Der neue Stimmkreis ist sehr groß. Wie kann es ein Abgeordneter schaffen, dauerhaft in der Fläche präsent zu sein?
Ich bin überzeugt, man kann das schaffen. Man muss halt über die Jahre hinweg vielfältige Termine wahrnehmen, um in jedem Ort präsent zu sein, die Menschen, das ehrenamtliche Engagement, die Unternehmen, die Kommunalpolitiker und die Vereine kennenzulernen. Ich bin jetzt ja schon viereinhalb Jahre im Landtag tätig für den Landkreis Wunsiedel und Teile des Landkreises Hof - und mir ist es auch gelungen, im Landkreis Kulmbach und im Landkreis Bayreuth viele Menschen kennenzulernen.

Nach wie vor gibt es eine unterschiedliche Entwicklung der Teilregionen Oberfrankens, was sicher auch eng mit der demographischen Entwicklung zusammenhängt. Die spiegelt sich auch im Landkreis Kulmbach wider. Wie kann der Freistaat hier entgegenwirken?
Ich denke, das hat drei wichtige Dimensionen: Die eine: Die Menschen wohnen dort, wo sie einen Arbeitsplatz haben. Da ist wichtig, alle Voraussetzungen zu schaffen, damit bestehende mittelständische und Industrieunternehmen hier beste Rahmenbedingungen haben. Und der Freistaat kann sicher auch im Bereich öffentliche Arbeitsplätze etwas tun. Das Kompetenzzentrum für Ernährung in Kulmbach ist ein gutes Beispiel, wie man eine neue Stelle, eine innovative Stelle, die aus einer Verwaltungsreform entstanden ist und wo man die Kompetenz für Ernährung neu bündelt, dann nicht in München am Ministerium ansiedelt, sondern ganz bewusst dort, wo die Ernährungskompetenz in Bayern am höchsten ist, nämlich in Kulmbach, wo´s viele Unternehmen gibt und Institute und wissenschaftliche Einrichtungen und Museen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Die zweite wichtige Dimension ist, die Infrastruktur muss stimmen, die Straßenanbindung, die Bahnanbindung, die Breitbandversorgung. Wir haben jetzt in Bayern ja auch einen großen Schwerpunkt auf das Thema Breitbandversorgung mit einem großen Förderprogramm gelegt. Es besteht die Gefahr, dass uns da die technologische Entwicklung einfach überholt - und da soll auch beim Ausbau entgegengewirkt werden. Und die dritte, ganz wichtige Dimension, ist die Stärke des Landkreises Kulmbach, auch Oberfrankens: Die Menschen wohnen dort, wo sie für ihre Familie hervorragende Rahmenbedingungen haben. Und da geht´s darum, dass man sehr gute Schulen hat, da geht´s drum, dass man Kinderbetreuungsmöglichkeiten hat. Da sind wir traditionell in alten Industrieregionen sehr gut aufgestellt. Dass man auch für Senioren ein gutes Angebot machen kann, dass man auch familienfreundliche Arbeitsplätze anbieten kann, das machen auch die mittelständischen Unternehmen. Da geht´s dann auch um die Nahversorgung, den Arzt, die Gesundheitsversorgung, die Einkaufsmöglichkeiten. Da sind unsere Kommunen außerordentliche engagiert, außerordentlich kreativ. Und da kann die Landespolitik natürlich bei allen Themen unterstützen und Rahmenbedingungen schaffen, die das ermöglichen - und da haben wir in den letzten Jahren auch einiges geschafft.

