Samuel Flieger ist zurück im heimatlichen Kulmbach - im Zwangsurlaub. Doch das Corona-Virus bremst den 24-jährigen Torwart des Fußball-Kreisklassisten VfB Kulmbach aus. Denn seine Universität in China ist wegen der Epidemie voraussichtlich bis Ende März geschlossen.

Eigentlich wollte Samuel Flieger jetzt in den Lehrsälen der Tongji-Universität in China sitzen und Vorlesungen im Masterstudiengang Maschinenbau - Fachrichtung Heizung, Gasversorgung, Lüftung und Klimatechnik - anhören. Das Studium, das dreieinhalb Jahre dauert und in chinesischer Sprache stattfindet, nahm Flieger Ende August 2019 auf, nachdem er bereits von September 2018 bis Juli 2019 als Austauschstudent in Shanghai gelebt hatte.

Flieger, der schon zu Bezirksligazeiten im VfB-Tor stand, studiert mit einem Stipendium in China. Dabei kommt er in den Genuss eines kostenfreien Platzes im Studentenwohnheim, das sich direkt auf dem Uni-Campus nahe dem Stadtzentrum Shanghais im Yangpu District befindet. Das Zimmer teilt er sich mit einem weiteren Studenten aus Turkmenistan, was am Anfang nicht ganz so einfach war, wie Samuel Flieger verrät: "Aufgrund der kulturellen Unterschiede mussten wir uns erst anpassen, aber inzwischen verstehen wir uns ganz gut. Die Wohnung ist sehr klein und einfach ausgestattet, ähnlich einem Doppelzimmer."

Während seiner Zeit als Austauschstudent hat Samuel ein Praktikum in einer chinesischen Niederlassung einer Schweizer Firma in Shanghai mit Fokus auf Energie-und Klimatechnik absolviert. Gleichzeitig schrieb er auch seine Bachelorarbeit. "Momentan konzentriere ich mich darauf, die chinesische Sprache zu lernen, was sehr zeitintensiv ist. Im Laufe meines Masters möchte ich aber noch mindestens ein Praktikum in Shanghai absolvieren", erzählt der Kulmbacher.

1200 Studenten

An der Tongji-Universität studieren dieses Semester knapp über 1200 Studenten aus allen möglichen Ländern, besonders aus dem asiatischen und afrikanischen Raum. Die Uni wurde vor über 100 Jahren von einem deutschen Arzt in Shanghai gegründet, weshalb auch gute Verbindungen zu deutschen Universitäten bestehen.

Die hohe Anzahl an verschiedenen Studenten macht sich auch in Samuels Klasse bemerkbar. "Wir sind 21 Studenten aus 16 verschiedenen Ländern. Meine Klassenkameraden kommen aus Ländern, zu denen man in Deutschland wenig bis keine Berührungspunkte hat, wie dem Sudan, Sierra Leone, Tschad und Burundi. Neben der Sprache und Kultur bekomme ich so auch viele Einblicke in andere Kulturen, was ich sehr spannend finde".

Sein Tagesablauf gestaltet sich im ersten Jahr noch relativ überschaubar. "Von Montag bis Freitagvormittag habe ich Chinesisch-Unterricht in der Sprachschule der Uni mit Anwesenheitspflicht. Danach gehe ich meistens mit den anderen in die Mensa zum Mittagessen. Am Nachmittag wird dann auch schon wieder Chinesisch gelernt oder am Uni-Sport teilgenommen."

Am Wochenende oder an Feiertagen hat er dann Zeit für die vielen Sehenswürdigkeiten im Reich der Mitte. "Ich war bisher in Peking, beim Eis- und Schneefestival in Harbin, in Hongkong, Fuzhou, Macau sowie in vielen kleineren Städten um Shanghai wie Suzhou, Hangzhou und Nanjing. Das Reisen ist durch das gute Schienennetz sehr angenehm, wodurch man relativ preiswert, pünktlich und schnell durchs Land kommt, auch wenn die Entfernungen gigantisch sind", berichtet Samuel Flieger, der unbedingt noch Tibet besuchen will.

Mit dem Auto durch China

"Den Westen Chinas will ich mit dem Auto bereisen, deshalb mache ich auch meinen Führerschein in China", so der 24-Jährige, der hofft, Ende März oder Anfang April wieder nach China fliegen zu können. Dabei gebe es derzeit noch wenige Corona-Fälle in Shanghai. "Die meisten Infizierten befinden sich in der Provinz Hubei mit der Hauptstadt Wuhan, in der auch der Virus ausgebrochen ist. Die ganze Region steht momentan unter Quarantäne mit dem Ziel, die Ausbreitung im Rest von China zu verhindern", sagt der Kulmbacher. Sehenswürdigkeiten und öffentliche Orte wie Museen und eben auch die Uni sind geschlossen, um größere Menschenansammlungen zu vermeiden, solange das Virus nicht unter Kontrolle ist." Samuel selbst sieht die Sache nicht so dramatisch. "Ich denke, dass das Virus nicht so schlimm ist wie von vielen befürchtet. Aufgrund der vielen Ungewissheiten und der strengen Maßnahmen der chinesischen Regierung ist eine gewisse Panik aufgekommen, die sich aber hoffentlich bald legen wird."

Wie es seinen Fußball-Kameraden vom VfB Kulmbach nach dem Wiederaufstieg in die Kreisklasse ergeht, verfolgt Samuel Flieger auch in China. Und seinen erzwungenen Heimat-Urlaub in Kulmbach wird er natürlich nutzen, um die ein oder andere Trainingseinheit der Metzdorfer zu besuchen.