Um Michael Bayers Gesundheit ist es im Frühjahr 2007 schlecht bestellt. Da erfolgt die Kehrtwende im Kopf: Der Hollfelder isst anders. Und entdeckt das Radfahren neu. Die Langstrecke wird zur Leidenschaft, er "frisst" die Kilometer geradezu. Im Gespräch berichtet der 54-Jährige, wie er buchstäblich die Kurve bekam - und welche Rolle Rallye-Legende Walter Röhrl dabei spielte.

Waren Sie schon immer der sportliche Typ?

Michael Bayer: Ganz und gar nicht. Der ausschlaggebende Punkt war ein Satz meines Hausarztes im Frühjahr 2007: Ich wog damals über 140 Kilogramm, hatte Diabetes Typ II, war herzinfarkt- und schlaganfallgefährdet. Auf jeder Treppe hoch habe ich geschnauft wie ein Postgaul, aber irgendwie kannte ich es auch nicht anders. Ich hatte, seit ich selbstständig bin, kaum Zeit, mich um mein Wohlbefinden zu kümmern. Die Arbeit ging vor - und bei der Gesundheit habe ich geschlampert, wie man auf Fränkisch sagt.

Angesichts meiner äußerst bedenklichen Blutwerte meinte mein Arzt: "Herr Bayer, Sie haben für sich sowieso keine Zeit, aber eine Ernährungsberatung wäre das Optimale, um von Ihren Problemen wegzukommen." Da habe ich zu ihm gesagt: "Wenn das so ist, fange ich heute noch damit an." Er hat damit genau einen Nerv getroffen, in den Moment hat es "Klick" gemacht im Kopf. Und wenn ich was mache, bin ich ein ganz konsequenter Mensch. 100 Prozent oder gar nicht.

Kommt man damit automatisch aufs Fahrradfahren?

Nein, es ging erst los mit besagter Umstellung meiner Ernährung. Ich habe rigoros auf die Broteinheiten geschaut, auf gute Kohlenhydrate geachtet, also Vollkorn statt Weißmehl und so weiter. Es gab dazu Gruppengespräche mit anderen Patienten. Da wird schonungslos alles offengelegt, da bekommt man die nötige Motivation weiterzumachen. Positiv bestärkt wurde ich auch, weil die Werte schnell merklich besser wurden. Wobei ich mich nie gewogen habe. Ich machte mir keinen Zwang daraus. Das Gewicht purzelte, ich fühlte mich fitter. Es ging vieles leichter - und dann packte mich der Ehrgeiz. Zum Gesamtkonzept gehört Bewegung. Da erinnerte ich mich an mein altes Mountainbike. Früher bin ich damit einmal pro Woche so um die 20 Kilometer gefahren. Das Rad stand bei meinem Vater lange unbeachtet in der Holzlege. Ich habe es rausgekramt und mich draufgesetzt. Die Runde, die ich früher fuhr, wollte ich mal wieder angehen. Und was soll ich sagen: Nach wenigen Minuten dachte ich, mein letztes Stündlein hat geschlagen. Also lieber wieder aufhören? Wenn ich was anfange, bleibe ich dabei. Ich fing also langsam an, fünf bis acht Kilometer Flachstrecke am Tag zurückzulegen. Anfangs brauchte ich dafür fast eine Stunde. Das wiederholte ich sechs Mal die Woche. Diese Zeit habe ich mir dann tatsächlich endlich für mich genommen. Nebenbei: Die Zeit wäre immer da gewesen, aber man sieht sie nicht. Es ist ja keine Stunde Verlust, man tut etwas für sich. Es ist ein großer Gewinn. Und der Körper dankt es, ich konnte schon nach zwei Monaten meine Medikamente stark zurückfahren. Die Laune besserte sich, ich war ausgeglichener, fühlte mich wohler. Man traute sich mehr zu, die Strecken wurden länger.

Wo trainieren Sie?

Ich fahre mittlerweile viele Strecken im Landkreis Kulmbach, weil die Wege und die Landschaft genial schön sind. Vor allem nach Thurnau und Kasendorf, rüber nach Katschenreuth bis Windischenhaig und an Kulmbach vorbei Richtung Bayreuth, aber auch im Frankenwald. Es gibt im Umkreis von 40 Kilometern wohl keinen geteerten Weg, den ich mit dem Rad nicht schon gefahren bin.

War da der besondere sportliche Ehrgeiz geweckt?

