Hermann Anselstetter leitet seit Jahrzehnten die Geschicke des Marktes, Thomas Steinlein sitzt seit zwölf Jahren im Gemeinderat. Mit den Wirsberger Gegebenheiten sind die beiden somit bestens vertraut, beide wissen, wo den Bürgern der Schuh drückt. Sie treten in der Bürgermeisterwahl am 16. März gegeneinander an. Thomas Steinlein ist der erste Gegenkandidat von Hermann Anselstetter seit 30 Jahren.

Was hat Sie bewogen, zur Bürgermeisterwahl (wieder) anzutreten?
Hermann Anselstetter: Ich bin hoch motiviert. Für mich ist jeder Arbeitstag in diesem kommunalen Ehrenamt so, als wäre es der erste Tag. Seit 37 Jahren gehe ich jeden Tag um 7 Uhr in den Bauhof, mache dann meine Termine in der Gemeindeverwaltung. Wirsberg hat so viel Entwicklungspotenzial, dass es mir im Herzen weh tun würde, wenn ich erleben müsste, dass die brach liegen bleiben. In all den Jahren habe ich mir viel Sachwissen angeeignet und versuche, mich immer auf dem neusten Stand zu halten, um aktuelle Entwicklungen für die Gemeinde zu nutzen.
Thomas Steinlein: 2010 nach dem Bürgerentscheid habe ich mich zum ersten Mal mit dem Gedanken getragen, anzutreten, weil nicht alle Bürger mit den Entscheidungen einverstanden sind. Anfang letzten Jahres habe ich mich dann entschlossen, als Freie-Wähler-Kandidat anzutreten. Ich will die Gemeinde voranbringen und dabei auf bestehende Werte setzen. Gemäß dem Motto: Gemeinsam besser - besser gemeinsam.


Was ist denn derzeit die größte Sorge der Bürger?
Steinlein: Das ist der Einkaufsmarkt. Seit eineinhalb Jahren macht sich der Gemeinderat Gedanken - also seit bekannt ist, dass der Markt schließen würde. Natürlich ist unser Wunsch, dass sich wieder ein Lebensmittelmarkt ansiedelt. Vielleicht ist ein Dorfladen eine Alternative. Der kann aber nur gemeinsam mit allen Bürgern realisiert werden. Oder es geht doch noch etwas auf dem Grundstück vor dem Sportplatz des TSV Wirsberg gegenüber der B 303. Eine gute Idee ist das Anruftaxi, mit dem ältere Menschen derzeit zum Einkaufen gefahren werden.
Anselstetter: Ein versierter Kaufmann wollte den Rewe übernehmen. Außerdem gab es einen Investor aus Oberfranken, der das Gebäude kaufen wollte. Zudem wollte Rewe die Einrichtung und Kühlanlagen bis 15. Februar im Gebäude lassen. Jetzt kam aber ein Abbautrupp, der hat alles rausgerissen. Die haben brutal gearbeitet, sogar die Elektrokabel am Boden abgezwickt. Jetzt ist ein erheblicher Investitionsbedarf nötig, um den Laden wieder auf Vordermann zu bringen. Unser Pacht-Interessent ist schockiert. Rewe hinterlässt verbrannte Erde. Für einen Dorfladen interessiere ich mich schon zwei, drei Jahre. Versierte Kaufleute geben dem Projekt in Wirsberg keine gute Perspektive, weil es in der Nachbarschaft neue Einkaufsmärkte gibt. Es bleibt noch ein Rest Hoffnung, dass es beim TSV-Gelände mit einem Neubau klappt. Da gibt es aber wegen der Zufahrt Probleme mit dem staatlichen Bauamt Bayreuth. Ich werde deswegen den Ministerpräsidenten einschalten, weil es nicht sein kann, dass die Lebensmittelversorgung eines Luftkurorts daran scheitert, dass eine Behörde eine Zufahrt nicht genehmigt. Das versteht kein Mensch. Aber wir lassen nicht locker.



