Zwei aufregende Tage hat Alfred Vießmann hinter sich, die er nie mehr vergessen wird. Beide Male spielen Straßen eine große Rolle, einmal in Frankreich, einmal in Deutschland.

Zunächst erfüllt sich der Untersteinacher am Sonntag einen großen Traum: der 76-Jährige erlebt die Tour de France hautnah mit. Vießmann, seine Frau Renate und ihre beiden Töchter Ute und Elke stehen am Straßenrand nur wenige Meter neben dem Zielstrich, als André Greipel zu seinem dritten Etappensieg sprintet. Die vier Untersteinacher jubeln mit ihrem Landsmann, auch wenn Alfred Vießmann seine Hand nicht für ihn ins Feuer legen würde. Denn der ehemalige Sportlehrer gibt sich als durchaus kritischer Fan zu erkennen: "Ich bin überzeugt, dass im Radsport weiterhin gedopt wird."



Seine Begeisterung für die große Rundfahrt durch das Land der Haute cuisine kann das aber nicht schmälern. "Es ist schon Wahnsinn, was die Fahrer bei der Tour leisten müssen, vor allem bei der Hitze", sagt Vießmann voller Respekt, ist er doch selbst begeisterter Radfahrer. Schon als 17-Jähriger strampelte der Untersteinacher mit einigen Kumpels nach Rom und zurück. Heute lässt er es etwas gemütlicher angehen. So wie bei der letzten Radtour mit etwa 30 Sportfreunden ("Alles Rentner") der Fortuna Untersteinach. Über die Wasserkuppe ging es nach Kassel.


Warten auf den Tour-Tross
Die Hitze ist "brutal", als die Vießmänner in Valence auf die Weltklasse-Pedaleure warten. Schon fünf Stunden vor der Zielankunft sind die Untersteinacher dort. Den Zugang in den Medienbereich verschafft ihnen Natalie Saur (46), deren Mutter Otilie ebenfalls aus Untersteinach stammt, aber schon 50 Jahre in Paris lebt.

Natalie Saur arbeitet beim französischen Sender France 2, der die weltweiten Bilder von der Tour de France produziert. Die Deutsch-Französin sitzt im riesigen Übertragungswagen des Fernsehsenders und ist dort unter anderem für die Info-Grafiken und -schriften zuständig. Ein interessanter, aber auch stressiger Job, denn drei Wochen lang tourt die zweifache Mutter mit dem Sender etwa 3500 Kilometer quer durch Frankreich, ist jeden Tag an einem anderen Ort. Genauso wie die kilometerlange Werbekarawane, die sich wie ein Lindwurm weit vor den Radfahrern über die Strecke schlängelt und wie beim Karneval das Publikum mit allerlei Geschenken bewirft. Da lassen die Sponsoren kleine Käse, Würste oder Kappen in die Menge fliegen.


Technik, die beeindruckt
Alfred Vießmann und seine Familie sind vor allem von der Fernseh-Technik schwer beeindruckt, die ihnen Natalie Saur an ihrem Arbeitsplatz präsentiert. "Wir waren live dabei, als eine Sport-Sendung übertragen wurde, mussten aber mucksmäuschenstill sein", erzählt Alfred Vießmann.

Das Tour-de-France-Erlebnis ist der krönende Abschluss eines einwöchigen Urlaubs in der Provence. Vor allem der Lavendelblüte wegen sind sie dort. Nach einer weiteren Nacht in Valence ("eine sehr schöne Stadt") geht es am Montag wieder heim nach Oberfranken.

Als Alfred Vießmann am Abend mit dem Auto in seine Einfahrt in Untersteinach einbiegt, laufen im Radio gerade die Nachrichten. Und da sagt der Sprecher, dass die Umgehung von Untersteinach gebaut wird, für die Alfred Vießmann seit Jahrzehnten in vorderster Front gekämpft hat. Der nächste Festtag für die Vießmänner, die direkt neben der viel befahrenen Hauptstraße schlafen müssen und unter dem Verkehr besonders leiden. "Ich konnte es erst nicht glauben und habe den Landrat angerufen. Als er es bestätigt hat, haben wir gleich eine Flasche Sekt aufgemacht", sagt Alfred Vießmann und zitiert den früheren israelischen Ministerpräsidenten Ben Gurion: "Wer nicht an Wunder glaubt, der ist kein Realist." Vießmann hat immer fest daran geglaubt, dass die Umgehung doch noch kommt. "Trotzdem war die Nachricht am Montag für mich wie ein Wunder."