Die Spartaner waren Helden der Antike. Ihr Kampfgeist ist legendär. So sollen 300 von ihnen im Jahr 480 vor Christus bei den Thermopylen bis zum letzten Mann gegen ein schier übermächtiges Perser-Heer gekämpft haben.
Poja Mahdiyeh (42) ist Perser. Die Feinde seiner Vorfahren sind für ihn heute Vorbilder. Niemals aufgeben wie die Spartaner und so hart trainieren wie sie - das haben sich er und seine Mitstreiter vom Kulmbacher Extremsport-Team "Next Level" auf die Fahnen geschrieben.


Ein Mega-Trend

Ihre Leidenschaft sind Hindernisläufe, ein Mega-Trend rund um den Globus. Dabei robben die Sportler im Schlamm unter Stacheldraht hindurch, schleifen monströse Ketten, hangeln sich über Wasser-Gräben oder wuchten Bulldog-Reifen durch die Gegend. Action ist wichtig. Aber auch der Kampf mit dem inneren Schweinehund, ans Limit der körperlichen Leistungsfähigkeit zu gehen. Poja kennt das Erfolgsgeheimnis, das hinter dem Boom steckt, der bei tausenden Teilnehmern längst auch ein Riesengeschäft ist: "Ein Hindernislauf ist ein Abenteuer. Du weißt bis zur letzten Sekunde des Rennens nicht, was Dich erwartet."
Zeiten und Platzierungen spielen für die Wenigsten eine Rolle. Der Event- steht über dem Wettbewerbs-Charakter. Und wie bei den Spartanern: die Gemeinschaft ist wichtiger als das Individuum. Poja erinnert daran, was die Spartaner so stark gemacht hat: "Einzeln hätte keiner etwas von ihnen geschafft, in der Phalanx waren sie aber fast nicht zu schlagen."
So startet auch das Team "Next Level" immer gemeinsam und läuft geschlossen über die Ziellinie. "Wenn man das schwächste Teammitglied mit ins Ziel bringt, ist man Sieger", sagt der Trainer mit dem Bachelor-Abschluss in "Physical Fitness". 2017 hat er in Kulmbach sein eigenes Athletik-Studio gegründet und trainiert dort inzwischen 130 Mitglieder, darunter etwa 50 Hindernisläufer zwischen sechs und 60 Jahren.


Tough Monks sehen's sportlicher

Mit den knapp 30 "Tough Monks", den "harten Mönchen", sowie den rund 20 Aktiven der CrossFit-Box von Ralf Müller gibt es weitere Extremsport-Gruppierungen in der Stadt Kulmbach, die damit so etwas wie die fränkische Hochburg der Hindernisläufer ist.
Weil die meisten "Monks" die Angelegenheit mittlerweile etwas sportlicher als ihr einstiger Mentor Poja sehen, gehen sie seit kurzem eigene Wege. "Wenn ich mehr trainiere als ein anderer, dann will ich auch sehen, wohin ich damit kommen kann", sagt Daniel Dittmann. Der 31-Jährige ist ein Bär von einem Mann. Doch das war nicht immer so. Sport stand früher nicht auf seiner Agenda - bis zu einem gesundheitlichen Zusammenbruch. Ein Weckruf für den Hobby-Bierbrauer, der sein Freizeit-Leben umkrempelte und sich zum echten Athleten gemausert hat.


Ihr bislang härtestes Rennen

Im Juni wollte es Daniel wissen. Gemeinsam mit Poja und vier seiner Next-Level-Läufern bildete er ein Team beim Spartan Race in Andorra. 50 Kilometer, 65 Hindernisse und 3700 Höhenmeter warteten auf dem teilweise sogar noch schneebedecktem Weg in Höhenlagen zwischen 2100 und 2900 Metern. Eine Aufgabe war Schneeballwerfen, und das mitten im Sommer. 14 Stunden lang meisterte das Sextett alle Herausforderungen, um nur 2,5 Kilometer vor dem Ziel disqualifiziert zu werden. Die letzte Zeitkontrolle erreichten die Kulmbacher 1:53 Minuten zu spät...
"Bitter, aber im nächsten Jahr holen wir uns die Gürtelschnalle", verspricht Poja.


Warum die Qualen?

