Verwundert es, dass - wie jüngst in Thüringen und Brandenburg - die Zahl derer zunimmt, die vom Kreuzchenverweigerungsrecht Gebrauch machen, wenn ihnen zugemutet wird, ihr Bekenntnis zur Demokratie in einem miefigen Schulhaus ablegen zu müssen? Wenn der mündige Bürger seine Stimme schon abgibt, dann doch bitte in einem Ambiente, das diesem politischen Offenbarungseid angemessen ist!

Das wurmte vor Jahren schon Bremens Bürgerschaftspräsident Christian Weber von der SPD. Sein Vorschlag: Wahlen müssen Eventcharakter bekommen. Meine Rede. Warum den Begriff "Wahl-Lokal" nicht mal wörtlich nehmen? Wer wählt, hat danach die Wahl zwischen diversen Gerstensäften. Freies Bier für freie Bürger. So lässt sich bei Bedarf auch zeitnah das eigene Parteiabschneiden schönsaufen (schöngeredet wird es später ja ohnehin).

Weber aber wollte das Volksvotum gar im Fußballstadion (!) einholen. Das geht dann so: Am Anspielkreis stehen die Kabinen und Urnen. Wahl-Gesänge wie "Steht auf, wenn ihr Demokraten seid" erschallen. Firmen bekommen Gelegenheit, die Zwischenstände über den Multifunktionswürfel unterm Stadiondach zu bewerben. "Diese fette Hochrechnung wird Ihnen präsentiert von der Fleischboutique Kronauer."

Auf den Reporterplätzen kommentieren nicht länger die TV-Wahlstimmenfänger, sondern Sportexperten die Auszählung - mit dem ihnen eigenen Vokabular. Gerade in ostdeutschen Stadien gewönne angesichts der Stimmenzuwächse für die AfD der klassische Fußball-Satz "Deutschland kommt wieder stärker über rechts" eine völlig neue Bedeutung.