Irgendwie schon, ja. Nach den ersten Monaten schaffte ich mit dem Mountainbike schon bis zu 50 Kilometer am Stück. Dann habe ich mal ein Rennrad ausprobiert und gemerkt, mit welcher Leichtigkeit man da unterwegs ist. Damit waren dann ganz andere Distanzen möglich. Am ersten Wochenende bin ich 200 Kilometer geradelt.

Im Herbst 2007 war ich dann bei Walter Röhrl, den ich von meinen Teilnahmen als Co-Pilot bei Rallyes kannte. Das mache ich seit über 30 Jahren, ich organisiere über meine Werbeagentur auch solche Events mit. Walter hätte mich fast nicht mehr wiedererkannt. Ich erzählte ihm von meinem neuen Hobby - und er sagte spontan: "Da fährst Du nächstes Jahr den Arber-Marathon im Bayerischen Wald mit - und ich bin da."

Zur Erklärung: Dort sind 7000 Radsportler am Start. Ich antwortete: "Okay, das mache ich." Vorbereitet habe ich mich unter anderem im Dezember auf Mallorca, ein Mekka für Radsportler. Dort knackte ich dann das erste Mal die 100-Kilometer-Marke - ich war zwar komplett im Eimer, aber stolz wie Oskar. Beim Arber-Marathon sind es etwa 240 Kilometer. Walter Röhrl hat wie versprochen am Start auf mich gewartet. So ist die Liebe zur Langstrecke gewachsen.

Dann will man noch mehr?

Ja. 300 Kilometer war das nächste Ziel. Also bin ich nach Dresden gefahren, nach Heidelberg oder zum Kloster Andechs.

Sind Sie dabei allein unterwegs?

Nein, immer mindestens zu zweit und immer mit Begleitfahrzeug, das uns dann wieder heimbringt. Mein Tourpartner von damals ist leider gestorbe, ich hatte danach erst mal keinen, der diese Strecken mitgeradelt ist. Meine Frau unterstützt mich sehr, aber ihres ist das Radfahren nicht so. So ist es ein bisschen eingeschlafen - bis ich vor zwei Jahren jemanden wiedertraf, den ich vom Motorsport kannte. Wir kamen aufs Radfahren zu sprechen. Er kaufte mein mittlerweile abgelegtes Rennrad.

So fing es an. 2018 fuhren wir bis hinunter nach Reit im Winkl. Als wir angekommen waren, sagten wir uns beide: Eigentlich hätten wir jetzt noch 100 Kilometer dranhängen können. Da war die Idee geboren, es mit einer Schnapszahl zu probieren: 444 Kilometer.

Die Planung für diese außergewöhnliche Route sah ursprünglich Zürich als Zielort vor.

G enau, aber mittlerweile haben wir umgeschwenkt und es läuft wohl auf Vaduz in Liechtenstein hinaus. Genauso weit, aber streckentechnisch reizvoller. Es kann sich freilich nochmals ändern. Wenn heftigster Südwind herrscht, fahren wir nicht dagegen an, dann radeln wir eben Richtung Hamburg. Starten wollen wir am 21. Juni, aber wir machen das abhängig vom Wetter. Wenn es wie aus Kübeln gießt, verschieben wir - wir wollen die Fahrt ja auch genießen.

Wie läuft die Marathon-Route ab?

Wir fahren die 444 Kilometer am Stück. Es geht gegen Mittag los und die ganze Nacht durch. Es wird vom Start bis Ziel 24 Stunden dauern, die reine Fahrzeit beträgt zwischen 16 und 18 Stunden. Wir planen einen 26er-Schnitt, also 26 Kilometer pro Stunde. Wir überwinden dabei etwa 3000 Höhenmeter, ein leicht welliges Streckenprofil.

Radeln Sie sich dabei in eine Art Rausch?

Bei meinem ersten Arber-Marathon sind bei der Zielankunft tatsächlich die Tränen geflossen. Es war wie ein Rückblick aufs Leben im Schnelldurchlauf: Wie war ich früher drauf - und was kann ich jetzt schaffen? Das macht dich brutal stolz, dieses Hochgefühl hält einige Wochen an. Aber ich habe auch Grenzen. Solche Geschichten wie "Race across America", ein ultralanges Radrennen, bei dem bis zu 5000 Kilometer zurückgelegt werden, sind jetzt nicht mein Bestreben. Für Hobbyradler wie mich gibt es das Ereignis "Trondheim - Oslo" mit 540 Kilometern, aber daran denke ich jetzt noch nicht. Ich schließe jedoch nichts aus. Bei meiner jetzigen Leistung, denke ich, geht noch was. Ich sage da niemals nie.