Aber warum die ganzen Qualen und Strapazen? Sven Judas (47), bekannt als ehemaliger Vorsitzender des Eishockey-Clubs Bayreuth, sagt: "Jeder denkt, die sind verrückt. Aber wenn Du einmal mitgemacht hast, dann hast Du Blut geleckt." Sven schwört auf den Spirit der Spartaner: "Man macht auch mal für Fremde eine Räuberleiter."
Nichts ist mehr verpönt in Pojas Trainingsgruppe als Egoismus. "Wir vermitteln schon den Kleinen, dass sie füreinander einstehen müssen", sagt Sven, dessen Sohn Ben (6) bereits bei Kinderläufen dabei ist. Michaela ist durch das Training "viel besser für den Alltag gefestigt". Aber natürlich ist sie auch stolz, dass man an ihrem Körper "Veränderungen sieht".
Kraftprotze sind jedoch bei Hindernisläufen keineswegs im Vorteil. "Man braucht eine Mischung aus Kraft, Ausdauer und Körperbeherrschung", erklärt Sven Judas. "Deshalb ziehen wir uns nicht zwei Stunden ins Studio zurück, sondern gehen auch raus zum Joggen." Und Jonathan Stübinger (19), ehemaliger Footballspieler, erklärt: "Wir trainieren alle Muskelpartien, vor allem die Tiefenmuskulatur, die das Skelett stützt."
Poja bemüht noch einmal die Vorbilder aus der Antike: "Die Spartaner haben auch härter trainiert als alle anderen. Sie haben halt Schwerter geschwungen, wir Seile."


Kraft und Kondition

Für Nicole Seuß vom Team "Tough Monks" gehört Sport heute zum Leben. Das war nicht immer so, erst seit einem Schlüsselmoment, in dem sie beschloss, gesünder und sportlicher zu leben. "Das war bei vielen von uns so." Ihr Teamkollege Marco Kraft wog mal 110 Kilo - heute 25 weniger. "Der Gesundheitsgedanke in der Bevölkerung nimmt zu", glaubt Marco. Am Hindernislauf begeistert beide: "Es ist die Kunst, eine gute Mischung zwischen Kraft und Kondition zu finden." cs


Olympischer Hindernislauf: "Warum nicht"?

Die Spartaner träumen von Olympia. Tatsächlich sagt Joe de Senna, Chef der Spartan-Race-Organisation: "Es kann 20 Jahre dauern, aber ich will Hindernislauf zu einem olympischen Sport machen." Doch was hält man beim Bayerischen Landessportverband (BLSV) von der - noch - kommerziellen Konkurrenz? Wir sprachen mit BLSV-Vizepräsident Klaus Drauschke.

Herr Drauschke, sind kommerzielle Trail- oder Hindernisläufe eine Gefahr für den Vereinssport?
Klaus Drauschke: Wir als organisierter Sport sind über jedes Angebot, das die Menschen geistig und körperlich fordert, froh, denn Deutschland ist ein Land der Sitzenbleiber. Hindernislauf ist sicher eine Bereicherung für den Sport. Ich bin überzeugt, dass ein Großteil der Leute, die bei Hindernisläufen starten, in einer anderen Form in einem Verein aktiv ist. Und ich könnte mir vorstellen, dass auch Vereine solche Rennen im Kleinen veranstalten.

Immer mehr Sportler suchen das Event. Haben die Sportvereine den Zeitgeist verpennt?
Wenn die Vereine nicht das Ohr am Puls der Zeit haben, dann werden sie verschwinden. Wir beim BLSV sind aber guter Dinge, dass die Vereine den Weg mitgehen. Dass wir mehr Veranstaltungen mit Eventcharakter etablieren und aktiv werden müssen, ist bei den Vereinen schon angekommen. Ich bin auch Präsident des Bayerischen Volleyball-Verbandes, der schon seit Jahren mit den Beachturnieren neue Wege geht. Die Zeiten sind vorbei, dass man als Verein oder Verband warten kann, bis die Leute zu einem kommen.

Welche neue Impulse kann der BLSV den Vereinen geben?
Wir bieten schon eine ganze Reihe an Ausbildungen für Vereinsmanager oder Übungsleiter. Aber wenn wir einen Bedarf erkennen, sind wir bzw. die Verbände oder Vereine sicher auch für eine Trainerausbildung für Hindernisläufe offen. Das wäre vielleicht eine mögliche Programmerweiterung in der Leichtathletik oder Turnen, aber auch Judo. Denn für solche Spartan Races braucht man ja eine breite Ausbildung.

Und was sagen Sie zu den Olympia-Plänen der Hindernisläufer?
Zunächst muss es einen Wachstumsmarkt für diese nichtolympische Sportart geben, der bei den Sportvereinen ankommt. Nach Gründung eines Sportfachverbandes muss er in die Landessportverbände und den Deutschen Olympischen Sportbund aufgenommen werden. Kickboxen hat den Weg vor einiger Zeit eingeschlagen. Erst danach kann vielleicht daraus eine olympische Sportart werden. Die Entscheidung fällt letztlich das Internationale Olympisches Komitee. Das ist ein langer Weg, doch warum nicht?