Die Pflege in Deutschland wird für den Einzelnen zunehmend teurer. Kürzlich hatte die SPD deshalb den Vorschlag gemacht, das System in den Grundzügen zu verändern. Bisher zahlt die Pflegeversicherung einen festgelegten Betrag, der restliche Anteil ist hingegen nach oben hin offen und muss von den Heimbewohnern oder deren Angehörigen selbst getragen werden. Dieser Posten soll künftig begrenzt werden.

Die stellvertretende Kulmbacher Landrätin Christina Flauder, selbst bei der SPD, begrüßt den Vorschlag. "Viele Leute haben ihr Leben lang gearbeitet und gespart und dann geht das ganze Geld für die Pflege drauf", sagt sie. Einige Pflegebedürftige, die diesen Betrag nicht stemmen könnten, schämten sich, wenn sie Sozialhilfe beziehen müssten. Bei einer Deckelung der Kosten hätten beispielsweise die Kinder der Heimbewohner die Möglichkeit, besser zu haushalten und zu kalkulieren.

Als Vorsitzende des Seniorenbeirats und zudem Fachangestellte der AOK-Pflegekasse kennt sie die finanziellen Schwierigkeiten, die Pflege mit sich bringen kann. "Aufgrund meiner Erfahrungen in der Seniorenpolitik sind im Laufe der Jahre immer wieder Menschen auf mich zugekommen, die geklagt haben, dass die Kosten nicht mehr bezahlbar sind", erinnert sie sich.

Ein Pflegeplatz ist teuer

Ein Pflegeplatz für einen Bewohner koste ein Haus um die 4.000 Euro im Monat, erklärt der Kreisgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), Jürgen Dippold. Was der Bewohner nach Abzug des staatlichen Zuschusses - der im Pflegegrad II 770 Euro beträgt - noch selbst zahlen muss, wird als einrichtungseinheitlicher Eigenanteil bezeichnet.

Dieser Eigenanteil setzt sich zusammen aus den Kosten für Personal und Verpflegung sowie aus den Investitionskosten. Unter Investitionskosten fallen alle Anschaffungen und Erneuerungen, die die Heime tätigen, um die Bereiche instand zu halten, die die Bewohner nutzen. Auch, ob Brandschutzverordnungen korrekt umgesetzt werden oder nachgerüstet werden müssen, sei Teil dieser Kosten, so Margit Vogel, Hauptgeschäftsführerin des Awo-Kreisverbands Kulmbach. Die Summe dieser Posten wirke sich auf den Preis in den einzelnen Heimen aus.

Variation im Landkreis

Gerade die Investitionskosten seien in einigen Seniorenheimen in den letzten Jahren deutlich gestiegen, sagt Bettina Müller, Heimleiterin des Bürgerhospitals in Kulmbach. Grund dafür sei das bayerische Pflege- und Wohnqualitätsgesetz, das 2011 erlassen wurde. Die Verordnung sieht viele Neuerungen vor, damit auch körperlich beeinträchtige Senioren nicht benachteiligt werden. Aufgrund neuer Mindestgrößen müssten Doppelzimmer zu Einzelzimmern umfunktioniert oder der Einbau von bodenerdigen Fenstern vorgenommen werden, so die Heimleiterin.

Doch die Investitionskosten im Bürgerhospital fallen mit nur 4,38 Euro pro Tag relativ gering aus. Da ein Teil des alten Gebäudes unter Denkmalschutz stehe, könnten einige der Vorgaben nicht umgesetzt werden. "Andernfalls kann das Haus aber nicht mehr als Altenheim genutzt werden", begründet Bettina Müller die Ausnahme.

Die Preise für einen Pflegeplatz im Landkreis variieren also teilweise wegen der unterschiedlichen Höhe der Investitionskosten sehr. So wohnen Senioren im Bürgerhospital für 1.704,74 Euro im Monat verhältnismäßig günstig, während Bewohner im Seniorendorf Kirschenallee fast über 2.300 Euro für ein Doppelzimmer hinblättern müssen.

Laut einer Statistik des Kassenverbandes vdek zahlen Heimbewohner in Bayern seit dem 1. Januar 2019 im Durchschnittlich 1.869 Euro im Monat aus eigener Tasche. Damit liegt der Freistaat zwar leicht über dem Bundesdurchschnitt von 1.830 Euro, aber hinter Spitzenreiter Nordrhein-Westfalen, wo der Posten 2.252 Euro beträgt. Am wenigsten zahlen Heimbewohner in Sachsen, dort sind es nur durchschnittlich 1.218 Euro.

