Ein Waldstück bei Marktschorgast. Die Sonne scheint durch die Baumwipfel. Unter den Füßen rascheln Fichtenzapfen und Zweige bei jedem Schritt. Eigentlich die pure Idylle. Doch der Schein trügt. Denn den Bäumen ringsum geht es nicht gut. Von Zeit zu Zeit ist ein leises Rieseln zu hören - immer dann, wenn wieder einige Nadeln von den Baumwipfeln aus auf den Boden fallen. "Die Bäume sind vom Borkenkäfer befallen", erklärt Carmen Hombach, Försterin der Stadt Kulmbach und Vorsitzende der Waldbesitzervereinigung (WBV) Kulmbach-Stadtsteinach.

Sie deutet auf verschiedene Stellen im unteren Bereich eines der Baumstämme. Kleine Häufchen aus bräunlichen Ablagerungen sind dort zu entdecken: Bohrmehl. Zwei von Hombachs Mitarbeitern bei den Stadtwerken sind gerade damit beschäftigt, die befallenen Bäume zu fällen und aus dem Wald zu räumen. Bei der Hitze der vergangenen Tage ein Knochenjob - in voller Montur mit schweren Sicherheitsschuhen, dicken Arbeitshosen und Schutzhelm.

"Für den Wald ist das eine Katastrophe", sagt Hombach, angesprochen auf die große Trockenheit und den starken Schädlingsbefall. Auch Michael Schmidt, Bereichsleiter Forsten am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Kulmbach, greift zu einer ähnlichen Wortwahl und betont: "Die Situation ist nicht mehr nur angespannt, sondern katastrophal." Trockenheit und Schädlinge machen den Bäumen zu schaffen. Die Holzpreise befinden sich im Keller. Waldbesitzer seien oft nicht nur finanziell, sondern auch emotional von den Schäden betroffen, berichtet Schmidt. Gegenmaßnahmen lassen sich indes nur bedingt ergreifen. Ein Überblick:

1. Trockenheit

Wie Schmidt erklärt, wirkt die Trockenheit aus dem vergangenen Sommer immer noch nach. Auch im Winter habe es zu wenig geregnet. Heuer schließlich setzt sich die große Trockenheit fort. Einzig der eher kühle und feuchte Mai habe hier eine Ausnahme gebildet. Dass es immer wieder einmal besonders trockene Jahre gibt, sei normal - so geschehen etwa 1976 oder 2003. Aber: "Zwei Jahre in Folge - das ist verheerend." Auch kurze Schauer oder Gewitter brächten keine Entspannung, da Bäume tiefer wurzeln als etwa Garten- oder Ackerpflanzen und sich dementsprechend auch aus diesen Schichten ihr Wasser holen.

2. Schädlinge

Begünstigt durch Trockenheit und Wärme fühlen sich Insekten wie der Borkenkäfer in unseren Gefilden sehr wohl, was zu einer regelrechten Massenvermehrung der Tiere geführt hat. Zudem mache die Trockenheit die Bäume anfälliger. "Eine Borkenkäfer-Welle in dieser Art und Weise habe ich so noch nicht erlebt", berichtet Schmidt. Die Käfer bohren sich in die Rinde der Bäume ein. Deren Brut bringt den Baum zum Absterben. Etwa 50 Borkenkäfer, die ihre Brut ablegen, würden pro Baum ausreichen. "Wir sprechen hier von hunderten Millionen. Das kann man gar nicht zählen", sagt Schmidt. Fichte, Tanne, Lärche und Kiefer zählten zu den am stärksten betroffenen Bäumen.

3. Situation im Landkreis Kulmbach

Die Fränkische Linie nennt Schmidt als kritischsten Punkt im Landkreis Kulmbach. Insgesamt 180.000 Festmeter Schadholz wurden in Kulmbach und im Nachbarlandkreis Kronach in der ersten Jahreshälfte erfasst. Vergleichswerte aus dem Vorjahr gibt es nicht. Wie hoch der Schaden am Ende des Jahres ausfällt, wisse man nicht. Aber: "Alles, was jetzt rot ist, stammt aus dem vergangenen Jahr." Bäume, die aktuell von Schädlingen befallen sind, seien derzeit vielfach noch grün. Erst vier bis fünf Wochen nach dem Befall machten sich äußerliche Anzeichen bemerkbar. "Es geht jetzt erst los", gibt der Bereichsleiter Forsten zu Bedenken. Bayernweit sei der Nordosten besonders betroffen. "Der Wald leidet zwar überall. Aber der Bereich um Kulmbach und Kronach ist das Schlimmste, was man sich weit und breit vorstellen kann." Teilweise gebe es auch Bäume, die so trocken sind, dass selbst die Borkenkäfer diese nicht für ihre Brut verwerten können.

