Mützen bleiben im Schrank, Schlittschuhe auf dem Dachboden. Dieser Dezember ist viel zu mild, einige Regionen Deutschlands erlebten das wärmste Weihnachtsfest seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Ob einem das gefällt oder nicht, ist Geschmackssache. Am Ökosystem allerdings gehen die zweistelligen Plusgrade zu dieser Zeit nicht spurlos vorbei.

"Wie es aussieht, haben wir im nächsten Jahr wieder viele, viele Wildschweine mehr", sagt Michael Hagel, Vorsitzender der Kreisgruppe Bad Staffelstein im Bayerischen Jagdverband. Der milde Winter mindert die Sterblichkeit von Frischlingen und schwachen Tieren. So etwas kann die natürliche Balance der Arten beeinflussen.
Zumal Jagderfolg zur Zeit eher Glückssache sei, meint Hagel, weil das sogenannte Ausneuen wegfällt.

Der Begriff beschreibt das Suchen und Abgehen von Fährten, Spuren und Geläuf bei neugefallenem Schnee und erleichtert die Wildschweinjagd. "Dann weiß ich genau, stecken in dieser Dickung Wildschweine oder nicht", sagt Hagel. In vielen Revieren im Kreis Lichtenfels seien Wildschweine nicht fest beheimatet, sondern nur mal für ein paar Tage da. Sie hinterließen Schäden und seien anschließend wieder fort. Auch deshalb sei die Jagd so schwer.

Generell sei der milde Winter eine Freude für die Waldbewohner. "Sie haben genug Futter und verbrauchen dabei auch noch weniger Energie, als wenn es friert." Allerdings würden die Tiere - etwa Rehe - auch nicht so sehr zu Plagegeistern für Förster oder Landwirte. Hagel erklärt: Wenn es schneie und der Boden gefroren sei, müssten Pflanzenfresser auf das ausweichen, was erreichbar sei - Baumrinde, junge Triebe oder Feldfrüchte.


Mäuse machen Kummer

Was Schäden durch Tiere angeht, könne man nicht pauschalisieren, weist Hagel hin. Der Ärger mit Wildschweinen etwa sei im Bereich seines Reviers am Veitsberg eher gering, im Lichtenfelser Raum aber weit ernster. Erst wenn der für Anfang Januar zu erwartende Schnee komme, könne man die Bestände wieder besser regulieren.
Ein Problem sind die Mäuse, im Coburger Raum wird von einer regelrechten Plage gesprochen. Panik hat Bauernverbands-Kreisobmann Michael Bienlein beim Gedanken an die Nager nicht in der Stimme. "Aber wir müssen davon ausgehen, dass in diesem Winter wenige von ihnen sterben werden. Und das kann dann zum Problem werden." Im Wald machen ihm Borkenkäfer Sorgen: "Die Schädlinge haben bislang optimale Überwinterungsbedingungen und sind auch aktiv." Das könne massiv zu Lasten der Baumbestände gehen.

Probleme macht außerdem der viel zu weiche Boden bei der Holzernte, die typischerweise im Winter stattfindet. Die Böden sind derzeit vom Regen matschig und können von schweren Maschinen kaum befahren werden. "Und wenn wir es trotzdem täten, bekämen wir große Strukturschäden im Wald." Auch der Abtransport geernteten Holzes mit Lkw sei kaum möglich.


Gefahr des Überwachsens

Und was meint der Experte zum Thema Feldfrüchte? "Unsere Greening-Bestände wachsen munter weiter. Das hilft, die Humusanteile im Boden zu verbessern", sagt Bienlein. Gleichzeitig habe man das Problem, dass Sommer-Zwischenfrüchte wie Senf zu blühen beginnen. Wenn keine deutlichen Minusgrade herrschen, frieren diese nicht ab - "dann müssen unsere Landwirte sie im Sommer totspritzen". Zudem bestehe unter anderem die Gefahr, dass der Raps "überwächst": Ein milder Herbst mit hohen Bodentemperaturen und Niederschlagen kann zu überwachsenen Beständen fuhren. Der Vegetationskegel hebt sich und ist dem Frost schutzlos ausgeliefert. Dass Frost abzusehen ist, sagen Meteorologen schon für die kommenden Tage voraus.

Für Bauern hatte die bisherige Milde auch sehr positive Auswirkungen: Es gibt keine Probleme mit eingefrorenen Wasserleitungen und Ställe müssen weniger intensiv geheizt werden. "Geflügel wird bei 30 bis 35 Grad gehalten, damit es optimale Wachstumsbedingungen hat", sagt Bienlein. Die Ersparnis bei Stall-Heizkosten schätzt er für den Dezember auf bis zu 50 Prozent.

Das Wetter wirkt sich nicht nur auf die Natur aus. Auch der Arbeitsmarkt spiegelt die Entwicklung wider. Peter Schönfelder von der Agentur für Arbeit Bamberg-Coburg, erklärt, dass ein milder Winter immer mit einer geringeren saisonalen Arbeitslosigkeit einhergeht. Das liegt seiner Aussage nach vor allem daran, dass Außenberufe länger ausgeübt werden können und die Mitarbeiter in Handwerk und Bau länger beschäftigt bleiben.


Weniger Arbeitslosigkeit

Der übliche winterliche Einschnitt auf dem Arbeitsmarkt fällt heutzutage aber ohnehin bei Weitem nicht mehr so extrem aus wie in früheren Jahrzehnten. Zum einen trägt laut Schönfelder das Saisonkurzarbeitergeld dazu bei, die Zahl der Entlassungen in der kalten Jahreszeit zu drosseln. Zum anderen ist die Konkurrenzsituation bei den Fachkräften heute eine andere.

Schönfelder erklärt dies so: "Die Betriebe können es sich oft nicht mehr leisten, die Fachleute über den Winter freizustellen." Andernfalls würden sie Gefahr laufen, dass ein Mitbewerber ihnen die guten Kräfte wegschnappe.
Den Abwehrkräften der Landkreisbürger scheint die Wärme überdies gut zu tun. Obwohl wir uns mitten in der Grippe-Saison befinden, wurde beim Kreis-Gesundheitsamt "bis jetzt kein einziger Fall" gemeldet, wie Landratsamtssprecher Andreas Grosch mitteilte.