Seit Mitte Januar verfolge ich den sogenannten Sandstraßenprozess. Aktiv, in dem ich seitdem viermal im Gerichtssaal saß. Ich arbeite seit beinahe 30 Jahren in der Gastronomie, daher könnte man behaupten, ich gehöre der "Gastro-Szene" an. Natürlich habe ich meinen Bedienungsgeldbeutel nicht immer umhängen, um mich als Mitglied dieser Szene auszuweisen. Damit scheint mir die Freiheit erstmal garantiert, mich selbst als der Szene zugehörig zu outen. Würde ich dagegen ein Skateboard unter dem Arm tragen, würde anscheinend sehr schnell deutlich, wohin ich gehöre: Hinter die Mauer des Schweigens.
Wenn ich im Juli bei schönem Wetter durch die Sandstraße gehe, egal, an welchem Wochentag, treffe ich in aller Regel viele Leute, die ich kenne. Man unterhält sich, manchmal auf ein paar Worte, manchmal bestellt man sich einen Wein und bleibt ein bisschen länger. Und jeder hat dabei seine Lieblingsecken, von denen man weiß, wen man wo trifft. Gerne auch täglich. Will heißen, mir eine Woche später zu überlegen, wen ich wann getroffen habe und was ich mit ihm da besprochen habe, ist eine Herausforderung. Es wird schwerer, wenn ich dabei noch drei Schoppen im Kopf habe.
Sollte in der Zeit etwas Außergewöhnliches passieren, merke ich mir das. Meine Aufmerksamkeit wird dahin gelenkt und ich speichere das, was ich sehe, ab. Ob das hinterher der Tag war, an dem ich mit X den Rosé probiert habe, ob da Y noch dazu kam, wird schon schwieriger.
Sollte es allerdings der Tag sein, am dem ich zum Beispiel vorher Schicht hatte, meine Handtasche geklaut wurde oder ich Beziehungsprobleme hatte, könnte es sein, dass mich das Außergewöhnliche dann doch gar nicht so interessiert, weil ich mit mir selbst beschäftigt bin.

Und vielleicht sollte man mal andere Fragen stellen? „Sind Sie heute vor 571 Tagen bis zum Punkt X oder bis zum Punkt Y gelaufen?“; „Welche Runde sind sie heute vor 613 Tagen gelaufen, eine Runde, die sie seit dem ca. 312 mal erneut gelaufen sind; Sie gehen manchmal so und manchmal so, also wie war das genau vor 613 Tage, bitte?“ „Was haben sie in diesen 7 Sekunden geredet?“
Ich bewundere die Ruhe, mit der versucht wird, solche Fragen zu beantworten. Aber wahrscheinlich verwechsle ich jetzt Ruhe mit Angst. Wenn die Macht über ein blütenweises Führungszeugnis in zwei/drei Jahren bei der anstehenden Bewerbung in den Händen eines Mannes liegt, kann man schon mal ins Stottern kommen.

Ich habe mir seitdem schon oft überlegt, was ich eigentlich in der Nacht von 29. auf 30. Juli 2017 gemacht habe. Beim ersten Ansehen des Videos dachte ich noch: „Hoffentlich spaziere ich jetzt nicht gleich durchs Bild.“ Ich weiß es nicht mehr. Wenn ich einen Krankenwagen hätte stehen sehen, wüsste ich wahrscheinlich heute trotzdem nicht mehr, woher ich kam, wo ich hin wollte und mit wem ich den Abend verbracht hatte.

Eine uneidliche Falschaussage ist kein Kavaliersdelikt. Aber man kann auch dazu getrieben werden, indem man die falschen Fragen stellt.