4. Ökonomische und emotionale Folgen

"Für Waldbesitzer ist die Situation verheerend", sagt Schmidt. Zwar sei der Wald in Deutschland insgesamt kein Wirtschaftsfaktor, der Besitz werde aber gerne an die nächste Generation weitergegeben. Sozusagen als eine Art Notgroschen. "Der ist jetzt weg. Das ist für viele emotional ganz schwierig. Da wurden zum Beispiel die Bäume, die jetzt absterben, noch zusammen mit dem Opa gepflanzt." Der Holzpreis sei aufgrund des Überangebots an Schadholz im Keller. Man empfehle den Waldbesitzern, das Schadholz als Brennholz für den Eigenbedarf zu verwenden. Dieser Bedarf sei aber natürlich auch ab einer gewissen Menge gedeckt.

Die insektizidfreie Borkenkäferbekämpfung wird vom Staat mit bis zu zwölf Euro pro Festmeter gefördert. Thomas Heinl aus Ludwigschorgast, der selbst ein kleines Stück Wald besitzt, übt Kritik an der Förderung. Diese gehe, wenn überhaupt, "null auf null" auf. Auch die WBV-Vorsitzende Hombach berichtet, dass die staatliche Förderung den Waldbesitzern "nicht viel" bringe. Oft ließen sich damit nur die Kosten für das Entfernen des Schadholzes decken. Das Förderkonzept müsse überarbeitet werden.

5. Volkswirtschaftliche Auswirkungen

In ganz Europa gebe es ein Überangebot an Schadholz, berichtet Schmidt. Dementsprechend niedrig seien die Preise. Der Schaden, der alleine in den Landkreisen Kulmbach und Kronach durch die 180.000 Festmeter Schadholz in der ersten Jahreshälfte 2019 entstanden ist, belaufe sich auf rund 15 Millionen Euro. Da das Holz außer der Zeit geschlagen wurde, sei es zudem qualitativ schlechter. "Das ist verlorenes Holz, das uns in der Zukunft fehlt."

6. Schutzfunktionen der Bäume

Bäume und Wälder erfüllen mehrere Schutzfunktionen für den Menschen. In der Region gibt es zum Beispiel Wald, der dem Trinkwasserschutz dient. Hier müsse man sich die Frage stellen, ob dieser in Zukunft noch da sei beziehungsweise diese Funktion noch wahrnehmen könne. Da die Fläche ohne Wald aber nicht gänzlich kahl bleiben und zum Beispiel Gestrüpp wachsen würde, wären die Konsequenzen nach Schmidts Einschätzung hier nicht sofort spürbar. Anders verhalte es sich zum Beispiel dort, wo Bäume dem Bodenschutz dienen und verhindern, dass Hänge abrutschen. So etwa bei Kupferberg. Auch die Hänge an der Ködeltalsperre bei Nordhalben müsse man künftig hinsichtlich möglicher Erosionen im Auge behalten.

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7. Gegenmaßnahmen

Gegen die Trockenheit lasse sich im Prinzip nichts unternehmen, sagt Schmidt. "Wir können es ja nicht regnen lassen - und den ganzen Wald bewässern können wir auch nicht." Was den Befall mit Schädlingen wie dem Borkenkäfer angeht, gelte es, die Bäume so schnell wie möglich aus dem Wald zu entfernen. 500 Meter Abstand müssten dabei zum Waldrand eingehalten werden. "Das geht im Landkreis Kronach fast gar nicht und im Landkreis Kulmbach nur schwer." Die Bestände indes versucht man durch das Nachpflanzen von Bäumen wieder aufzustocken. Hier empfiehlt Schmidt eine Mischung aus verschiedenen Baumarten. Vereinfacht gesagt: "Wer streut, rutscht nicht." Unter den heimischen Baumarten sei zum Beispiel die Eiche vergleichsweise gut an die Trockenheit angepasst. Was fremdländische Baumarten betrifft, habe sich etwa die Douglasie bewährt. "Das, was an der Fränkischen Linie noch grün und gut ausschaut, sind Douglasien."

Natürlich erschwere die Trockenheit auch das Anpflanzen junger Bäume. Stadtförsterin Hombach erklärt, dass man sich hier in Zukunft wohl Gedanken über Bewässerungsmöglichkeiten machen müsse, um etwa durch entsprechende Technik und Wasserspeicher zumindest in den ersten Jahren die jungen Bäume zu unterstützen. Schmidt und Hombach appellieren außerdem an die Jäger. Denn auch ein hoher Bestand an Rehen verhindere, dass junge Bäume in ausreichender Zahl nachwachsen - ob im Rahmen der Naturverjüngung von alleine oder von Menschenhand gepflanzt.

8. Klimaschutz

"Den Klimawandel verursachen alle. Aber die, die es zuerst trifft, sind die Waldbesitzer und die Landwirte", sagt Schmidt. Es sei wichtig, jetzt gegenzusteuern, um das Zwei-Grad-Ziel noch erreichen zu können. "Wir lösen sonst Sachen aus, die wir nicht mehr kontrollieren können. Und die Erde ist schließlich das einzige Raumschiff, das wir haben."