Karolin Kress hat eine einschneidende Entscheidung für ihr Leben getroffen. Sie heißt jetzt Schwester Maria Veronika (Sr. Veronika) und ist Teil der Ordensgemeinschaft der St. Franziskusschwestern von Vierzehnheiligen. Es seien viele kleine Schritte gewesen, die zu dieser Entscheidung geführt haben.

Keine Erleuchtung oder Erscheinung des heiligen Geistes haben die 28-Jährige, die in Pleinfeld (Mittelfranken) aufwuchs, zu diesem Schritt gebracht. Im Gespräch fällt es ihr schwer ihre innerlichen Beweggründe in Worte zu fassen: "Sinnsuche klingt so blöd. Es war ein langsamer Prozess, ein tieferes Hineinwachsen in den Glauben und in das Leben nach dem Evangelium. Dieser Prozess ist aber nie abgeschlossen." Wenn sie von ihrem Weg zu Gott erzählt, klingt es nicht aufgesetzt oder übertrieben spirituell. Man hört ihr gerne zu. Es sind die Worte einer jungen Frau, die einen für sie normalen Weg genommen hat.

Urlaub im Kloster

2009 hatte sie den ersten Kontakt mit den Franziskusschwestern. "Im Internet habe ich das Angebot entdeckt, die Kar- und Ostertage im Mutterhaus zu verbringen", erinnert sie sich. Zu dieser Zeit hat sie an der Technischen Hochschule Georg-Simon-Ohm in Nürnberg Bauingenieurwesen studiert, ab Januar 2010 eine Beamtenausbildung beim staatlichen Bauamt in Nürnberg gemacht.

Damals habe sie noch nicht daran gedacht, in den Orden einzutreten. In den folgenden zwei Jahren habe sich der Kontakt intensiviert. Auch an Jugendtreffen der "Communauté de Taizé" aus Frankreich, einer ökumenische Gemeinschaft, hat sie seit 2007 teilgenommen. Dann im Herbst 2010: "Da habe ich mehr und mehr gespürt, dass das Leben in einer Ordensgemeinschaft auch mein Weg sein könnte", sagt sie. Weitere Besuche an den Wochenenden ließen den Wunsch nach einem Leben in der Kongregation der St. Franziskusschwestern wachsen.

Nach der Heiligen Veronika

Vor ihrem Noviziat - zweijährige Ordensausbildung - durfte sie sich einen neuen Namen suchen. Alle Schwestern im Orden tragen "Maria" im Namen. Über "Veronika", den sie den Rest ihres Lebens tragen will, habe sie lange nachgedacht. "Die heilige Veronika hat Jesus auf dem Kreuzweg ein Schweißtuch gereicht. Damit hat sie Sympathie gezeigt, obwohl sie sich selbst in Gefahr gebracht hat", erklärt Sr. Veronika und fügt an: "Der Name hat mich gefunden."

Auch für die meisten ihre Mitschwestern war der neue Name eine Überraschung. Generaloberin Sr. Regina Pröls habe ihn als Erste erfahren und den anderen Schwestern während der Noviziatsaufnahme am Ostermontag verkündet. Es sei ein sehr freudiger und emotionaler Moment gewesen. "Jede Schwester hat mich umarmt und willkommen geheißen." Mit ihrer Entscheidung zählt Sr. Veronika in Deutschland zu einer schrumpfenden Minderheit.

Immer weniger Ordensfrauen

"Die Zahlen zeigen, dass die Entwicklung in Deutschland insgesamt abnehmend ist; bei den Ordensmännern sehr allmählich, bei den Ordensfrauen recht deutlich", sagt Arnulf Salmen, Pressesprecher der Deutschen Ordensobernkonferenz der katholischen Kirche. Rund 18 000 Ordensfrauen leben in 1510 klösterlichen Niederlassungen. Vor rund 20 Jahren waren es noch über 38.000. Mit 28 Jahren ist Sr. Veronika die Ausnahme: 84 Prozent der Ordensfrauen sind älter als 65 Jahre.