Die Gemeinden Bad Berneck, Himmelkron, Marktschorgast, Neuenmarkt und Wirsberg wollen als ein gemeinsames Mittelzentrum ausgewiesen, Anträge gibt es auch aus Stadtsteinach/Untersteinach und Thurnau. Biser scheinen die Bemühungen nicht von Erfolg geprägt. Wie stehen Sie zu den Überlegungen?
Es ist sehr positiv dass hier Gemeinden sich zusammentun und sagen, wir wollen die Versorgung unserer Bevölkerung in der Zukunft gemeinsam organisieren und sicherstellen. Wir haben im Landesentwicklungsprogramm ein wichtiges Prinzip - das ist das Vorhalteprinzip. Das sagt: Die Menschen müssen in allen Landesteilen und auch in allen Landkreisteilen das vorfinden, was sie für das tägliche Leben benötigen. Da ist jetzt die ungeklärte landespolitische Frage: Wie passt das Prinzip der zentralen Orte - Oberzentren, Mittelzentren - zusammen mit dem Vorhalteprinzip, wie wird man das konkret organisieren? Zu diesem Thema wird in diesem Jahr keine abschließende Entscheidung getroffen werden können. Da soll´s jetzt noch einmal eine umfangreiche Befassung geben, eine wissenschaftliche Studie, die sich damit beschäftigt, wie organisiert man die Versorgung der Bevölkerung in der Zukunft, auch unter dem Gesichtspunkt des demographischen Wandels - und was haben da auch die zentralen Orte für Funktionen. Man ist ja bisher davon ausgegangen, es gibt einen zentralen Ort und dorthin orientiert sich dann alles. Dort werden die Versorgungsstrukturen angesiedelt und dorthin fließt auch der öffentliche Personennahverkehr. Aber dieses Prinzip hat sich überholt - und darum ist es auch wichtig und richtig, dass auch mehrere Gemeinden zusammen überlegen, wie können wir die Versorgung unserer Bevölkerung organisieren. Da muss man auch dieses System der zentralen Orte völlig neu überprüfen. Wenn ich heute also höre, dass die großen Städte gegen diese Entwicklung vorgehen, auch gegen die Öffnung, dass man auch in kleineren Gemeinden mehr ermöglicht, dann muss ich sagen: Wir sind auf dem richtigen Weg. Es muss auch möglich sein, alle notwendigen Strukturen auch in ländlichen Gebieten, auch in kleineren Gemeinden anzusiedeln. Da hat zum Beispiel der Standort Himmelkron mit allen umliegenden Gemeinden eine zentrale Versorgungsfunktion, weil sich dort wichtige Straßen begegnen. Ich unterstütze das sehr, was da auf den Weg gebracht wurde.

Kulmbach ist ein Schwerpunkt für Lebensmittelproduktion und -forschung. Wie kann der Freistaat hier flankierend weitere Ausbaubemühungen unterstützen?
Aus meiner Sicht ist die Zukunft die Vernetzung von Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung - und alles ist in Kulmbach vorhanden. Tolle, weltweit erfolgreiche Unternehmen der Ernährunsgbranche, wichtige Institute und Forschungseinrichtungen und eben auch staatliche Stellen, die das Wissen bündeln und in die Bevölkerung auch übersetzen sollen. Ich denke in dieser Vernetzung liegt eine große Chance: In den Hochschulen, in den Instituten sind die kreativen Ideen, in den Unternehmen sind die Leute, die wissen, wie man daraus gute Produkte macht - und wenn dann da die staatlichen Stellen auch noch mitwirken, dann bin ich überzeugt davon, dass sich diese Entwicklung hier am Standort Kulmbach immer weiter fortsetzen lässt. Dass die Unternehmen davon profitieren, dass mehr Studenten hierher kommen und auch Forschung und Lehre hier stattfindet und dass staatliche Stellen, die sich mit dem Bereich Ernährung beschäftigen, am Standort Kulmbach weiter ausgebaut werden.