Wie sieht es mit dem Hochzeitsmuseum aus? Haben sich da ihre Positionen geändert?
Steinlein: Wir haben im Gemeinderat gesagt, dass das Thema wieder aufgegriffen wird und die Gebäude Marktplatz 10 und 12 gekauft. Dort könnte ein Kultursaal entstehen, den die Gemeinde dringend braucht. Für mich hat aber der Bürgerentscheid moralische Bindung. Das heißt, sollte es für das mit 4,2 Millionen Euro veranschlagte Projekt nicht 90 Prozent Förderung geben, sollten die Wirsberger über das Vorhaben entscheiden, bevor wir investieren.
Anselstetter: Derzeit ist es für Wirsberg im Bereich Tourismus ganz schwierig. Wir haben zurzeit 45.000 Übernachtungen im Jahr, es waren schon einmal 80 000. Wir haben es bislang nicht geschafft, einen überregionalen Besuchermagneten an Land zu ziehen. Nach dem Bürgerentscheid haben uns Geschäftsleute, Gastronomen und Bürger an einem runden Tisch gebeten, das Thema wieder anzugehen. Der Gemeinderat hat daraufhin eine Studie für eine Neukonzeption in Auftrag gegeben und auf der Bürgerversammlung vorgestellt. Entstehen ein hochmodernes, internationales Hochzeitkulturzentrum mit Museum und Kultursaal. Es gab nicht eine kritische Stimme. Bevor man nicht Konkretes über die Zuschusshöhe sagen kann, halte ich einen neuen Bürgerentscheid nicht für sachgerecht.
Steinlein: Dem Bürger geht es um die laufenden Kosten. Da habe ich auch am runden Tisch keine Antwort bekommen.

Bis das Thema Hochzeitsmuseum geklärt ist: Wie soll sich Wirsberg als Tourismusort positionieren?
Steinlein: Wir sollten uns zurück besinnen auf bestehende Werte. Die Leute sind doch wegen der Luft und der Landschaft nach Wirsberg gekommen. Wir haben ein herrliches Waldschwimmbad, das man attraktiver machen könnte, zum Beispiel mit Wellness-Bereichen und erweiterten Öffnungszeiten. Zudem sollte man die Wanderwege in einem besseren Zustand halten, den Trimm-Dich-Pfad wiederbeleben, eine E-Bike-Ladestation am Marktplatz schaffen. Wir sind ein wunderschönes Moutainbike-Gebiet, dafür sollten wir Werbung machen. Wir sind ein Markt und sollten das mit ein bis zwei Markttagen im Jahr auch leben.
Anselstetter: Das wird ja alles schon aktiv bearbeitet. Alle diese Dinge sind Standard. Damit lockt man in der heutigen Zeit keine Besucher in den Dimensionen, von denen wir reden.

Zum Wirtschaftsstandort: Wo sehen sie trotz der beengten räumlichen Lage Potenzial?
Anselstetter: Wirsberg ist eine der wenigen Gemeinden, die wegen ihrer idyllischen Lage keine Gewerbegebiete hat. Man muss seine Chancen nutzen. So wollte in das ehemalige Granitwerk Müller ein Logistiker einziehen. Ich habe die Besitzer gebeten, davon Abstand zu nehmen, weil Logistik keine Arbeitsplätze bietet. Jetzt ist dort die Firma Zanner eingezogen und hat rund zehn Arbeitsplätze geschaffen.
Steinlein: Wenn es mit der Wiederbelebung des Lebensmittelmarktes wider Erwarten nicht klappen sollte, könnte man das Gebäude für Gewerbe nutzen. Sonst sind durch unsere Lage die Hände gebunden.

Frage an Herrn Steinlein: Welche Chancen rechnen Sie sich gegen diesen altgedienten Bürgermeister aus?
Steinlein: Gegen einen Amtsinhaber anzutreten, ist schwer, schließlich gibt es den Bürgermeisterbonus. Wenn ich gewählt werde, würde ich auf Teamfähigkeit und Kooperation setzen. Hoffentlich erhöht meine Kandidatur die Wahlbeteiligung.

Ein letzte Frage an den Bürgermeister: Wie geht man damit um, nach 30 Jahren erstmals einen Gegenkandidaten zu bekommen?
Anselstetter: Das ist lebendige Demokratie. Ich habe Respekt vor Thomas Steinlein, der antritt und eine Alternative bietet.

Die Fragen stellten Alexander Müller und Jürgen Gärtner