"Der Wecker klingelt meistens so gegen sechs, ganz normal", sagt Sr. Veronika und beginnt vom Alltag im Kloster zu erzählen. Es folgen Morgengebet, Frühstück, Aufräumen, Studierzeit, eventuell Kochen und Gartenarbeit. Insgesamt gibt es täglich drei Gebete und eine Messe.

Sie lebt mit zwei anderen Frauen im Noviziat, einem eigener Wohnbereich des Klosters innerhalb des Mutterhauses. "Wenn hier nicht so viele Kreuze hängen würden, dann wäre es eine ganz normale WG." An einem langen Flur sind Privatzimmer, Küche, Wohnstube, Meditationsraum und andere Zimmer aufgereiht. Von einer nostalgischen Vorstellung eines Klosters, mit kargen Räumen und einfachster Einrichtung, ist nicht viel zu sehen. Die Haupttüren gehen per Knopfdruck auf, hinter der Küche ist ein Technikraum.

In ihrer Noviziatsausbildung bekommt Sr. Veronika Klavierunterricht, Spanisch lernt sie, denn die Franziskusschwestern haben einen Konvent in Peru. Täglich bekommt sie rund eineinhalb Stunden Einzelunterricht. "Die Hauptinhalte der Noviziatsausbildung sind Dinge wie Ordensregel, exegetische Einführung in die Bibel und franziskanische Spiritualität", erklärt sie.

Da rede man viel über Gott, das Evangelium und das Leben vom Heiligen Franziskus. Es fällt ihr manchmal schwer ihr religiöses Leben und ihre Beweggründe einem Laien zu erklären. Aber mit einem Zitat des Kirchenlehrers Augustinus bringt sie es auf den Punkt: "Liebe und tu', was du willst."

Lernen, Arbeiten und Beten

Sr. Veronika erzählt weiter von ihrer Ausbildung und Freizeitaktivitäten wie Filme schauen und Lesen. Zur Zeit liest sie den Herrn der Ringe. Fast beiläufig erwähnt sie, dass sie nie einen Partner oder Kinder haben wird. Denn die drei Grundregeln aller Orden, Gehorsam, Ehelosigkeit und Armut, gelten jetzt auch für sie. "Dafür habe ich mich bewusst entschieden, es ist eine andere Art des Daseins." Ihre Eltern waren bei der Noviziatsaufnahme mit dabei. Genauso Freunde von Sr. Veronika, die sie manchmal noch Karolin nennen.

Theoretisch könnte sie während des Noviziats und auch in den folgenden Jahren der verschiedenen Professe wieder in ihr altes Leben als Karolin Kress zurückkehren. Aber ihre Entscheidung stehe jetzt schon fest: "Ich will ein Leben lang Ordensschwester bleiben." Sie will aber auch wieder als Bauingenieurin arbeiten. "Es ist möglich in meinen alten Beruf zurückzukehren. Ich habe ihn total gern gemacht." Außerdem sind die Franziskusschwestern keine kontemplative (zurückgezogene) Gemeinschaft.

Ordensschwester und Bauingenieurin

Bei der Wahl ihres Arbeitsortes sei sie leicht eingeschränkt. Als Ordensschwester will sie gemeinsam mit anderen Schwestern in einem Konvent leben. "Einen Beruf auszuüben ist nicht unüblich. Eine unserer Schwestern ist Apothekerin und lebt hier im Konvent. Bauingenieurin ist aber schon etwas Seltenes." Ihr Einkommen kommt dann der Gemeinschaft zugute. Denn eines stellt Sr. Veronika klar: "Wir leben nicht von der Kirchensteuer."
Wenn alles klappt und sie wieder ihren weltlichen Beruf ausübt, müsse sie schauen, wann und wo sie mit ihrer Ordenskleidung auftauchen kann. Bisher habe sie keine negativen Erfahrungen mit dem Ordenskleid außerhalb des Klosters gemacht. "Ich werde öfter gegrüßt."

Aber bis sie Vierzehnheiligen vielleicht in Richtung Nürnberger-Konvent verlässt, sind es - wie so oft im Leben von Sr. Veronika - noch viel kleine Schritte. Außerdem sei die Entscheidung über ihren Verbleib nicht einseitig: "Auch die anderen Ordensschwestern müssen zustimmen und mich aufnehmen."