Sie tragen Wetterhahn und Kreuz und glänzen weithin sichtbar im Sonnenlicht. Doch die vergoldeten Kugeln auf Kirchtürmen verschönern nicht nur sakrale Gemäuer, sie sind auch eine Art Geschichtsbuch. Aufgrund ihrer Höhe für Menschen nahezu unerreichbar, galten sie früher als sicherer Aufbewahrungsort für historische Zeugnisse aus der Zeit des Kirchenbaus und wertvolle Dokumente, die von umfangreichen Restaurierungsmaßnahmen berichten.

Die Zeitkapsel der 1718 eingeweihten katholischen Sankt-Georgs-Kirche in Pfaffendorf wurde zuletzt 2010 bei der Sanierung des barocken Chorturms geöffnet. "Was wir darin fanden, war höchst aufschlussreich, und das nicht nur für geschichtlich Interessierte", erzählt Kirchenpflegerin Maria Wiehle.

Schwer tat man sich allerdings mit dem Lesen. Um die Dokumente für die Nachwelt zu erhalten, schrieb Maria Wiehle sen., die Schwiegermutter der Kirchenpflegerin, die nicht leicht zu entziffernden Urkunden aus dem Jahr 1883 ab so gut es ging.

Aus den alten Belegen geht hervor, dass der Pfaffendorfer Gemeindevorsteher und Ökonom Andreas Krauß den "Goldknopf auf dem Turm" gestiftet hat und auch für die Vergoldung des Turmkreuzes aufgekommen ist. Interessant ebenso die Preislistevon 1883. So kostete damals der Zentner Weizen 8,76 Mark, der Zentner Hafer 4,90 Mark und der Zentner Gerste 6,44 Mark. Für ein Ei beziehungsweise einen Liter Milch musste man 20 Pfennig berappen. Ein "Paar Schweinchen" kosteten 30 bis 40 Mark, ein Paar Ochsen 48 Mark.

Die Urkunden berichten von großen Überschwemmungen im Winter 1883. Im Vorjahr verwüstete ein schreckliches Gewitter die Kornfelder in der Pfaffendorfer Flurgemarkung. Wissenswertes erfährt der Leser über die örtliche Schulgeschichte. 1879 wurde neben der Dorfkirche ein einstöckiges Schulhaus errichtet. Die Baukosten beliefen sich auf 17 826 Mark. Die kleine Pfaffendorfer Kirchengemeinde steuerte 8913 Mark bei. Die andere Hälfte spendeten die zum Schulsprengel gehörenden Ortschaften und zwar nach dem Verhältnis ihrer Steuerkraft, wie es in den alten Dokumenten heißt.

In den Einzugsbereich der Pfaffendorfer Schule gehörten die Dörfer Spiesberg, Burkheim, Tauschendorf und der "Weiler Röhrig". 1883 drückten 48 männliche und 50 weibliche Werktagsschüler die Schulbank. Die Feiertagsschule besuchten 30 Kinder. Dem Schulvorstand gehörten an "Herr Local-Schulinspektor Franz Martin, Pfarrer in Altenkunstadt, Herr Distrikts-Schulinspektor Maximilian Ritter von Stahl und Herr Bezirksamtmann B....... in Lichtenfels". 1958 wurde die Pfaffendorfer Schule geschlossen und der Unterrichtsbetrieb in den Neubau im benachbarten Burkheim ausgelagert.

Nach Abschluss der Turmsanierung im Frühjahr 2010 wurden der restaurierten Zeitkapsel neben den alten Urkunden auch neue Dokumente beigelegt. "Hinzugekommen sind ein Bericht über die jüngsten Sanierungsarbeiten und eine Dokumentation der katholischen Kirchenverwaltung über das gesellschaftliche und kirchliche Leben in unserem 145-Seelen-Dorf sowie über die politischen Verhältnisse im Land", erklärt Maria Wiehle.

Der mit der Renovierung beauftragte Andreas Mätzold aus Wonsees geht davon aus, dass der Pfaffendorfer Kirchturm in den nächsten 100 bis 120 Jahren keiner Generalsanierung mehr bedarf: "Vorausgesetzt, dass es keine Katastrophen und andere unvorhergesehenen Ereignisse gibt, dürfte beim nächsten Öffnen der Turmkugel mindestens das Jahr 2110 geschrieben werden".