Am 6. Dezember ist Nikolaustag. Der heilige Mann besucht, wie es Tradition ist, viele Kindergärten und Familien und lobt und tadelt die Kinder. inFranken.de hat dazu den Erzieher, Umwelt- und Erlebnispädagogen Michael Seck befragt, der das Zentrum für Kinder und Familien in Mainleus und vier weitere Kindergärten leitet.

Herr Seck, haben kleine Kinder Angst vorm Nikolaus? Es kann ja eine Art Gericht sein, dem sich ein Kind hier stellen muss.
Michael Seck: Kinder haben in der Regel, wenn Sie keine negativen Vorerfahrungen gemacht haben, keine Angst. Es ist eine neue Situation, auf die sie zögerlich reagieren können. Hier sind die Eltern gefragt. Das Thema sollte gut vorbereitet werden. Positive Nikolausgeschichten sind bei Kindern beliebt und setzen den Bischof in das rechte Licht.

Ein konkreter Fall: Wenn zum Beispiel der Nikolaus vorträgt (was ja vorher die Eltern aufgeschrieben haben), dass das Kind mit seinen vier Jahren immer noch in die Hose macht ... So etwas ist doch demütigend, oder?
Öffentliche Demütigungen und Moralpredigten halte ich nicht für sinnvoll. Pädagogisch gesehen ist dies der falsche Ansatz. Wir arbeiten schon immer mit dem Grundsatz "Stärken stärken", um dadurch die Schwächen aufzuarbeiten. Selbstvertrauen und Selbstwert werden dadurch gestärkt. Kinder werden in ihrer Entwicklung positiv begleitet und wachsen zu autonomen Persönlichkeiten hin. Ursachen für das Einnässen sind wo anders zu suchen. Dieses Thema gilt es aufzuarbeiten. Ist man sich selber nicht sicher, kann man hier gerne professionelle Hilfe holen.

Welche Aufgaben hat nach Ihrer Ansicht der Nikolaus?
Sankt Nikolaus sollte eigentlich Freude bringen. Wenn Menschen behaupten, der Nikolaus bestrafe Kinder für böse Taten, so stimmt das nicht. Als Advents-Heiliger weist Nikolaus vor allem auf das kommende Weihnachtsfest hin. Er sollte eine lichte, helle Gestalt sein, die Wärme und Freude in die langen Winternächte bringt. Aus diesem Grund will und soll der Nikolaus: keine Angst machen, Kinder nicht erschrecken, nicht als Moralprediger fungieren sowie nicht drohen oder bestrafen. Er kann keine Erziehungs defizite der Eltern wettmachen, das funktioniert nicht.

Können Eltern damit rechnen, dass sich das Verhalten ihres Sprösslings/ihrer Sprösslinge nach dem Nikolaus-Besuch ändert?
Wer sich selbst in seine Kindheit zurückversetzt, der weiß, dass Moralpredigten nur eine kurze Haltbarkeit haben. Sehr schnell verfällt man in seine normalen Verhaltensmuster zurück. Verhaltensänderung benötigt Zeit. Und Verhaltungsänderung beruht auf dem Prinzip von Reaktion und Gegenreaktion. Wenn ich als Erwachsener die gleichen Verhaltensmuster beibehalte, wird ein Kind ohne Motivation von innen heraus kein verändertes Verhalten zeigen.

Welche eigenen Erfahrungen haben Sie mit dem Bischof Nikolaus gemacht?
Hier habe ich ein besonderes Erlebnis in Erinnerung. Da ich gemeinsam mit meinem Cousin aufgewachsen bin und wir ungefähr das gleiche Alter haben, freuten wir uns gemeinsam auf das Nikolausfest. Unser Großvater hatte uns damals ein kleines Gedicht mitgegeben: " Nikolaus fang die Maus, kehr sie mit dem Besen raus." Für uns fünfjährige Jungs war es eine Art Mutprobe, diesen Satz immer wieder aufzusagen, trotz Vorwarnung der Oma: "Der Nikolaus hört euch!" Der Nikolausabend rückte näher. Bis es so weit war: Gemeinsam mit der ganzen Familie saßen wir im Wohn zimmer, und der Bischof kam zur Tür herein. Schnell versteckte ich mich hinter dem Sofa und wiederholte gebetsmühlenartig und mit lauter Stimme: "Nikolaus, ich sage es nicht mehr, ich verspreche es Dir!" Der Angesprochene wusste natürlich von gar nichts, und ich musste die ganze Geschichte erzählen. Noch jetzt sorgt das Ereignis für Heiterkeit in unserer Familie.