Ein Thema, das ein brennendes, aber kein unmittelbar landespolitisches ist. Die Ortsumgehungen in Untersteinach und Kauerndorf kommen nicht voran. Kann der Freistaat helfen?
Der Freistaat hat ja die Planungen gemacht im Auftrag des Bundes und hat hier Baurecht geschaffen. Also, es ist alles bereit. Es geht jetzt drum, dass im Bundesverkehrsministerium mehr Geld zur Verfügung steht, um alle notwendigen Infrastrukturmaßnahmen in Deutschland auch vollziehen und ausbauen zu können. Wir als Freistaat Bayern machen hier unheimlich Druck in Berlin, dass der Verkehrsminister mehr Geld bekommt. Und es ist natürlich unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass auch Projekte in Oberfranken zum Zuge kommen. Es kann nicht nur nach den Verkehrszahlen gehen, wobei die in Untersteinach auch sehr hoch sind, sondern auch nach strukturpolitischen und regionalen Überlegungen - und das reklamieren wir ja auch als Landtagsabgeordnete. Wir haben hier in Oberfranken sehr sehr wichtige Projekte - und da gehören eben die genannten Ortsumfahrungen auf jeden Fall dazu.

Die Landwirte - auch im Landkreis Kulmbach - sind in keiner einfachen Situation. Vorschriften und Ansprüche, sinkende Preise für Lebensmittel und der demographische Wandel setzt ihnen zu. Sehen Sie Ansätze, ihnen zu helfen?
Ich denke, es gibt sehr viele Ansätze für eine positive Entwicklung unserer Landwirtschaft. Agrarpolitik wird zunächst einmal in Brüssel gemacht. Dort fallen in diesen Wochen wichtigste Entscheidungen, wenn´s um die Frage geht, wieviel Mittel aus Europa in die bayerische und in unsere oberfränkische Landwirtschaft fließen. Ein ganz wichtiger Bereich ist für uns die sogenannte Ausgleichszulage. Die ist wichtig und die ist gerechtfertigt, weil sie dorthin fließt, wo die Landwirte unter schwereren Bedingungen arbeiten. Es ist eben ein Unterschied, ob man im Oberland Landwirtschaft betreibt oder im Gäuboden. Aber auch in Berlin und in München kann man viel tun für die Landwirtschaft. Da geht´s auch um die Frage, welche bundes- und landespolitischen Programme laufen. Wir haben in Bayern zum Beispiel ein sehr umfangreiches Kulturlandschaftsprogramm, mit dem wir die vielfältigen ökologischen Leistungen der Landwirte besonders würdigen. Die Landwirte schränken sich da selbst ein, indem sie ökologische Leistungen erbringen für die Gesellschaft. Das vergüten wir in Bayern mit Mitteln des Landes und mit Mitteln der europäischen Union. Wenn man den Landwirten viel Vertrauen entgegenbringt, dann muss man am Ende nicht so viel kontrollieren - und ich denke, das ist auch gerechtfertigt. Grundsätzlich ist es so, wir sind hier die Genussregion in Oberfranken, und wir wissen, unsere Landwirte produzieren beste Produkte und unsere Unternehmen machen daraus beste Produkte, und wenn wir das den Leuten rüberbringen können, dass die heimischen Produkte, die hervorragend produziert sind, das Beste ist, was man kriegen kann, und dass man dafür natürlich auch eine gewissen Preis ausgeben sollte, dann hilft man der Landwirtschaft, aber am Ende auch der Bevölkerung. Es soll jeder auch die Kompetenz haben zu wissen, wo kommen da gute Produkte her und wie kann man die gut zubereiten. Das ist ja genau auch das Thema des Kompetenzzentrums Ernährung. Es muss das Ziel sein, dass die Leute sich hier in Oberfranken eindecken und nicht die Lasagne kaufen, wo Fleisch aus verschiedenen europäischen Ländern reingeflossen ist und die dann extrem billig ist, wo man also dann am Ende vielleicht nicht die hohe Qualität bekommt, die man in Oberfranken erwarten kann.

