Martin Meichelbeck hat im Profi-Fußball viel erlebt. Der ehemalige Bundesliga-Verteidiger kennt noch die Zeiten, in denen mit Medizinbällen Kraft und Kondition gebolzt wurde. Zeiten, in denen der Arbeitsalltag für die Spieler hauptsächlich aus den gemeinsamen Trainingseinheiten auf dem Platz bestand.

Der 41-Jährige erinnert sich gerne zurück, doch er weiß auch: "Es hat sich extrem viel verändert. Ohne den Einsatz technischer Hilfsmittel ist Profi-Fußball heute nicht mehr vorstellbar."
Meichelbeck bekleidet seit der Saison 2011/12 einen der Direktorenposten beim Zweitligisten SpVgg Greuther Fürth. Die Schwerpunkte des studierten Sportpsychologen, sozialen Verhaltenswissenschaftlers und Sportwissenschaftlers sind die Bereiche Medizin, Sportwissenschaften, Sportpsychologie und Innovation. Sein Credo: "Man muss verschiedene Puzzleteile zusammenfügen, um die Spieler bestmöglich zu unterstützen. Nur dann können die Profis das Optimale aus ihren Fähigkeiten herausholen."


Viele Puzzleteile


Ein Puzzleteil ist die Auswertung von Daten - und die generieren die Greuther im täglichen Trainingsbetrieb. So tragen die Spieler Unterhemden mit integriertem GPS-Chip (Globales Positionsbestimmungssystem). Wie hoch ist die Herzfrequenz? Wie schnell beschleunigt ein Spieler? Wie hoch sind seine Laufleistung und die Belastung während des Trainings? Wie viele Sprints hat der Spieler gemacht?

Die Leistungsdaten werden in Echtzeit auf ein Tablet übertragen und von den Experten im Trainerteam der Fürther analysiert. Und die greifen notfalls in den Trainingsbetrieb ein, falls ein Spieler nicht an die Leistungsgrenze geht. "Bei 28 Spielern auf dem Platz hat man nicht immer jeden im Blick, aber die Daten zeigen deutlich, ob jemand 100 Prozent gibt oder nicht", sagt Meichelbeck. Doch sei diese Form der Kontrolle nur ein Nebenprodukt, im Vordergrund stehen die Belastungs- und Trainingssteuerung.


Videos von der DFL

Daten von Spielen liefert die Deutsche Fußball-Liga (DFL) über ihr Tochterunternehmen Sportcast. "Die DFL ist bei jedem Erst- und Zweitligaspiel mit mehreren Mitarbeitern vor Ort", erklärt Immanuel Kästlen, Leiter der Greuther Medienabteilung. "Sie erfassen einige Statistiken händisch, andere liefern ein Videosystem, das an den Stadiondächern angebracht ist. Auf die sehr komplexe Datenbank haben die Erst- und Zweitligavereine Zugriff."

Videos sind ein weiteres Puzzleteil im Alltag der SpVgg. Videoanalysten schneiden das Bildmaterial sekundengenau nach den Wünschen der Trainer. Anschließend folgen Individual-, Gruppen- oder Mannschaftsschulungen für die Spieler. Im Gepäck haben die Analysten dann auch Videosequenzen aus dem Trainingsbetrieb, denn zur technischen Ausrüstung der Fürther gehört ein mobiles Kamera-Liftsystem (Coaching Eye). In etwa fünf Metern Höhe filmt eine Kamera aus der Vogelperspektive die Bewegungen auf dem Platz und liefert die Bilder an einen kleinen Bildschirm in Bodennähe.

"So können wir unsere eigene Trainingsarbeit sehr gut und sehr schnell reflektieren", sagt Meichelbeck. "Die Spieler haben heute viel mehr als früher einen Vollzeitjob, der nicht nur aus dem reinen Fußballtraining besteht. Sie müssen in allen Bereichen sehr gewissenhaft mit- und an sich arbeiten - und sie werden zudem immer gläserner."

Zur Erstellung von elektronischen Spielerakten nutzen die Fürther auch Lauf- und Leistungsanalysen sowie umfassende Untersuchungen im sportmedizinischen und athletischen Bereich. Hier gibt es unter anderem Kooperationen mit dem Universitätsklinikum Erlangen und dem Institut für Sport- und Bewegungsmedizin IQ-Move. "Wir machen sehr viel Detailarbeit auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau. Die Frage muss aber immer auch sein: Was kommt dabei rum?", sagt Meichelbeck. "So sehr prozessorientiert man auch arbeitet, Fußball ist und bleibt ergebnisorientiert."

