Zahlreiche Aufrufe verschiedenster Akteure (Polizei, Krankenkassen, Unfallversicherer, ...) appellierten zu Schuljahresbeginn an die Eltern, auf verkehrssicheres Verhalten ihrer Kinder achtzugeben. Nie fehlte die Aufforderung, den Schulweg oder überhaupt die Verkehrsteilnahme auf dem Fahrrad erst zuzulassen, wenn die Kinder dank Absolvierung der Fahrradprüfung im vierten Schuljahr die erforderlichen Fähigkeiten erworben hätten.

Ausnahmslos fehlte der Aufruf an die Autofahrer, auf die Kinder zu achten - obgleich die Straßenverkehrs-Ordnung dies unmißverständlich vorgibt. Das Resultat konnte ich erst heute morgen wieder beobachten:

Mein Nachwuchs, soeben der Grundschule entwachsen, fährt gelegentlich mit dem Fahrrad zur Schule. Ich folge in einem Abstand, der notfalls ein korrigierendes Eingreifen ermöglicht, grundsätzlich aber selbständig fahren läßt. Kurz vor einer roten Ampel überholt ein Pkw, schert ohne Abstand vor meinem Kind ein und bremst es scharf aus. Einige Zeit später - auf Grund der beengten Verhältnisse war die Einhaltung eines sicheren Seitenabstands nicht möglich - reißt urplötzlich eine Autofahrerin die Tür ihres im Halteverbot stehenden Wagens auf, unmittelbar vor dem Kind.

Der Sprößling fährt seit mehr als sieben Jahren Fahrrad - alters- und situationsgerecht in Begleitung oder alleine. Ohne diese Erfahrung wäre kaum möglich gewesen, in den beiden Situationen angemessen zu reagieren und das Fahrverhalten von vornherein entsprechend so auszurichten, daß Unfälle vermieden werden konnten. Sicheres Fahren kann nur durch regelmäßiges Radfahren erlernt werden, stellt daher auch das Bundesverkehrsministerium im Nationalen Radverkehrsplan der Bundesregierung fest. Es sei nicht hilfreich, wenn den Kindern vor der Fahrradprüfung der Schulweg mit dem Rad verboten würde. Rechtlich zulässig ist es ohnehin nicht.

Gerade die Altersstufe derer, die soeben die Fahrradprüfung absolviert haben, läßt die Unfallzahlen mit dem Fahrrad in die Höhe gehen. Und sie allein sind der Grund, daß inzwischen mehr Kinder mit dem Fahrrad als im Auto verunglücken. Denn viele derer, die sich nach der Prüfung in falscher Sicherheit wiegen, haben kaum praktische Erfahrung im Verkehr, sind heillos überfordert. Im Schutzraum erlerntes Standardverhalten, im Schutzraum geprüft, kann nun einmal nicht auf reale Situationen, zu denen oft genug rücksichtslose oder unaufmerksame Autofahrer beitragen, vorbereiten.

Leider weigern sich die zuständigen Behörden (Schulreferat der Stadt Bamberg, Staatliches Schulamt Bamberg, Bezirksregierung Oberfranken, Bayerisches Staatsministerium für Kultus) ausnahmslos, sich mit den Fakten zum Thema auseinanderzusetzen.