,80 Meter hohe Sandsteinblock sei ideal, weil es sich um sehr homogenes, nicht geschichtetes und deshalb verwitterungsbeständiges Material handle. Das vergoldete Kreuz komme auf diesem Material wunderbar zur Geltung.
Nach einigen Wochen Arbeit mit Klüpfel und Fäustel, mit Spitz- und Zahneisen, sind die Konturen an den Seiten der Stele fast fertig. Die Reliefs sind "fein gestelzt" oder "grob gespitzt", sagt Clemens Muth im Jargon der Steinmetze. Im schräg auftreffenden Sonnenlicht, am Morgen oder Abend, wirke das besonders gut. Solche Streiflichter verändern die Skulptur, geben ihr Leben.

Die eine Wange, die der Waldneuordnung gewidmet ist, zeigt einen stilisierten Nadel- und einen Laubbaum. Die gegenüber liegende Wange ist der Flurneuordnung gewidmet; darauf sind die Silhouetten zweier Personen zu sehen, wobei der Zwischenraum die Form eines Spatens besitzt. Was noch fehlt, sei die erklärende Inschrift, sagt Clemens Muth. Ganz unprosaisch werden die Eckdaten auf dem quar zitisch gebundenen Sandstein herausgemeißelt: "Unnersdorf - Flurneuordnung 1990 bis 2012 - Waldneuordnung 2004 bis 2012".
Clemens Muth pendelt derzeit Woche für Woche zwischen Elbe und Main. "Ich bin nun schon das zweite Jahr in Dresden am Zwinger mit steinkonservatorischen Aufgaben betraut", sagt er und fügt heiter hinzu, dass es eine hochinteressante Sache sei, "Permoser und Kollegen aus der Nähe beurteilen zu können". Balthasar Permoser war einer der bedeutendsten Bildhauer des Barock.

Arbeit am Dresdener Zwinger


Der Restaurator für gefasste Steinskulpturen und Wandmalerei, wie Clemens Muths vollständige Berufsbezeichnung lautet, arbeitet zum vierten Mal am Zwinger in Dresden. In einer Ferienwohnung in der Elbme tropole haben er und seine Mitarbeiter sich einquartiert, um nahe am Einsatzort zu sein. Nach der Hochwasserkatastrophe von 2002 hatte er erstmals einen Auftrag zur Steinsanierung des Zwingers angenommen. Vor zwei Jahren heimste er gleich drei Aufträge auf einmal ein, obwohl das für eine kleine Firma in Unterneuses sehr viel Arbeit bedeutet. "Zeitweise arbeiten wir zu zwölft vor Ort", sagt er. Konservierung der Außenfassade des Mathematisch-Physikalischen Salons, lautet das Ziel.

Von Montag bis Freitag hält Clemens Muth sich deshalb in Dresden auf, kümmert sich um die Steine des Mathematisch-Physikalischen Salons, der im April 2013 wiedereröffnet werden soll.
Das weltberühmte Gebäude, in dem seit 1728 ein Teil der königlich-sächsischen Kunstsammlungen untergebracht ist, fasziniert den Steinfachmann: "Ich finde das Spiel von Architektur und bildhauerischer Arbeit besonders interessant", beschreibt er seine Begegnungen mit dem Barockbau. Von der trocken-mechanischen Reinigung mit dem Mikrowirbelstrahlgerät über die Entsalzung des Steins bis zum Extremfall, dem Ergänzen zerstörter Teile, reicht sein Aufgabenfeld.

Die Arbeit in Dresden ist etwas ganz anderes als das Schaffen eines Flurkreuzes. Eine andere Art der Kreativität. Clemens Muth gleicht damit ein wenig seinem vielseitigen Kollegen Permoser, einem umtriebigen Multitalent, das ebenfalls nicht nur in Dresden Spuren hinterließ.
Das Lichtspiel auf den Fassaden des Zwingers, das die floralen Gehänge an der Fassade belebt und dem aufmerksamen Beobachter immer neue Facetten erschließt, inspiriert Clemens Muth auch beim Schaffen seiner eigenen Plastiken. Seine Dresdner Eindrücke fließen somit in das Unnersdorfer Flurkreuz mit ein.
Natürlich gibt es Unterschiede im Stein. Der Sandstein aus Cotta und Posta, den Permoser für den Zwinger verwendete, sei sehr hart, sagt Clemens Muth. Der Udelfangener Sandstein, aus dem das Flurkreuz entsteht, sei dagegen weich wie Butter.

Zu tun gibt es immer etwas


"An den Teilen des Zwingers, an denen wir arbeiten, hat seit dem Wiederaufbau nach dem Krieg kein Gerüst mehr gestanden", sagt Clemens Muth. Es sei also gut möglich, dass der Zwinger nach Abschluss der Konservierung wieder ein halbes Jahrhundert ohne Gerüst auskommt. Genau weiß man das aber nie. Viele Faktoren kommen zusammen, wirken auf den Stein ein. "Das ist wie bei einer Dombauhütte", beschreibt Clemens Muth, "da wandern die Gerüste auch stetig außen herum".
Um Schopenhauers Bild aufzugreifen: Wenn der Dresdener Zwinger also steingewordene Barockmusik wäre, dürfte man gespannt auf die Enthüllung des Flurkreuzes am auf der Hochebene zwischen Unnersdorf und Herreth sein: Ob es wohl ein konservierter Psalm oder aber ein Satz von Valentin Rathgeber sein wird, der im nahe gelegenen Kloster Banz komponierte. Möglich ist aber auch, dass etwas vom Scheffel'schen Frankenlied mitschwingt. Die Magie eines Kunstwerks entsteht schließlich im Kopf des Betrachters.