Ihr Ansatz ist es, hier Ideen zu entwickeln und sie mit Unterstützung der Staatsregierung umzusetzen. Wie stellen Sie sich das konkret vor? Gibt es schon Beispiele?
Ich nenne mal ein Beispiel aus meiner bisherigen Arbeit im Landkreis Wunsiedel. Ich habe die wichtigen Leute erst im Bereich Forschung und Entwicklung an einen Tisch gebracht und habe gesagt: Wie gelingt´s uns, den Bereich Forschung und Technologie in unserer Region weiter voranzubringen? Daraus ist die Idee entstanden, ein europäisches Zentrum für Dispersionstechnologien zu entwickeln, und dann haben die Leute aus den Unternehmen gesagt, wir beteiligen uns daran finanziell, aber wir brauchen eine Anschubfinanzierung des Freistaates Bayern. Mit der Idee sind wir ans Wirtschaftsministerium gegangen. Dort war man begeistert, und wir haben die Anschubfinanzierung im Staatshaushalt sicherstellen können. So stelle ich mir das vor. So ist es auch hier im Landkreis Kulmbach bei vielen Projekten gemacht worden. Wenn ich zum Beispiel an das Kompetenzzentrum Ernährung und auch die Entwicklungen im Mönchshof denke - oder auch an viele andere Ideen, die hier in der Stadt schon umgesetzt wurden. So will ich das auch weitermachen. Diese Region um Kulmbach hat eine hohe Kompetenz im Bereich Ernährung und hat eine hohe Kompetenz im Bereich Klima, Wärme, Energie - und da gibt´s viele Ideen - und die müssen wir vor Ort in umsetzungsfähige Projekte entwickeln und dann nach München gehen und sagen: Wir brauchen eine gewisse Unterstützung - und die wird uns dann auch gewährt.

Die Menschen für ihre Heimat begeistern. Wie kann das gelingen?
Wir haben in Oberfranken durch den Strukturwandel, der sich in der Industrie in den 90er Jahren schwerpunktmäßig vollzogen hat, im Bereich Porzellan, im Bereich Textil, im Bereich Glas vielleicht auch ein bisschen den Blick verstellt für die echten Stärken, die wir haben. Wir müssen wieder mehr über unsere Stärken ganz selbstbewusst reden. Wir haben hier die besten Voraussetzungen für eine gesunde Ernährung, zum Beispiel für hervorragende Lebensmittelprodukte. Und wir haben die besten Voraussetzungen für Familien in unserer Region. Hier findet jeder einen Betreuungsplatz, der einen sucht, für seine Kinder. Hier hat man kurze Wege, hier hat man gute Schulen, und auch sonst alles, was man für seine Familie sucht - ganz im Gegensatz zum Ballungszentrum. Das muss man auch rüberbringen. Da gibt´s soviele Menschen, die auch Geschichten zu erzählen haben, die begeistern mich, und ich denke, die können auch andere Menschen begeistern. Ich möchte bei den Oberfranken einfach auch ein Stück dazu beitragen, dass man mit viel mehr Selbstbewusstsein nach außen tritt und sagt: Liebe Bayern und liebe Leute in der Bundesrepublik, wir haben hier das riesige Potenzial, eine Aufsteigerregion zu werden. Wir haben in der Industriezeit Bayern mit aufgebaut, wir haben jetzt den Strukturwandel sehr erfolgreich bewältigt - und mit uns ist in der Zukunft zu rechen. Wir haben hier für das Land unheimlich viel zu bieten - und so wollen wir auch wahrgenommen werden, wenn wir mit Ideen nach außen treten.

Der Diplom-Wirtschaftsingenieur wurde 1977 geboren und hat in der Brauerei seiner Familie als Brauer und Mälzer gelernt. Zuletzt war er Leiter der Verwaltung und des Verkaufsinnendienstes der Malzabteilung der Ireks.
Seit 2008 ist Schöffel Landtagsabgeordneter. Er ist unter anderem stellvertretender CSU-Kreisvorsitzender in Wunsiedel und Kreisrat dort. Schöffel ist verheiratet.