Keine Vollversorgungsmentalität

Bei dem jetzigen Versicherungsmodell handelt es sich um "keine Vollversorgungsmentalität", wie es beispielsweise bei der Krankenversicherung der Fall ist, betont BRK-Kreisgeschäftsführer Jürgen Dippold. Deshalb gebe es den zu leistenden Eigenanteil ja überhaupt. Awo-Hauptgeschäftsführerin Margit Vogel fügt hinzu, dass die Kassen ihren Beitrag seit etwa sieben Jahren nicht erhöht haben. Das Pflegestärkungsgesetz II habe das zwar etwas verbessert, trotzdem seien die Kosten immer noch hoch.

Personalkosten spielen natürlich auch eine Rolle, so Margit Vogel weiter. Das fange schon alleine damit an, ob sie tariflich bezahlt werden oder nicht. Auch eine langjährige Beschäftigung bedeute oft ein höheres Entgelt. Margit Vogel will in diesem Punkt aber keinen Vergleich anstellen. "Sind wir doch froh, wenn wir gute Mitarbeiter haben", schätzt sie die Pflegekräfte.

Vielmehr hängen die Preisunterschiede auch davon ab, zu welchem Zeitpunkt das letzte Mal Verhandlungen stattgefunden haben, erläutert die Geschäftsführerin der Awo. Diese führen die Betreiber der Einrichtungen mit den Vertretern der Pflegekassen. Uwe Gieselmann, Heimleiter des Evangelischen Wohnstifts Kulmbach, fügt hinzu, dass jährlich verhandelt werde. Deshalb finde auch so oft eine Preissteigerung statt. "Bei uns kommen im Schnitt etwa 50 bis 100 Euro dazu", sagt er über seine Einrichtung.

Wer soll das bezahlen?

Als Folge der stets steigenden Kosten gebe es zunehmend weniger Leute, die den Betrag für den Eigenanteil aufbringen können, weiß auch Uwe Gieselmann. Auf den Vorschlag der SPD reagiert er aber verhalten. Wenn der Beitrag für den Einzelnen festgeschrieben sei, stelle, sich die Frage, inwieweit der Steuerzahler dafür aufkommen müsse oder aus welchem Topf das Geld stattdessen genommen werde. "Wer zahlt? Das ist das Problem", so Uwe Gieselmann.

Awo-Hauptgeschäftsführerin Margit Vogel hingegen finde die Option, das System von Grund auf umzukehren, hervorragend, auch wenn es schon in der Theorie nicht einfach sei. "Es ist komplex, aber nicht unmöglich", sagt sie.

Stellvertretende Landrätin Christina Flauder nimmt an, dass bei einer Vollversorgung durch die Kassen viele Menschen sicher bereit seien, mehr zu zahlen, wenn sie dafür die Absicherung in der Pflege im Alter gewährleistet wissen.

"Wir wollen die Bewohner nicht alleine lassen"

Doch nicht nur die SPD fordert eine Neuregelung, auch der Awo-Spitzenverband hatte Anfang des Jahres eine Petition ins Leben gerufen, um den wachsenden Eigenkosten Einhalt zu gebieten. Rund 74.000 Unterschriften seien eingegangen. "Wir wollen die Bewohner nicht alleine lassen", begründet Margit Vogel die Initiative.

BRK-Kreisgeschäftsführer Jürgen Dippold hält den Vorschlag der SPD für den richtigen Ansatz."Ob er umsetzbar ist, wollen wir hoffen", gibt er gleichzeitig zu bedenken. Er würde alle Veränderungen nur begrüßen, die in Richtung guter Pflege bei gleichzeitiger angemessener Bezahlung gehen, sodass sich ein alter Mensch einen Platz leisten kann. "Sonst braucht man bald Renten in Höhe von 2.500 Euro und mehr, um sich einen Platz noch leisten zu können", so auch Margit Vogel.

Das zweite Pflegestärkungsgesetz gilt seit Januar 2017 . Bis zu diesem Zeitpunkt gab es noch drei Pflegestufen, diese wurden dann durch die fünf Pflegegrade ersetzt. Die neue Begrifflichkeit soll bewirken, dass sich stärker an den Bedürfnissen jedes einzelnen Menschen orientiert werden kann, formuliert das Bundesministerium für Gesundheit. Der Eigenanteil ist in einer Einrichtung in den Pflegegraden 2-5 dabei gleich hoch.