In der Mauer klafft ein riesiges Loch, das den Blick freigibt auf einen etwas tiefer liegenden Kiesweg. Im Loch steckt ein großer Stein. Schon eine leichte Berührung bringt ihn zum Wackeln, und vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch er herausbricht. Auf der anderen Seite der Mauer: Balken und Stützpfähle. Sie sollen verhindern, dass das Bauwerk, das sich deutlich sichtbar neigt, gänzlich zusammenstürzt.

Dieses Bild bietet sich Passanten seit geraumer Zeit am Alten Friedhof unweit der Nikolaikirche. Um die Mauer, die die idyllische Parkanlage zur Friedhofstraße hin abgrenzt, ist es schlecht bestellt. Auch links und rechts des großen Loches bröckelt und bröselt der Stein. Weiter unten an der Bushaltestelle, wo die Mauer verputzt ist, sind Risse dick wie ein kleiner Finger unübersehbar.

Seit Ende des Jahres bietet die Friedhofsmauer schon diesen beklagenswerten Anblick. Nun wird es Frühling. Zeit, um endlich eine Sanierung in Angriff zu nehmen?
Wir haben nachgefragt. Dort, wo man es eigentlich wissen sollte: Bei der Stadt Kulmbach und bei der Petrikirchen-Gemeinde, die die Nikolaikirche besitzt. Konkret sagen kann uns niemand etwas. Zunächst einmal muss nämlich eine ganz grundsätzliche Frage geklärt werden: Wem gehört die Friedhofsmauer?
Der evangelische Dekan Thomas Kretschmar, gleichzeitig Inhaber der ersten Pfarrstelle der Petrikirchen-Gemeinde, kann es aus dem Stand nicht sagen. Er verweist darauf, dass man zunächst einmal die Akten prüfen müsse, um festzustellen, wer für Bauschäden und deren Beseitigung zuständig ist. Das könne noch einige Zeit in Anspruch nehmen: Die Grippe-Welle geht auch an der Kirchenverwaltung nicht spurlos vorüber.

Ähnlich äußert man sich bei der Stadt Kulmbach. "Es muss zunächst eruiert werden, wie die vertraglichen Regelungen sind und wer bei einer solchen Maßnahme gegebenenfalls mit ins Boot genommen werden müsste beziehungsweise könnte", heißt es aus der Pressestelle. Die Absicherung der Mauer, so viel steht immerhin fest, hat die Stadt Kulmbach im November 2017 Im Rahmen der Verkehrssicherungspflicht vorgenommen - ohne dabei weitere Verpflichtungen einzugehen.
Fakt ist, jedenfalls so ungefähr, dass der Alte Friedhof als Begräbnisstätte einst Kirchengrund war, nun aber von der Stadt als Parkanlage genutzt wird. Zumindest findet man den Namen der Stadt auf einem Flyer, der unter anderem in der Tourist-Info ausliegt und der über die Geschichte des Friedhofes und der noch erhaltenen Grabmale informiert (siehe unten "Zur Geschichte").
Als Friedhof wird das Gelände schon lange nicht mehr genutzt. Um 1600 errichtet, wurde die Anlage 1895 geschlossen, 1939 dann entwidmet. Von da an durften dort keine Beisetzungen mehr erfolgen.
Heute ist der Alte Friedhof eine beliebte, weil stadtnahe und gepflegte Parkanlage. Eine ganze Reihe der alten Grabmale steht noch, so dass ein Rundgang über den Friedhof zum Spaziergang durch die Kulmbacher Stadtgeschichte wird. Dank des Kulmbacher Rotary-Clubs sind die wichtigsten Grabdenkmäler mit Schildern versehen. Am Eingang bei der Nikolaikirche informiert eine Tafel über das Gelände.
Auf der findet sich auch das mit der Nummer 55 versehene Grabmal: Die Gruft der Familie Negelein. Die liegt unmittelbar an der nun einsturzgefährdeten Mauer, ist aber, im Gegensatz zur Mauer, schon seit Jahren in einem maroden Zustand. Ein Bauzaun sichert das Gelände rund um die Gruft ab. Der Teil des Gebäudes, der zur Friedhofstraße hin liegt, hat sich, so haben Beobachter den Eindruck, in den letzten Monaten ebenfalls gesenkt. Auch dort bröckelt die Mauer.

Eine zeitnahe Sanierung von Mauer und Gruft freilich ist nicht in Sicht. "Eine grundsätzliche Sanierung des alten Friedhofes ist ein umfangreiches Projekt von erheblichem Ausmaß", erfahren wir in einer E-Mail aus der Pressestelle der Stadt Kulmbach. Und weiter heißt es: "Im Moment laufen viele andere Baumaßnahmen, die wir sinnvoller Weise erst abarbeiten müssen, damit wir uns dann auch wieder mit voller Kraft diesen wichtigen neuen Aufgaben widmen können."


Zur Geschichte des Alten Friedhofs

Über die frühe Geschichte der Begräbnisstätte ist wenig bekannt. Der Name der Nikolaikirche, an die sich das Gelände anschließt, könnte ein Hinweis dafür sein, dass sich hier an einer Kreuzung der Wege nach Bayreuth, Bamberg und Coburg ein Heiligtum der Fuhrleute befunden hat, als deren Schutzpatron der Heilige Nikolaus gilt.
Wo heute die Nikolaikirche steht, stand einst eine Siechenkapelle, die 1553/54 durch Kriege zerstört wurde. Die heutige Kirche wurde von 1573 bis 1576 erbaut. Nach 1600 wurden Angehörige angesehener Bürger und höhergestellter Persönlichkeiten in der Kirche bestattet. Um 1800 wurde der Friedhof um die Petrikirche aus der Stadt an die Nikolaikirche verlegt, das Aufstellen von Grabdenkmälern gestattet und ein Leichenhaus errichtet.
1895 wurde der Friedhof geschlossen. In den bestehenden Gruften und Familiengräbern durfte aber noch beerdigt werden.
1939 wurde der Friedhof entwidmet, 1977 und 1978 zum Stadtpark umgestaltet. Rund die Hälfte der 350 Grabsteine wurde entfernt.
Der Friedhof ist durchgehend geöffnet. Regelmäßig werden Führungen durch die Anlage angeboten.
Quelle: Stadt Kulmbach