Auf dem Dach des Edeka-Markts in Kulmbach herrscht ein stetes Kommen und Gehen. Tausende Bienen schwirren durch die Luft. Die einen transportieren Pollen und Nektar zu den Holzbeuten, die auf dem Dach bereit stehen. Die anderen verlassen die Kästen gerade wieder und fliegen los, um neue Nahrung zu suchen. Seit dem Frühjahr lässt sich dieses Schauspiel auf dem Dach des Supermarktes beobachten. Insgesamt zwölf Bienenvölker sind dort inzwischen untergebracht, wie Markt-Inhaber Michael Seidl berichtet.

Über seinen Bezirksleiter habe er von einem Markt in Chemnitz erfahren, der Bienenstöcke auf seinem Dach aufgestellt hatte. "Die Idee fand ich ganz gut", erinnert sich Seidl. Er habe auch immer wieder von dem Trend in Großstädten gehört, die dortigen Dachflächen zu nutzen - ob nun durch Bienen oder anderweitig. Nicht zuletzt sei das Thema natürlich durch das Volksbegehren "Rettet die Bienen" verstärkt in den Medien präsent gewesen.

Finden die Bienen in einer Umgebung wie dem Kulmbacher Industriegebiet überhaupt Nahrung? "Definitiv", sagt Seidl und erklärt: "Die Bienen fliegen einen Radius von bis zu drei Kilometern." Auf seinem Computer zieht der Markt-Inhaber einen entsprechenden Kreis über dem Stadtgebiet auf. Dort sind neben zahlreichen Häusern und anderen Gebäuden, auch viele grüne Flächen auszumachen.

In der Stadt blüht es das ganze Jahr über

"Es gibt so viel Grün in den Städten", bestätigt Hermann Lochner vom Ortsverein Kulmbach des Landesverbands Bayerischer Imker. Gerade in den Großstädten seien inzwischen viele Stadtimker aktiv. "Es ist sogar besser als auf dem Land, denn in den Städten blüht das ganze Jahr über etwas." So zum Beispiel in Hausgärten oder insbesondere auf Friedhöfen. In der Stadt fänden die Bienen auch dann noch Nahrung, wenn zum Beispiel auf dem Land die meisten Kulturen schon abgeblüht seien.

Die Vielfalt in der Stadt sei manchmal sogar größer, berichtet Seidl. "Es ist eine tolle Sache", sagt er mit Blick auf die Bienenkästen auf seinem Dach. "Mit dem Nebeneffekt, dass wir unseren eigenen Honig im Laden verkaufen können." Bei einer Schleuderaktion Ende Mai hatten Kunden erstmals die Möglichkeit, direkt im Markt zu verfolgen, wie der Honig von der Wabe ins Glas kommt. Pro Jahr schätzt Seidl könnten rund 500 Gläser Honig abgefüllt werden. Die genaue Menge sei allerdings unter anderem vom Wetter abhängig (wenig Regen, Temperaturen über 16 Grad) und könne sowohl deutlich tiefer als auch höher liegen.

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Bis der hauseigene Honig dann auch in den Supermarkt-Regalen zu finden ist, wird es noch ein paar Wochen dauern. Die Bienen müssten erst wieder genug Material zusammentragen. Hergestellt und verkauft werden soll im Markt dann cremiger Honig, wie Seidl berichtet. Dieser müsse - anders als der flüssige Honig von der Schleuderaktion - außerdem noch etwa zwei Wochen ruhen.

Zuständig für die Bienen und die Herstellung des Honigs ist Berufsimker Andreas Grünwald aus Lichtenfels, der circa alle zwei Wochen nach den Tieren sieht. Aufgrund des oft regnerischen und kalten Wetters habe das Jahr, was die Honigausbeute betrifft, insgesamt eher schlecht begonnen, berichtet der Imker auf BR-Anfrage. Ein anderer Supermarkt in der Region, der seine Dachflächen für Bienen zur Verfügung stellt, sei ihm nicht bekannt.

Keine Schadstoffe im Honig

Wie Seidl betont, handelt es sich beim fertigen Produkt keineswegs um "Industriehonig". Der Honig sei nicht mit Schadstoffen belastet und würde außerdem einmal pro Jahr untersucht. In Deutschland stünden zum Beispiel auch an Orten mit hoher Belastung wie dem Frankfurter Flughafen Bienenstöcke. Die Schadstoffe spielten keine Rolle, bestätigt Hermann Lochner. Auch am Rollfeld des Nürnberger Flughafens seien bereits Bienenstöcke aufgestellt worden. Im Honig habe man - anders als vielleicht zu erwarten - keine Einflüsse durch Kerosin oder Ähnliches feststellen können.

Für die Kunden des Supermarkts bestehe keine Gefahr durch die Bienenvölker auf dem Dach, sagt Seidl. Im Gegensatz zu Wespen "gehen Bienen nicht auf Gebäck oder Eis." Außerdem flögen diese ja nicht unmittelbar vom Dach nach unten. Bei der Aktion soll es sich indes nicht um eine einmalige Sache handeln. Auch in den kommenden Jahren möchte der Markt-Inhaber die Bienenstöcke auf dem Dach beherbergen.

Blühstreifen nicht immer sinnvoll

Was die Situation der Bienen insgesamt betrifft, sagt Lochner, dass das Volksbegehren "Rettet die Bienen" ja vielmehr eines für die Artenvielfalt gewesen sei. "Die Bienen rettet der Imker." Die anderen Arten, die keinen ähnlichen Schutz hätten, seien wichtig. Was das Anlegen von Blühflächen - etwa auf Gras-Streifen in der Fahrbahnmitte - angeht, zeigt sich Lochner kritisch. Da die Bienen tief fliegen, sei die Gefahr hoch, dass sie von den vorbeifahrenden Autos erfasst würden.