Die Karatekas fiebern dem Jahr 2020 entgegen. Denn dann könnte ihre Sportart erstmals im olympischen Programm vertreten sein. Schließlich finden die Spiele in Japan, dem Mutterland des Karate, statt.

Und weil der Gastgeber neuerdings vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) das Recht zugebilligt bekommen hat, einen Teil des olympischen Programms selbst zu wählen, haben die Karatekas gute Chance auf eine Aufnahme.
Der Präsident des Deutschen Karateverbandes (DKV), Wolfgang Weigert, zeigte sich kürzlich in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) optimistisch, dass Karate in vier Jahren seine Olympia-Premiere feiern darf: "Die Ausrichterstadt Tokio hat fünf neue Sportarten vorgeschlagen, dabei würden von 18 Medaillenentscheidungen acht an Karate gehen. Die endgültige Entscheidung darüber fällt aber erst die IOC-Session im August in Rio de Janeiro."

Wir sprachen mit Ralf Kneitz, dem langjährigen Leiter der Karateabteilung des ATS Kulmbach.

Herr Kneitz, was würde das Olympia-Siegel für Ihre Sportart bedeuten?
Ralf Kneitz: Die großen Karateverbände in Deutschland organisieren sehr intensiv lokale, regionale und überregionale Wettkämpfe und Meisterschaften. Außerdem gibt es in zweijährigen Abständen Europa- und Weltmeisterschaften, 2014 fand die WM in Bremen statt. Eine Aufnahme bei den Olympischen Spielen würde dem Karate eine zusätzliche internationale Plattform bieten. Dies wäre natürlich großartig für die Karatekas, die sich für die Olympischen Spiele qualifizieren. Denn welcher Sportler träumt nicht davon, bei dem höchsten aller Sportwettkämpfe teilnehmen zu dürfen?

Im Karate gibt es verschiedene Verbände. Bei welchem muss man Mitglied sein, um sich den Traum einer Olympia-Teilnahme verwirklichen zu können?
Einzig und allein der DKV ist vom Bundesinnenministerium und vom Deutschen Olympischen Sportbund als Vertreter des Karatesports in Deutschland anerkannt. Nur Mitglieder des DKV dürften also zu den Olympischen Spielen, Sportler anderer Karateverbände nicht. In Kulmbach ist nur der ATS Mitglied im DKV.

Gibt es überhaupt in Deutschland eine eigene Karate-Nationalmannschaft?
Es gibt sogar mehrere "Nationalmannschaften", jeder Verband hält sich seine eigene. Aber der Bundeskader des DKV ist die einzige Nationalmannschaft, die den Bundesadler tragen und Deutschland bei Olympia vertreten darf.

Kulmbach ist mit vier Vereinen - dem ATS, dem Karate-Zentrum, der Karateschule Okinawa und der Allstyle-Karateschule - eine echte Karate-Hochburg. Gibt es hier Talente, die von Olympia in Tokio träumen dürfen?
Beim ATS haben wir mit Semra Fischer, Sophie Schina und Anna Bobrich drei herausragende Athletinnen, die bei der letzten Deutschen Meisterschaft die Bronzemedaille im Kata-Teamwettbewerb geholt haben und damit zumindest gegenwärtig in einem Leistungsbereich sind, in dem sie an einer möglichen Olympiateilnahme schnuppern würden. Zu möglichen Talenten in den anderen Vereinen kann ich nichts sagen. Diese Vereine sind aber in kleineren Verbänden organisiert, und ihre Sportler wären deshalb bei Olympia sowieso nicht startberechtigt.

Karate kommt bislang im Fernsehen so gut wie gar nicht vor. Warum ist das so?
Das liegt auch an der Vermarktbarkeit der Sportart in Deutschland. Da Karate noch keine olympische Disziplin ist, ist die Zahl der Sponsoren - außer wenn wie 2014 die WM in Deutschland stattfindet - klein, was wiederum mit der kaum vorhandenen Übertragungszeit im Fernsehen zusammenhängt. In Ländern wie Italien oder Frankreich, in denen Karate Profisport ist und wo die Topathleten gut von ihrem Sport leben können, werden Welt- und Europameisterschaften, meist sogar die Landesmeisterschaften, live im Fernsehen übertragen, was der Popularität des Karate in diesen Ländern enorm hilft. Und das sorgt dafür, dass diese beiden Länder neben dem Mutterland Japan die Weltmeisterschaften dominieren. Außerdem sind auch die Fördergelder durch den DOSB und das Bundesinnenministerium erheblich geringer als für olympische Sportarten.

