Jede gute Firmengeschichte beginnt in einer Garage. Die des Unternehmens Gesslein beginnt in einem Hühnerstall. In den späten 1940er-Jahren entwickelt Georg Gesslein, ein Korbmacher aus Redwitz, mit zwei Freunden den Prototyp eines geflochtenen Kombi-Kinderwagens. Das ist nun über 60 Jahre her. Inzwischen hat sich das Redwitzer Unternehmen gewandelt, der Innovationsgeist jedoch ist geblieben.

"Mein Opa hat überlegt: Was kann ich aus Körben machen? Er dachte sich: Kinder gibt es immer", erklärt Geschäftsführer Alexander Popp wie es zur Firmengründung 1950 kam. Nachdem seine Eltern jahrelang an der Spitze des Unternehmens gestanden hatten, führt er es seit 2009 in der dritten Generation mit seiner Schwester Jeannine Merkl.


Technologie alleine entwickeln

"Meine Eltern", sagt er, "haben sich sehr auf das Design konzentriert". Doch als gelerntem Maschinenbauer liegt es dem 37-Jährigen am Herzen, die Technologie alleine zu entwickeln. Und das machen die Geschwister auch.
Seit 2005 brachten die beiden jährlich ein selbst entwickeltes Kinderwagenmodell auf den Markt. Viele Ideen wurden verwirklicht - einige Patente angemeldet.

Es folgten dreieinhalb Jahre, in denen die Geschwister eine neue Marke schufen: Indy, klassische Kinderwagen, die über das kleinste Schwenkschiebegelenk der Welt verfügen. Der Vorteil liegt für Alexander Popp, der die Idee hatte, klar auf der Hand: "Die Bremskabel führen durch das Gestell, man bleibt nicht daran hängen. Dadurch, dass keine störenden Querstangen vorhanden sind, kann jeder Aufsatz drauf." Vier Mitarbeiter entwickelten das Gestell, drei weitere kümmerten sich um die Stoffdesigns. Doch der gelernte Maschinenbauer weiß: "Das schönste Gestell bringt nichts, wenn man die Marke nicht richtig vermarkten kann." Und das ist die Aufgabe der 40-jährigen Jeannine Merkl.


International erfolgreich sein

"Wir möchten international agieren", erklärt Popp. Das gelingt dem Unternehmen bereits in Teilen Europas. Geliefert wird unter anderem in die Länder Schweiz, Österreich, Taiwan und Russland. In den südlichen Ländern haben sich die Kinderwagen von Gesslein bisher nicht durchsetzen können. "Es ist alles dicker und größer, als man es dort braucht. Dort sind einlagige Stoffe und weniger Polsterung gefragt." Auch nicht unerheblich ist die wirtschaftliche Lage der südlichen Länder - viele wollen sich keinen Kinderwagen für 600 bis 1200 Euro leisten.

Dass die Technologie in Deutschland entwickelt und die Stoffe in Handarbeit in Oberfranken genäht werden, spielt eine untergeordnete Rolle. Vielmehr steht der Preis im Fokus. In diesem Bereich muss sich Alexander Popps Unternehmen mit starken Konkurrenten aus China messen. "Vor allem im Sportwagen- und Buggybereich stagnieren unsere Zahlen. Die chinesischen Unternehmen vermarkten direkt, kaufen die Marken auf und verkaufen die Ware unter Preis."

Schlimmer noch: Die Gestelle von Gesslein werden in China produziert - dem Land, aus dem der finanzstärkste Mitbewerber von Popp hervorgeht. "Es wäre finanziell für uns kaum anders möglich. Würde man die Produktion hierher verlegen, müssten wir die ganzen Werkzeuge nach Deutschland bringen. Die Sachen wären lange unterwegs, wir müssten vorproduzieren." Anders sieht es im Kinderwagenbereich aus. Hier sind die Redwitzer im deutschsprachigen Raum unter den führenden Unternehmen, in Bayern sogar führend. Warum? "Wir haben unsere Hausaufgaben einfach gemacht", erklärt der Geschäftsführer. Und so prognostiziert der 37-Jährige für das Geschäftsjahr 2017 die besten Zahlen der vergangenen Jahre.


Amerikanischen Markt in Zukunft einplanen

Und mit den insgesamt 14 Gestell-Unterbauten haben die Geschwister noch einiges vor. "Der amerikanische Markt wäre interessant." Doch dafür müssen neue Ideen her. Die holen sich Alexander Popp und Jeannine Merkl auf Messen oder durch die Zusammenarbeit mit Hochschulen.

So haben kürzlich Wirtschaftsingenieur-Studenten in Projekten an Mehrlingskinderwagen getüftelt. Inwieweit die Ideen umgesetzt werden, wird nun geprüft. Jeden Trend wollen die Geschäftsführer aber nicht mitmachen. "Elektromotoren laufen einfach nicht."

Und so stehen bei Popp viele Ideen auf dem Zettel - darunter eine optimale Schutz- und Liegefläche für Kinder, die er zusammen mit deutschen Partnern aus dem Reha-Bereich konzipiert. Andere Konzepte gehen bereits auf - etwa ein Schlafsack, der dank Raumfahrttechnologie die Temperatur der Kinder ausgleicht. "Selbst ich als Mann habe gewusst, dass ich es richtig gemacht habe."