Anders als ein länger geplanter Krankenhausaufenthalt muss eine Bereitschaftspraxis in der Regel recht spontan aufgesucht werden. Zeit, einen Familienangehörigen oder Freund im Vorfeld für den Fahrdienst zu gewinnen, bleibt meistens nicht.

Die Ärzteschaft samt ihrer diversen Lobby-Vereinigungen schert das wenig. Die physikalische Erreichbarkeit von neuen Bereitschaftspraxen bleibt dem Schicksal des Einzelnen überlassen.

Haßfurt liegt für den Großteil des Landkreises verkehrstechnisch unattraktiv

Jüngstes Beispiel ist die Einrichtung einer ärztlichen Bereitschaftspraxis am Haßfurter Krankenhaus, das übrigens am Stadtrand liegt und mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus weiten Teilen des Landkreises überhaupt nicht zu erreichen ist.

Was die Ärzte veranlasst hat, die bisherige, einigermaßen funktionierende Struktur des ärztlichen Bereitschaftsdienstes zu zerstören, ist kein großes Rätsel. Wer nach egoistischen Motiven sucht, liegt nicht falsch, wie man der Ärztezeitung vom 15.03.2016 entnehmen kann.

Honorare bis zu 125 Euro pro Stunde

Dort heißt es im Hinblick auf die Pilotregion Straubing-Dingolfing: „Der Vergleich der Quartale 4/2014 und 4/2015 zeige ... eine Verbesserung bei den Honoraren.“

So seien (vor der Reform) im vierten Quartal 2014 durchschnittlich 33 Euro pro Dienststunde verdient worden. Nun aber ließen sich 75 bis 125 Euro pro Stunde im Sitzdienst erzielen.

Praktische Begleiterscheinung in der Straubing-Dingolfinger Pilotregion: „Statt vorher durchschnittlich 230 bis 380 Dienststunden pro Jahr sei ein Arzt in der Pilotregion jetzt noch mit 78 Stunden pro Jahr gefordert“, so die Ärztezeitung.

Luxus-Reform auf Kosten der Versicherten zum Wohle der Ärzte

Das bedeutet: die Erhöhung des Stundensatzes um das Drei- bis Vierfache, gleichzeitig wird die Dienstzeit auf ein Fünftel des vorherigen Umfangs reduziert. Damit handelt es sich um eine Luxus-Reform auf Kosten der Versicherten, mit der sich das Arzt-Leben doch recht locker leben lassen kann.

Politiker, die dieses Treiben gewähren lassen, müssen von der Öffentlichkeit für die versprochenen Erfolge dieser teuren Reform in Haftung genommen werden. Sollten sich nach dem Reformeifer der Kassenärzte die in Aussicht gestellten Erfolge nicht einstellen, so würde die Reform in Zukunft ihre Grundlage verlieren und ihrerseits reformiert werden müssen.

Zur Erinnerung: das hehre Ziel sollte darin bestehen, dass sich mehr Allgemeinärzte in ländlichen Regionen ansiedeln. Wer wird sich eigentlich in einigen Jahren noch daran erinnern? Vermutlich niemand.

Nach dem Debakel in Ostunterfranken trifft es weitere Reform-Opfer. Die Ärztezeitung nennt die Landkreise Erding, Ebersberg, Bamberg, Forchheim und das Allgäu.