Den Rücktritt vom Rücktritt gab es schon einmal bei Horst Seehofer. Doch jetzt scheint der 69-Jährige ernst zu machen mit seinem (jedenfalls teilweisen) Ausstieg. Am Sonntagabend hatte der CSU-Chef in einer Sitzung der Parteispitze intern seinen Rückzug in Aussicht gestellt, gestern machte er das öffentlich. Die CSU plant demnach nun für Anfang nächsten Jahres einen Sonderparteitag, um einen neuen Parteichef zu wählen. Inwiefern das Auswirkungen auf Seehofers Amt als Bundesinnenminister hat, darüber wird heftig spekuliert - er selber wolle regulär weitermachen.

Politikbeobachter in München und Berlin sprachen seit längerem von der "Seehofer-Dämmerung". Die Nachricht vom Rückzug auf Raten löste bei CSU-Lokalpolitikern wie auch Landtags- und Bundestagsabgeordneten Reaktionen aus. Die BR hat dazu Mandatsträger aus den Reihen der Christsozialen wie auch aus dem gegnerischen Lager befragt.

Dank für die Strukturpolitik

Die CSU-Bundestagsabgeordnete Emmi Zeulner dankt Horst Seehofer für seine Strukturpolitik der vergangenen Jahre. So sei es beispielsweise eine maßgebliche Entscheidung von ihm gewesen, dass die Universität Bayreuth Standort für ein Medizinstudium wird oder auch in Kulmbach ein Universitätscampus entsteht. "Aber ja, es ist Zeit und richtig, dass die CSU die Chance für einen Neuanfang nutzt", so Zeulner weiter. Mit Markus Söder habe die Partei auch einen "fähigen Nachfolger, der als Heimatminister bereits bewiesen hat, dass er die unterschiedlichen Interessen zwischen ländlichen Raum und Großstadt im Blick hat".

Über Seehofers Verbleiben im Amt des Bundesinnenministers werde in den Gremien noch zu sprechen sein. "Bundesweit wird seine politische Ausrichtung ja durchaus anerkannt, auch vor dem Hintergrund, dass man nach dem Ausscheiden, unter anderem von Wolfgang Bosbach, glaubwürdige Stimmen in diesem Bereich seltener hört."

Es werde aber auch darum gehen, insgesamt leiser zu agieren, aber nicht weniger konsequent. "Denn gerade im Bereich der Flüchtlingspolitik müssen wir weiterhin liefern und die Probleme lösen. Durch unseren Entwicklungsminister Gerd Müller gewährleisten wir zugleich, dass auch die humanitäre Seite nicht vernachlässigt wird. Unser Ziel ist es, weiterhin Ordnung zu schaffen und zugleich Humanität zu bewahren."

Vom Zeitpunkt überrascht

"Angesichts der Vorstellung des neuen Kabinetts ist das Thema Seehofer in der Plenarsitzung am Montag nicht mit einem einzigen Wort erwähnt worden", berichtet Rainer Ludwig, der seit einer Woche für die Freien Wähler im Münchner Maximilianeum sitzt. Und auch wenn seine Fraktion Koalitionspartner ist, hält der Kulmbacher die Causa Seehofer "für eine CSU-interne Angelegenheit". Für Ludwig sei die Entscheidung des CSU-Chefs zu erwarten gewesen; allerdings habe ihn der Zeitpunkt so kurz vor der Kabinettsbildung überrascht.

"Der Druck auf Seehofer, auch seitens der Bürger, ist größer geworden", sagt Ludwig. Die Wähler hätten die Dauerquerelen in der Union, etwa in Sachen Asylpolitik, satt gehabt. "Da waren ein Stück weit wohl auch persönliche Befindlichkeiten gegenüber Angela Merkel mit im Spiel. Die Menschen aber goutieren das nicht, sie wollen Lösungen für ernste Probleme und keine Scheindebatten."

Der 56-Jährige Neu-Abgeordnete hätte es konsequent gefunden, wenn Seehofer auch den Innenministerposten aufgeben hätte. "Aber das hätte freilich die Frage aufgeworfen: Wer folgt ihm in Berlin nach? Da wäre sicher wieder Joachim Herrmann ins Gespräch gebracht worden - der aber ist eine feste Größe im Team von Markus Söder."

"Unsägliches Spiel"

Die SPD-Landtagsabgeordnete Inge Aures bekundet: "Das unsägliche Spiel hat bald ein Ende. Es war an der Zeit." Allerdings kritisiert sie den Umgang mit Seehofer in dessen eigener Partei. "Viele, die seine Rücktritt forderten, sind ihm noch kürzlich in den Hintern gekrochen. Ich finde das verwerflich, jemanden erst scheinheilig zu feiern und ihn dann vom Hof zu jagen. Man muss sicher nicht mit seiner Politik einverstanden sein, aber was da in der CSU abgeht, empfinde ich als unmenschlich."

Und wie bewertet Aures ihr Verhältnis zu Seehofer? "Unser Umgang miteinander ist gut und fair, würde ich sagen. Er hat mir zum Gruß immer mal auf die Schulter geklopft." Zu Seehofers Nachfolge an der Parteispitze äußert sich die Parlamentariern nicht. "Das soll die CSU selber ausmachen, ist nicht meine Baustelle."

"Schwierige Wahlen hinter uns"

"Wir haben als CSU schwierige Wahlen hinter uns. Es ist nachvollziehbar, dass dann personelle Konsequenzen diskutiert werden", äußert der Vorsitzende des CSU-Stadt- und Kreisverbands Kulmbach, Henry Schramm, zu den aktuellen Entwicklungen. Die Parteigremien tagten noch, danach werde man weitersehen. Für Schramm steht fest: "Sowohl unter Ministerpräsident Horst Seehofer, als auch jetzt unter Markus Söder ist die Region und insbesondere auch die Stadt Kulmbach immer stark unterstützt worden."

Um eine Stellungnahme gebeten hatten wir auch den CSU-Landtagsabgeordneten für den Stimmkreis Wunsiedel-Kulmbach, Martin Schöffel, doch haben wir bis Redaktionsschluss keine Antwort bekommen.