"Es tut mir um Vanessa leid. Sie wird ewig in meinem Herzen bleiben." Mit tränenerstickter Stimme wünschte die Vereinsbetreuerin vor dem Amtsgericht Kulmbach, dass "die Familie und Vanessa ihren Frieden finden". Und auch der Bademeister äußerte sein Mitgefühl mit den Eltern: "Ich weiß, was es heißt, ein Kind zu verlieren." Es sei ihm aber nicht möglich gewesen, das Unglück im Himmelkroner Freibad zu verhindern.

Dort war die achtjährige Vanessa im Juli 2014 leblos unter Wasser entdeckt worden. Das Kind, das zu einer Gruppe des TSV Himmelkron gehörte, starb wenige Tage später an einem Hirnödem im Krankenhaus.

Am Donnerstag war der Tag der Plädoyers am Amtsgericht Kulmbach. Rund 20 Zuhörer verfolgten gespannt die dreieinhalbstündige Verhandlung, die mit den Ausführungen von Staatsanwalt Daniel Götz begann.

Götz wies darauf hin, dass sich Menschen in Fällen wie dem von Vanessa leicht von Emotionen leiten lassen. "Doch so einfach wie oft dargestellt, ist es nicht." Denn es gehe um die Frage, ob die beiden Angeklagten - der Bademeister des Freibads und eine Betreuerin des TSV Himmelkron - fahrlässig den Tod eines Menschen verursacht haben. Und das ist nach Ansicht des Staatsanwalts nicht der Fall. Der genaue Ablauf am Unglückstag habe sich nicht genau rekonstruieren lassen. Fest stehe, dass Vanessa einfach im Wasser verschwunden sei, es keinen Hilferuf oder Überlebenskampf des Kindes gegeben habe.

Vorwürfe, der Bademeister habe zum Unglückszeitpunkt eine Zeitung gelesen, hätten sich nicht bestätigt. Auch habe die Aufsichtspflicht nach Ansicht des Staatsanwalts zum Unglückszeitpunkt nicht beim Bademeister gelegen, sondern bei den Vereinsbetreuern. Doch selbst wenn der Mann am Becken gewesen wäre, hätte er das lautlose Untergehen des Kindes wohl nicht bemerkt.

Eine Freiheitsstrafe hielt er deshalb für "völlig abwegig", falls es nicht zu einem Freispruch komme, reiche bei einer Verurteilung eine Verwarnung in Form einer Geldstrafe.

Einen Freispruch forderte er auch für die Betreuerin der Kindergruppe. Sie sei eine erfahrene ehrenamtliche Kraft und hätte nur reagieren können, wenn sie direkt an der Stelle gestanden hätte, an der Vanessa untergegangen war. Das Kind habe ihr gegenüber zudem gesagt, dass es schwimmen könne. Schwimmhilfen - ein Erkennungszeichen für Nichtschwimmer - hätten ihr die Eltern nicht mitgegeben. Weil sie zum Unglückszeitpunkt Geld holen wollte, um den Kindern ein Eis kaufen zu können, könnte man höchstens von einem Augenblicksversagen ausgehen - mehr nicht.

Anders sah das Gert Lowack, der Vertreter von Vanessas Mutter. Für ihn sei es erwiesen, dass sich die Betreuerin nicht ausreichend über die Schwimmfähigkeiten von Vanessa informiert habe. Man müsse sich bei einem anvertrauten Kind so verhalten, als sei es das eigene.

Dem Bademeister warf er vor, seine Aufsicht nicht wahrgenommen zu haben. Er hätte am "kleinen und überschaubaren Becken" sein und aufpassen müssen. Dann hätte er Vanessa möglicherweise rechtzeitig entdeckt. Er hielt den Bademeister ebenso wie die Betreuerin der fahrlässigen Tötung für schuldig. "Es geht nicht um Vergeltung. Aber der Tod von Vanessa darf nicht umsonst gewesen sein. Es müssen Konsequenzen gezogen werden, damit so etwas nicht wieder passiert."

Der Vertreter von Vanessas Vater, Andreas Angerer, zeigte sich überzeugt, hätten die beiden ihre naheliegenden Pflichten nicht verletzt, hätte das Unglück vermieden werden können. Er appellierte zudem an Richterin Sieglinde Tettmann, sich in ihrem Urteil nicht davon leiten zu lassen, dass es sich um eine ehrenamtliche Betreuerin handele. "Für jeden Ehrenamtlichen lässt es sich leicht vermeiden, dass er auf der Anklagebank landet, wenn er sich vorher informiert und bei den Eltern nachfragt."

Und er kritisierte die Gemeinde Himmelkron, von der er eigentlich erwarten würde, dass sie auf die Vereine zugeht und nach Wegen sucht, solche Unglücke zukünftig zu verhindern - und nicht pauschal jede Schuld von den Vereinen weise.

Für den Bademeister ergriff Rechtsanwalt Oliver Heinekamp das Wort. Er verwies darauf, dass sein Mandant ein "Mädchen für alles" im Freibad gewesen sei und nicht nur die Überwachung des Beckens zu seinen Tätigkeiten gehört habe. Wenn er also zum Unglückszeitpunkt, in dem bis auf die TSV-Gruppe niemand im Wasser gewesen sei, kassiert oder aufgeräumt habe, dann sei das ebenfalls seine Aufgabe gewesen und keine Pflichtverletzung. "Man kann nicht erwarten, dass er die Wasserfläche und alle Personen ständig überwacht."

Und selbst wenn er am Beckenrand gewesen wäre, wäre es die Frage, ob er das Mädchen rechtzeitig entdeckt hätte. Denn nach seiner Meinung hätte eine bewusstlose Vanessa bereits nach zehn Sekunden angefangen, Wasser einzuatmen. Und ab dann wäre Laien eine Wiederbelebung wohl nicht mehr möglich gewesen.

Der Verteidiger der Betreuerin, Ralph Pittroff, schloss sich den Ausführungen des Staatsanwalts an. Er verwies darauf, dass Vanessas Mutter von den Schwimmbadbesuchen gewusst hatte, aber nie die Betreuer darauf hingewiesen habe, dass ihr Kind nicht schwimmen kann. Da habe sie sich völlig auf ihren Mann verlassen. Vanessa habe sogar geäußert, dass sie im Besitz des Schwimmabzeichens "Seepferdchen" sei. Das habe ihr die Betreuerin auch geglaubt. Zudem habe sich die Betreuerin bei der Mutter entschuldigen wollen, das Gespräch sei aber abgelehnt worden. Auch er beantragte einen Freispruch.

Das Urteil soll am kommenden Donnerstag fallen.