Was das persönliche Verhalten des Pfarrers Hartmann angeht, steht uns Mitmenschen kein Urteil oder Richtspruch zu. Darüber wird ein anderer urteilen.
Was aber das Verhalten und die Stellungnahme der Kirchenleitung angeht, darf man sich darüber ein paar Gedanken machen. Sie redet von einem "einmaligen Verstoß" und nicht dauerndem Verstoß. Das bedeutet übersetzt in eine einfache und klare Sprache: der Priester, der mit einer Frau ein Kind bekommt, es verschweigt und sich von ihr löst, wird von der Amtskirche pfleglich und fürsorglich behandelt. Derjenige aber, der sich zu ihr und dem Kind bekennt und seine Verantwortung für sie übernimmt, der wird aus der Amtskirche eliminiert. Pfarrer Hartmann kann dies - wenn auch nach langer Zeit -selbst erleben. Solange er schwieg, war für die Bistumsleitung alles in Ordnung. Nachdem er sich nun bekannt hat, sind diese Folgen schon zu spüren.
Die Kirchenoberen berufen sich in ihrem Verhalten auf einen Rechtsstandpunkt. Wie dieses Handeln aber mit einer Ethik der Verantwortung zu vereinbaren ist, sollte von ihnen auch erklärt werden. Eine Amtskirche, die Moral und Ethik von ihren Gläubigen verlangt, selbst aber nur nach kirchlichen Rechtsnormen handelt, verspielt ein Stück des Kapitals, von dem sie lebt, nämlich der Hinterlassenschaft eines Jesus von Nazareth.

Wolfgang Potyra, Marktrodach