Staunend steht der kleine Maximilian Drehlich vor dem kunterbunten Fahrrad. Der Dreijährige streichelt fast ehrfurchtsvoll über die Räder. "Schön", sagt er nur.

Das Fahrrad ist komplett umstrickt: mit meliertem Garn in zartem Lindgrün, leuchtendem Rot, lila und weiß. Die Speichen sind mit einem roten Strickliesel-Schlauch verziert. Und das ganze Gestell ist von leuchtendem Rot umgarnt. Weil nicht mehr genug rote Wolle vorhanden war, sind kleine Streifen in Pink und Weiß als Kontrast eingesetzt. Der Lenker sorgt mit sattem Löwenzahn-Gelb und Orange sowie Pinktönen für Aufmerksamkeit. Auch der Sattel hat einen weichen Überzug bekommen: lila-weiß meliert. Sogar die Treter haben Hüllen. Und als Krönung ist das Fahrrad mit einem zarten Körbchen ausgestattet.

"Hinten hat am Korb die Wolle nicht mehr gereicht, da ist einfach ein anderes Teil am Boden", verrät Petra Holhut. Die Untersteinacherin hat solche "Urban Knitting"-Kunstwerke einmal live gesehen und war sofort begeistert. "Ich fand das einfach schön. Und so kamen wir auf die Idee, das auch bei uns zu probieren. Alle haben mitgemacht", freut sie sich über die gelungene Nachbarinitiative.

Marianne Schneider war dabei und Doris Popp. Die Seniorin unter den Strickerinnen ist Ilse Degelmann, die direkt an der Kreuzung wohnt und immer einen Blick auf das Kunstwerk hat. Denn nicht nur das Fahrrad wurde umstrickt, sondern auch ein kompletter Baum. "Ich habe fast meine ganzen Wollreste aufgebraucht", verrät die 74-Jährige. Sie findet die Idee, Gegenstände im öffentlichen Raum einzustricken, kein bisschen schräg. "Das sieht doch gut aus. Ich habe sogar Muster reingestrickt", lacht Ilse Degelmann und erfreut sich immer an diesem Kunstwerk der besonderen Art. Tatsächlich hat sie ein Schachbrettmuster aus linken und rechten Maschen in die Baumstamm-Verzierung eingearbeitet. Immer vier rechts und dann vier links, erklärt die Expertin. Aber auch aufwändige Zopfmuster hat die 74-Jährige in ihre Wollteilchen eingearbeitet. "Stricken verlernt man nicht. Was man 60 Jahre macht, das kann man immer", sagt sie.

Doch wie umstrickt man eigentlich einen Baum? "Da braucht man doch keine Anleitung. Man macht das einfach", lacht die versierte, erfahrene Strickerin und Häklerin und zeigt ein Kunstwerk, das sie zu besonderen Tagen noch beisteuert: einen Pudel. Petra Holhut und Margit Ludwig setzen den weißen Pudel, der früher eigentlich einmal eine PET-Flasche war, in den Korb des Fahrrads. "Aber der bekommt sonst Beine", lacht Ilse Degelmann - und deshalb darf er nur zu besonderen Gelegenheiten heraus.

Auch Margit Ludwig war sofort Feuer und Flamme für das Projekt. "Ich habe eigentlich erst wieder vor einem halben Jahr richtig angefangen, zu stricken. Filzpantoffeln und Socken, meistens beim Fernsehschauen", verrät sie und zeigt einige ihrer Werke. Als sie von der Idee erfuhr, Untersteinach mit einem Strickkunstwerk zu verschönern, war sie natürlich sofort Feuer und Flamme. Gerne hat sie Ideengeberin Petra Holhut geholfen.

Millionen von Maschen

Wie viel Wolle die eifrigen Strickerinnen für ihr Kunstwerk verbraucht haben, können sie nicht sagen - auch nicht, wie lange sie gearbeitet haben. Denn jeder hat gestrickt und gestrickt. Fest steht: Das Kunstwerk besteht aus Millionen Maschen, alle mit Liebe gefertigt. "Die Petra hat gesagt: Mädels strickt! - und das haben wir gemacht", lacht Margit Ludwig und freut sich selbst jedes Mal, wenn wieder Leute um das Kunstwerk herum stehen. Jeder schaut - die jungen und die älteren. Die Schulkinder machen Fotos, posten sie via Facebook und finden die Streetart-Werke einfach witzig.

"Eigentlich ist es schade, dass unser Gestrick ein bisschen abseits ist", findet Petra Holhut manchmal.
Das Fahrrad, das mit einer Kette festgehängt ist, wurde von Heinz Popp gestiftet. "Wir hoffen natürlich, dass unsere Stricksachen lange schön bleiben", sagt Margit Ludwig. Und am Wochenende feiern alle Strickerinnen ihr privates Eckenfest. "Das ist schon Tradition."

Neue Ideen, wie das Kunstwerk weitergeführt werden soll, hat Petra Holhut schon parat: "Im Winter könnten wir Wollmützen für die Steine stricken."