Behutsam und unablässig verknüpft Holger Bär aus dem Kasendorfer Ortsteil Heubsch einen Eisendrahtring mit dem nächsten. Immer wieder werden die Ring-Enden mit einer Zange und einem kleinen Bolzen miteinander vernietet. "Für diese Fitzelei würde mir die Geduld fehlen", kommentiert Zuschauerin Sylvia Heib die altehrwürdige Handwerkskunst. Der 50-Jährige hingegen hat sie: "Für mich hat dieses Steckenpferd etwas Beruhigendes an sich", beschreibt er seine Empfindungen. Und strahlt über das ganze Gesicht.

10.000 Ringe pro Stück

Beim Burgkunstadter Altstadtfest ist es mal wieder soweit: Aus dem Erzieher wird ein Sarwürker, auch Panzermacher genannt. So nannte man die Handwerker, die im Mittelalter die Kettenhemden der Ritter herstellten. "Ringpanzerhemden, wie die Kettenhemden im Fachjargon korrekt heißen, wurden je nach Größe und Ringdurchmesser aus mehreren zehntausend Ringen hergestellt", klärt der Experte auf.

Seit rund sechs Jahren begleitet Bär seine Frau, als Seifenfrau Regine weithin bekannt, auf Stadtfeste und Mittelaltermärkte. Zu seinem Hobby kam er wie die Jungfrau zum Kinde. "Als mein Sohn anfing, Ritter zu spielen und einen gepanzerten Handschuh wollte, war mir dieser zu teuer. So beschloss ich, selbst einen zu bauen."
Ein kleiner Teddybär, selbstverständlich mit Kettenhemd, ist zu seinem treuen Begleiter geworden, der so manchem Festbesucher ein "Ach ist der süß" entlockt. Aus der anderen Richtung hallt Bär ein "Mensch ist das schwer" entgegen. Irene Friebe hat soeben versucht, das Kettenhemd, das Bär der Schaufensterpuppe übergestreift hat, hochzuheben. Sie hat ihre liebe Mühe damit. "Raten sie mal, wie viel das Hemd wiegt?", fragt er sie und gibt einen Hinweis: "So viel wie ein Kasten Bier."

Aus den verschiedensten Internetquellen hat sich Bär ein reichhaltiges Wissen über den ausgestorbenen Beruf angeeignet. Der Fachmann greift sich einen Lehrling heraus, der zur Gesellenprüfung ein Ringpanzerhemd herstellen musste: "Dafür hatte er vier Monate Zeit. Bei sechs Arbeitstagen in der Woche und durchschnittlich zehn Stunden pro Tag kommt man auf rund 1000 Stunden", rechnet er vor. Sein Rechenexempel geht noch weiter: Hochgerechnet auf die Gegenwart, ergebe sich bei einem Stundenlohn von 20 Euro ein Arbeitsentgelt von 20.000 Euro.

Herstellung dauerte bis zu einem Jahr

Die Herstellung eines Kettenhemdes habe aber auch bis zu einem Jahr dauern können. Dementsprechend hoch, so Bär, sei damals der Preis gewesen. "Er entsprach dem Gegenwert von einem Dutzend Rinder oder eines ganzen Dorfes", bringt er die Zuhörer zum Staunen.

Welchen Schutz bot ein Kettenhemd dem Ritter? "Es war hauptsächlich ein Schnittschutz. Die Pfeile von Langbögen und Armbrüsten gingen hindurch." Fertiggestellt hat Bär bislang nur ein Hemd - das kleine vom Teddybären. Bei dem großen Exemplar handelt es sich um ein gekauftes Muster. Dann ist da noch das, an dem er seit Jahren arbeitet und das noch auf Vollendung wartet.

Bär nimmt einen Ring und verknüpft ihn mit einem anderen. "Mir wird nie langweilig", sagt der Herr der Ringe. Wirklich? "Wenn ich Ringe vor meinen Augen sehe, höre ich auf."