Es ist ein Dilemma, mit dem sich Pflegebedürftige und ihre Familien ebenso wie die Betreiber von Pflegeheimen, ambulanten Diensten und Krankenhäusern konfrontiert sehen: Es gibt zu wenig Pflegekräfte für immer mehr Pflegebedürftige. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt.

Der Trend in diese Richtung zeichnet sich schon seit vielen Jahren ab, eine Lösung ist aber trotz vielfältiger Bemühungen nicht greifbar.

Wie sieht die Situation im Landkreis aus? Welche Ideen gibt es, um den Pflegeberuf attraktiver zu machen und den Engpass zu beseitigen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines Diskussionsabends, zu dem die Bayerische Rundschau am Montag in die Kommunbräu eingeladen hatte. Vertreter der Wohlfahrtsverbände und privater Dienste, von Politik, Gewerkschaft und Verwaltung, Pflegekräfte und Angehörige beleuchteten im Gespräch mit BR-Redaktionsleiter Alexander Müller das Thema aus unterschiedlichsten Blickwinkeln.

Woran liegt es, dass der Altenpflege der Nachwuchs fehlt? Da kommen mehrere Faktoren zusammen, so die Träger: Wenig Vollzeitstellen sind ein Problem, aber auch das negative Image der Altenpflege und natürlich die Tatsache, dass viele Branchen um junge Leute werben.

"Eine schöne Aufgabe"

"Die Pflege wird oft als ein schwerer, schlecht bezahlter Beruf dargestellt, doch tatsächlich ist sie ein schöne, befriedigende Aufgabe, die große Wertschätzung verdient", so BRK-Kreisgeschäftsführer Jürgen Dippold. "Wir wissen, was unsere Mitarbeiter leisten!"

Schlecht bezahlt werden Pflegekräfte nicht, betont Diakonie-Geschäftsführer Karl-Heinz Kuch. Bei den Wohlfahrtsverbänden lehne man sich an den Tarif des öffentlichen Dienstes an. Allerdings nehmen die wenigsten Mitarbeiter ein volles Monatsgehalt mit nach Hause, räumt er ein: "Um alle gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen, müssen wir überwiegend Teilzeitkräfte einsetzen."

Der Bundestag hat heuer ein "Sofortprogramm Pflege" beschlossen, das 13 000 neue Stellen in stationären Pflegeeinrichtungen finanzieren soll. "Doch woher sollen diese Pflegekräfte kommen? Wir finden ja noch nicht einmal genug Fachkräfte, um die vorhandenen Stellen zu besetzen", sagt Hauptgeschäftsführerin Margit Vogel vom Awo-Kreisverband.

Müsste aufgrund der aktuellen Entwicklungen die Fachkraftquote, die derzeit im stationären Bereich bei mindestens 50 Prozent liegt, reduziert werden? Das ist für die Geschäftsführer der Wohlfahrtsverbände keine Option: "Wir wollen Qualitätsstandards gewährleisten", macht Margit Vogel deutlich. "Da gibt es keine Alternative zu ausgebildeten Fachkräften."

Es müssen also andere Lösungsansätze her. Man könnte mehr Vollzeitstellen und damit attraktivere Arbeitsplätze anbieten, wenn das System der Pflegeschlüssel anderes organisiert wäre, meint Jürgen Dippold. Statt den Personalschlüssel permanent an die ständig variierenden Pflegegrade der Bewohner anpassen zu müssen, sollte man ihn an der Zahl der genehmigten Pflegeplätze ausrichten und damit eine gewisse Planungssicherheit ermöglichen.

Einig sind sich die Heimträger darin, dass eines der größten Probleme - neben dem fehlenden Nachwuchs - die Überregulierung der Pflege ist. Umfassende Dokumentation bis ins kleinste Detail, Arbeitsgruppen und Qualitätszirkel sind Zeitfresser, die dazu führen, dass Pflegekräfte gerade einmal die Hälfte ihrer Arbeitszeit unmittelbar den zu betreuenden Menschen widmen können. "Zu wenig", sagt Dippold und richtet den Appell an die Politik, Vorgaben grundlegend zu überdenken.

Wolfgang Panzer aus dem Publikum meldet sich zu Wort und unterstreicht diese Forderung: "Dem Pflegebedürftigen bringt es gar nichts, wenn ich aufschreibe, dass er um 8 Uhr aufgestanden ist."

Unter dem Mangel an Pflegefachkräften leiden nicht nur die Altenheime, sondern auch die Kliniken - und das gleich in doppelter Hinsicht. "Es gibt schon allein aufgrund der demografischen Entwicklung immer weniger junge Leute und damit auch weniger potenziellen Nachwuchs für die Pflegeberufe", sagt Klinikums-Geschäftsführerin Brigitte Angermann.