All die gesammelten Daten können letztlich nur bedingt erklären, warum eine Mannschaft ein Spiel gewinnt oder verliert. Meichelbeck begründet das mit der Komplexität des Fußballs: An einem Spiel seien eben 22 Personen beteiligt, die unterschiedlich agieren und reagieren. So mache oft nicht der Fitnesszustand, sondern die Handlungsschnelligkeit den Unterschied zwischen einem Topstar und einem "normalen" Bundesligaprofi. Diese Erfahrung machte der gebürtige Bamberger schon mehrmals: "Aleksandr Hleb oder Diego wussten schon bevor der Ball kommt, was sie machen. Und hatten im besten Fall noch mehrere Optionen. Das hat man als Gegenspieler gespürt und war beeindruckt."

Dieses Antizipieren ist ein schwieriger und langer Lernprozess. Wobei sich Meichelbeck vorstellen kann, dass in Zukunft weitere Techniken entwickelt werden, die Gehirnprozesse beschleunigen. "Wir sind im Fußball sicher noch nicht am Ende der technischen Errungenschaften. Es bleibt jedoch ein schmaler Grat: Man muss sich auf die Entwicklung einlassen, aber darf sich nicht davon einnehmen lassen. Der Fußball darf nicht vom Menschen wegbewegt werden."

All die technischen Hilfsmittel seien Werkzeuge, die Trainingsmaßnahmen unterstützen, bewerten oder hinterfragen, aber nie das subjektive Gefühl oder Beobachtungen ersetzen können. "Kein Trainer wird eine Mannschaft nur anhand von Daten aufstellen."


Martin Meichelbeck über...


Falsch-Interpretation "Im Fußball werden viele Daten gesammelt, doch sie müssen richtig interpretiert werden. Beispiel Laufleistung: Wenn eine Mannschaft hoch gewinnt, wird sie oft mehr Kilometer gemacht haben als der Gegner. Denn alle Spieler laufen bei einem Torjubel zum Torschützen und wieder zurück auf ihre Position. Auch diese Strecken zählen zur Laufleistung. Als wir einmal 0:4 gegen den VfB Stuttgart verloren haben, konnte man die um vier Kilometer höhere Laufleistung der Schwaben mit dem Torjubel erklären."

Torwarttraining "Das Torwartspiel ist innerhalb des Profifußballs eine eigene Sportart. Das technikbasierte Training spielt im Vergleich zum Feldspieler eine kleinere Rolle. Es kommt viel auf die mentale Stärke an. Deshalb müssen Torhüter viel psychologisch an sich arbeiten. Sie müssen noch mehr als Feldspieler Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gewinnen und eine konstant hohe Konzentrationsfähigkeit besitzen, die trainierbar ist. Zusätzlich gibt es Datenerhebungen über zum Beispiel gehaltene Bälle, Klärungsversuche und Passsicherheit." 

Vereinsphilosophie "Die SpVgg ist ein kleiner Verein, in einer im ligaweiten Vergleich kleinen Stadt mit nicht so vielen Zuschauern und Sponsoren. Um unseren Verein stabil zu halten, sind wir auf Transfereinnahmen angewiesen. Gleichzeitig müssen aber Verein und Team funktionieren. Deshalb versuchen wir mit innovativen Maßnahmen alles, um die Entwicklung der Spieler zu beschleunigen. Doch wir müssen auch sparsam sein. Daher ist die Zusammenarbeit mit Firmen, die uns bei der technischen Weiterentwicklung unterstützen, auch aus Marketinggründen wichtig."

Zusammenarbeit mit dem FCN "Die SpVgg und der 1. FC Nürnberg sind nicht vergleichbar. Trotz der räumlichen Nähe gibt es völlig unterschiedliche Strukturen. Es gibt auf der Führungsebene einen guten Austausch, nichtsdestotrotz kann ich mir eine Zusammenarbeit bei technischen Hilfsmitteln im Trainingsbetrieb nicht vorstellen. Kosten sparen ist zwar gut, aber in diesem Fall ginge eine Kooperation zu weit."

Kosten "Wie viel Prozent unseres Gesamtbudgets die technische Innovation ausmacht, kann ich nicht sagen. Ich will auch keine Details über Verträge mit Kooperationspartnern preisgeben. Nur so viel: Einen Footbonaut, wie ihn Dortmund und Hoffenheim nutzen, können wir uns nicht leisten. Das Trainingsgerät kann zwar die Handlungsschnelligkeit verbessern, kostet aber etwa eine Million Euro."

Trainerteam "Als ich noch aktiv war, gab es einen Chef-, Co- und Torwarttrainer, mittlerweile hat das Spezialistentum Einzug gehalten. In Fürth gehören dem Trainer- und Funktionsteam 15 Personen an, darunter sind drei Physiotherapeuten, das Ärzteteam, Athletiktrainer, Videoanalyst, Teammanagement, Ernährungsberater und Yogalehrer. Ich selbst arbeite mit den Spielern im sportpsychologischen Bereich."