"Geschafft", sagen Sindy Meier und Dieter Oeckl, als sie nach ihrem ersten Marathon überglücklich die Ziellinie im Münchner Olympiastadion überqueren. Bei ihrem Debüt über die 42,195 Kilometer knacken sie mit der von ihnen nicht für möglich gehaltenen Zeit von 3:56,43 Stunden sogar gleich die Vier-Stunden-Marke. Angepeilt waren 4:10 Stunden.

Etwas mulmig ist ihnen schon zumute, als Sindy und Dieter zum Olympiagelände kommen und vor dem Start einen Blick ins Stadion werfen. "Dort werdet ihr später ins Ziel laufen", macht ihnen Trainer Michael Kraus Mut. Doch bis zum Start bleiben noch gut eineinviertel Stunden für die letzten Vorbereitungen: Kleiderbeutel-Abgabe, leichtes Aufwärm- und Dehnprogramm und zu guter Letzt der Gang zur Toilette.


Optimale Bedingungen

Die äußeren Bedingungen könnten nicht besser sein. Sonne und blauer Himmel bei Temperaturen um die 14 Grad sind die angenehmen Begleiter der Läufer bei ihrer Tour durch die bayerische Metropole. Punkt 10.10 Uhr startet der Läuferpulk auf der Ackermannstraße Richtung Altstadt. Nach dem Wendepunktabschnitt auf der Ludwigstraße zwischen Kilometerpunkt drei und fünf geht es Richtung Englischer Garten. Gut sieben Kilometer führen durch den Park, der bei Kilometerpunkt 15 wieder verlassen wird. Dieter blickt da auf die Uhr und stellt fest: "Wir sind jetzt drei Minuten zu schnell." Trainer Michael Kraus antwortet: "Passt schon, weiter so!" Über Bogenhausen wird wieder die Altstadt erreicht.

Das Trio liegt mit exakt 2:01 Stunden bei der Streckenhälfte sehr gut in der angepeilten Endzeit von 4:10 Stunden. Aber auf der zweiten Hälfte kann viel passieren. Die Läufer fürchten den "Mann mit dem Hammer", der jenseits der 30-Kilometer-Marke zuschlägt. Doch bevor Sindy, Dieter und Trainer Michael das Kilometerschild 30 erreichen, wird das Tempo etwas langsamer. Sindy und Dieter: "Wir spüren jetzt schon ein bisschen unsere Beine."


Die kleine Schwächephase

Leichtes Muskelziehen macht sich bemerkbar. Am Verpflegungspunkt lassen sich die drei Ausdauersportler mehr Zeit als sonst. Sind das schon die ersten Ermüdungszeichen? Es geht weiter, mitten durch das Herz von München, über den Marienplatz. Kilometerpunkt 32: Die kleine Schwächephase scheint überwunden. Der Trainer spürt: "Da geht noch was." Dann sind es nur noch sieben Kilometer bis ins Ziel. 3:17 Stunden sind rum.

Für sieben Kilometer eine knappe Dreiviertelstunde, das müsste zu schaffen sein! Es bleibt spannend. Das Tempo wird nochmal leicht erhöht auf einen Kilometerschnitt von knapp unter 5:30 Minuten. Kurz vor Kilometerpunkt 40 der letzte Verpflegungsstand. Sindy fragt: "Sollen wir noch mal Flüssigkeit auftanken?" Der Trainer: "Ja, aber schnell." 500 Meter später wird der "Vier-Stunden-Zugläufer" überholt und ruft dem Trio zu: "Das schaut aber noch locker aus"! Das motivierte nochmal unheimlich.


Durch das Marathontor

Durch das Marathontor geht's ins Olympiastadion. Eine ganz andere Welt tut sich auf. "Atemberaubend. Sensationell! Das ist die Krönung", sprudelt es aus der 32-jährigen Sindy Meier heraus. Die letzten Meter werden auf der Tartanbahn zurückgelegt. Nach exakt 3:56,43 Minuten bleibt die Uhr stehen. Sindy und Dieter sind "fertig und überglücklich". Auch die Platzierungen sind nicht schlecht: Sindy belegte den 87. Platz in der Altersklasse W 30, Dieter Platz 105 in der Altersklasse M 55. Das bedeutet eine Platzierung im Vorderfeld.


Stolz auf die Medaille

Stolz erfüllt die Ausdauersportler, als ihnen die Medaille umgehängt wird. Auf dem Stadionrasen genießen sie die besondere Atmosphäre, stärken sich mit Obst, Brezeln und alkoholfreiem Weißbier. "Anfang des Jahres hätte ich nicht gedacht, dass ich mit 55 Jahren einen Marathon schaffe und noch dazu mit einer Zeit von unter vier Stunden", sagt Dieter Oeckel und führt an: "Die ganze Vorbereitung war schon ein hartes Stück Arbeit. Auch die Familie musste leider etwas zurückstecken. Jetzt werde ich es ruhiger angehen lassen." Auch für die zweifache Mutter Sindy Meier war es nicht immer einfach, "alles unter einen Hut zu bringen". "Der Zeitaufwand war schon enorm", sagt die 32-jährige Krankenschwester, die aber weiter Marathon laufen will.