"Eine Katastrophe"

Wenn ein alter Mensch nach einer schweren Erkrankung nicht mehr aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen werden kann, weil er nicht mehr allein zurecht kommt, ist guter Rat oft teuer: "Es ist oft sehr schwer, kurzfristig einen Pflegeheimplatz zu finden. Für uns ist das eine Katastrophe. Wir brauchen das Bett für andere Patienten, können den Pflegebedürftigen aber auch nicht einfach heimschicken."

"Es fehlen nicht Betten, sondern Hände"

Der Bezirk Oberfranken ist dafür zuständig, dass ein notwendiger Umzug ins Pflegeheim nicht am Geld scheitert. Die Pflegekosten steigen von Jahr zu Jahr und damit auch der Anteil derer, die den Eigenanteil an der Heimunterbringung nicht aus eigenen Mitteln aufbringen können, weiß Angela Trautmann-Janovsky, Leiterin der Sozialverwaltung beim Bezirk Oberfranken. 3700 stationär untergebrachte Pflegebedürftige beziehen Leistungen des Bezirks. Zum Vergleich: Im Jahr 2005 waren es noch 2811.

Als Pflegesatzverhandler ist Hans-Reinhard Hermsdörfer für den Bezirk tätig: "Die Kosten steigen, aber leider nicht die Leistungspauschalen der Pflegeversicherung."

Beim Landratsamt ist Sachgebietsleiter Uwe Oetter für die Heimaufsicht verantwortlich. Haben wir genug Pflegeplätze im Landkreis? "Das Problem ist nicht das Bett, sondern die Hände, die wir für die Pflege brauchen", sagt Oetter.

Mehr Hände für die Pflege - wo sollen die herkommen? Immer wieder dreht sich die Diskussion um diese Kernfrage. Die Altenpflegeschule Stadtsteinach könnte mehr Schüler aufnehmen, sagt Schulleiter Peter Johann, "aber dieses Mehr liegt in der Verantwortung der Praxis". Die Arbeitgeber müssen erst einmal Auszubildende finden. Nicht vergessen dürfe man die Ausbildung der Pflegelehrer: "Es gibt zu wenig Studienplätze." Kritisch sieht Johann die neue Generalistik in der Ausbildung von Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflegern: "Drei Berufe in eine Ausbildung zu quetschen, das wird schwierig. Das kann nur mit einer sehr guten, gründlichen Praxisanleitung funktionieren. Die Mitarbeiter, die das in den Heimen und Kliniken leisten müssen, fehlen wieder in der Pflege."

Schlüssel: Arbeiten und Leben in Balance

An der Tatsache, dass es aktuell zu wenig potenzielle Auszubildende gibt, um den Fachkräftebedarf in allen Berufen zu decken, ist nicht zu rütteln. Die Frage muss also lauten: Wie schafft es die Pflegebranche, attraktiver für die Nachwuchs zu werden?

Viele steigen aus

Kaum Vollzeitstellen, nicht planbare Freizeit durch häufiges Einspringen für erkrankte Kollegen und wenige freie Wochenenden tragen nicht dazu bei, dass sich junge Leute um Jobs in der Pflege reißen. Dazu kommt, dass viele Pflegekräfte nach einigen Berufsjahren die Branche wechseln, "weil sie die Belastungen nicht aushalten", machte Magdalene Majeed von der Gewerkschaft Verdi, Bezirk Oberfranken West, deutlich. "Das Ziel muss doch sein, Menschen wieder für ihren ursprünglich erlernten Beruf zu begeistern, und das geht nur, wenn die Arbeitsbedingungen stimmen." Die Beschäftigten wollten nicht nur arbeiten, sondern auch leben: "Die Work-Life-Balance muss stimmen. Das ist den Menschen heute wichtig." Man könne niemandem einen Vorwurf daraus machen, dass er oder sie sich Lebensqualität wünsche. Die Leute hätten die Wahl und entschieden sich für einen Beruf, der zu ihren Vorstellungen passt. Den Schlüssel zu einer höheren Attraktivität des Pflegeberufs sieht Majeed in einem guten Gehalt und flexiblen Arbeitsmöglichkeiten, die sich auch an den Bedürfnissen der Pflegekräfte orientieren.

"Pflege verkommt zur Ware"

Geld sei nicht alles, aber natürlich sei die Zufriedenheit auch abhängig von einer ordentlichen Bezahlung, machte Paul Lehmann, stellvertretender Geschäftsführer des Verdi-Bezirks Oberfranken Ost, deutlich. Er sieht gute Lösungsansätze in dem Volksbegehren "Stoppt den Pflegenotstand!" Seine Kritik: "Wir lassen Gesundheit und Pflege zur Ware verkommen. Das können wir uns als reiche Gesellschaft nicht leisten."