Pressing? Tiki-Taka? Tempofußball? Kannte vor 40 Jahren keiner, brauchte auch keiner. Wenn "Kaiser" Franz lässig eine millimetergenaue 40-Meter-Flanke aus dem Fußgelenk schlug, wenn der begnadete Techniker Wolfgang Overath die Gegner zu Slalomstangen degradierte, wenn Bomber Gerd Müller auf dem Allerwertesten saß und traf, selbst wenn "Katsche" Schwarzenbeck die gegnerischen Stürmer umsäbelte - Fußball war seinerzeit noch was für Ästheten.

Unglaublich, wie viel Zeit und Raum die Kicker früher hatten. Fußball lief im Zeitlupen-Modus ab. Trotzdem - spannend war's mindestens genauso wie heute.

Deshalb sagen wir Danke, Fernsehmacher, dass ihr regelmäßig vor großen Turnieren die ollen Kamellen rausholt und uns fußballerische Leckerbissen wie das legendäre WM-Halbfinale 1978 zwischen Deutschland und Italien kredenzt. Ein Jahrhundertspiel. Wenn auch mit unglücklichem Ausgang für unsere Elf nach 120 packenden Minuten im Aztekenstadion von Mexiko. Kurz vor Schluss versetzte uns Gianni Rivera mit dem 4:3 den K.o.

Ein echter Genuss waren auch die Fernseh-Kommentatoren jener Zeit. "Müller...Seeler... Beckenbauer...wieder Seeler" - scheinbar wurden Marcel Reifs Vorfahren noch nicht nach Wortsilben bezahlt.

Also, liebe TV-Dampf-Plauderer: Bitte öfter mal die Klappe halten. Lasst uns wenigstens gelegentlich wieder mit der Ästhetik des Spiels allein. Wenn es schon Beckenbauers oder Overaths nicht mehr gibt.