Die Sache duldet keinen weiteren Aufschub. Das Lamentieren in der CDU, man brauche noch Zeit, ist längst kein überzeugendes Argument mehr. Zeit war genug, und die CDU hatte sich – wie ihre Schwesterpartei CSU – noch nie dafür eingesetzt. Im Gegenteil, alle Gesetzesvorhaben zur Einführung der Lebenspartnerschaft für Schwule und Lesben im Jahr 2001 wurden von der Union schon immer aufs heftigste torpediert.

Sich jetzt als Gutmenschen hinzustellen, die sich die Finger niemals mit Diskriminierungen schmutzig gemacht haben wollen, ist völlig absurd. Es ist eine Beleidigung des gesunden Menschenverstandes.

Die Union hat sich in die Gegnerschaft der Ehe für alle rettungslos verrannt, und den Parteivorsitzenden Merkel und Seehofer fehlen die Kraft und der Entscheidungsmut, das Steuer noch herumzureißen. Zu sehr haben sich die Wadenbeißer und Frömmler in die Sache verrannt, als dass die beiden Vorsitzenden in dieser Sache noch handlungsfähig wären.

Abrüsten sollten jetzt beide Seiten, so ist es in den Medien von konservativer Seite zu lesen. Das Thema sei es nicht Wert und natürlich darf das beliebteste Totschlagargument nicht fehlen, es gäbe Wichtigeres. Was wiederum tatsächlich zum Totschweigen des Themas führt – Kanzlerin und Bayern machen es gerade vor und hoffen auf die Vergesslichkeit der vermeintlich schusseligen Wählerschaft.

Bis auf ein paar profilierungslüsterne Altpolitiker und Bischöfe hält sich momentan der politische Betrieb an die Schweigepflicht. Diejenigen, die es nicht tun, deren Argumente werden immer schriller.

Eberhard Diepgen (CDU) zauberte geschwind die unrichtige Behauptung aus dem Ärmel, in Irland und den USA hätte es vor der dortigen Ehemöglichkeit für Schwule und Lesben keine Möglichkeit zur gesetzlichen Lebenspartnerschaft gegeben. Deshalb könne nun dort die Ehe für alle kommen, blablabla, aber weil es die Partnerschaft in Deutschland schon gebe, brauche man die Ehe, blablabla, hier nicht für alle.

Ähnlichen Unsinn verzapfen die anderen Brecher des unionistischen Schweigegelübdes: Die CDU hätte sich schon immer gegen jede Diskriminierung von Schwulen und Lesben eingesetzt, blablabla. Selbst der Bischof von Münster will sich nicht als Diskriminierer dargestellt wissen. Dass seine – wie alle anderen – kirchlichen Unternehmen Geschiedene und Homosexuelle vor die Türe setzen: was soll‘s, arbeitsrechtlich abgesegnet und somit keine Diskriminierung.

Der Irrsinn hat Methode, und es gibt nur einen Weg, diesen Teufelskreis der schwer vorurteilsbeladenen Biedermänner und Biederfrauen zu durchbrechen: Die SPD muss – und zwar jetzt und sofort – die Hinterbacken zusammenkneifen und sich im Bundestag gegen den Koalitionspartner stellen. Worauf will sie noch warten? Nach aktuellen Meinungsumfragen liegt sie bei 23 Prozent, die Union bei 42 Prozent. Zusammen mit den Oppositionsparteien kann die SPD die Ehe für alle handstreichartig durchsetzen. Und vielleicht auch aus dem 20-Prozent-Tal wieder herausfinden. Wie gesagt, die Sache duldet keinen weiteren Aufschub.

Der Tagesspiegel