Versprechen Sie sich einen Boom für das Karate, wenn die Sportart olympisch ist?
Sicherlich könnten die Vereine einen gewissen olympiabedingten Zuwachs bekommen, einen wirklichen Boom halte ich aber für unwahrscheinlich. Ein Boom wie beispielsweise beim Tennis in den achtziger Jahren hängt von mehreren Faktoren ab. Zunächst müsste Karate eine größere Präsenz in den Medien haben. Außerdem sollten deutsche Athleten erfolgreich sein, und diese Erfolge müssten zu einer allgemeinen Bekanntheit der Sportler und einer nachhaltigen medialen Präsenz führen, wie es damals bei Steffi Graf und Boris Becker der Fall war. Allerdings halte ich diese Aussichten für eher gering. Die Frage ist auch, ob so etwas überhaupt wünschenswert ist. Da die meisten Karateschulen in Deutschland Vereine mit ehrenamtlichen Funktionären sind, ist es fraglich, ob ein Boom und die Aufnahme vieler Neumitglieder überhaupt zu stemmen wäre. Karate fühlt sich als Randsportart in Deutschland eigentlich sehr wohl. Aus meiner Sicht müsste es keinen Boom geben.


Erich Bilska hofft auf Wieder-Vereinigung

2014 traf sich die Weltelite im Karate zur Weltmeisterschaft in Bremen. Der Deutsche Karate Verband (DKV) heimste für die Idee, erstmals Wettkämpfe von Behinderten und Nichtbehinderten gleichberechtigt unter einem Dach zu veranstalten, viel Lob ein - es war gelebte Inklusion im Sport. DKV-Präsident Wolfgang Weigert, ein pensionierter Polizei-Oberkommissar aus Donaustauf, sagt: "Wir sind die soziale Sportart Nummer 1." Weigert hofft nun auf das Olympiasiegel. Diesbezüglich zeigte sich Erich Bilska im Dezember bei einem Lehrgang in Trebgast schon siegessicher: "Karate wird 2020 olympisch. Wir sind in Tokio erstmals mit sechs Disziplinen dabei. Dadurch kommen wir bereits ab 2017 in den Fördertopf der olympischen Verbände." Der Bayerische Karate-Bund (BKB) hat derzeit einen Jahresetat von 500 000 Euro. Ab 2017 rechnet Bilska mit drei Millionen Euro. "Ist Karate olympisch, bekommen wir etwa sieben bis acht Mal so viel Förderung", sagt er. Der Funktionär weiß aber auch, dass dies "eine erhebliche Veränderung der Strukturen im Verband nach sich ziehen und das Geld sicherlich Begehrlichkeiten wecken wird".
In der Aufnahme des Karate ins olympische Programm sieht Erich Bilska aber vor allem eine große Chance. Der Träger des 5. Dan erhofft sich eine Wiedervereinigung der Karate-Familie, sprich die Rückkehr von abgespaltenen Verbänden zum Deutschen Karate Verband (DKV). So hat sich 1993 der damalige Bundestrainer Hideo Ochi vom Deutschen Karatebund getrennt und einen eigenen Verband, den Deutschen JKA-Karate-Bund (DJKB), gegründet.


Zahlen

168000 Mitglieder zählt der Deutsche Karate Verband (DKV). Bundesweit gibt es etwa 2300 Vereine, davon 353 in Bayern mit insgesamt 21 000 Mitgliedern. Der ATS Kulmbach hat 90 Mitglieder, davon fast alles Aktive.
50 Millionen Menschen in 190 Ländern der Welt betreiben Karate.


Steckbrief Ralf Kneitz

Alter: 41
Beruf: Facharzt für Allgemeinmedizin
Graduierung: 4. Dan (Schwarzgurt).
Funktionärslaufbahn: seit Anfang der 1990er-Jahre Kassier der Karateabteilung des ATS Kulmbach, seit 2003 Abteilungsleiter.