Es ist noch gar nicht so lange her, da mussten sich junge Leute mächtig ins Zeug legen, um einen Ausbildungsplatz zu ergattern. Doch der Wind hat sich gedreht: Jetzt müssen sich die Betriebe etwas einfallen lassen, um junge Menschen zu begeistern und den Fachkräftenachwuchs zu sichern. Der demografische Wandel sorgt dafür, dass wenige Junge auf die vielen Alten folgen, die heute Schlüsselpositionen besetzen. Dazu kommt, dass Büroberufe begehrter sind als solche, bei denen man sich schmutzig macht.

"Seit drei Jahren haben wir für eine ganze Reihe von Berufen deutlich zu wenig Bewerber", sagt Bernd Rehorz, Bereichsleiter für berufliche Bildung bei der IHK für Oberfranken Bayreuth. 3340 junge Leute haben zum 1. September in IHK-Betrieben ihre Ausbildung begonnen. 1000 Stellen sind noch offen.


Wie wird Ausbildung sexy?

Mit einem umfassenden Fachkräftekonzept will die IHK den Betrieben helfen, die Lücken zu schließen. Um mehr Menschen für eine Ausbildung zu begeistern. Kernpunkt der Bemühungen: "Wir versuchen, das Image der Ausbildung zu verbessern. Wir müssen uns sexy machen", so Rehorz. Und wie stellt man das an? Die IHK verfolgt eine mehrgleisige Strategie, hat sogar ein eigenes Referat Fachkräfte gegründet. Dessen Leiter Gerd Sandler hat sich darauf spezialisiert, gemeinsam mit den Unternehmen deren künftigen Personalbedarf zu ermitteln und dabei zu helfen, die richtigen Mitarbeiter zu finden und für die anstehenden Aufgaben zu qualifizieren.

"Es geht nicht zuletzt auch darum, neue Zielgruppen für die berufliche Bildung zu erschließen", sagt Sandler. So wolle man Studienabbrecher für die duale berufliche Bildung gewinnen, Berufsrückkehrern, älteren Arbeitnehmern, Menschen mit Behinderung und ausscheidenden Zeitsoldaten passgenaue Qualifizierungsmodelle anbieten. Wo möglich sollen Flüchtlinge unterstützt werden, ihren Weg ins berufliche Bildungssystem zu finden. "Wir gehen verschiedene Wege, um die Betriebe mit Fachkräften zu versorgen. Man braucht einen langen Atem, aber der Einsatz lohnt sich."

Hinsichtlich der Popularität der Ausbildungsberufe klafft die Schere weit auseinander. Bei manchen Berufen haben die Personalchefs nach wie vor die Qual der Wahl, bei anderen sind sie schon froh, wenn sich überhaupt jemand bewirbt. Diese Erfahrung macht auch Fred Hugel, kaufmännischer Leiter der Kulmbacher Firma Bergophor, immer wieder. Der Futtermittelhersteller hat 150 Mitarbeiter in Kulmbach, 50 weitere am Standort Leipzig, und bildet aktuell neun junge Leute in unterschiedlichen Berufen aus. "Bei den Industriekaufleuten haben wir keinen Mangel. Wir können pro Jahr zwei bis drei Azubis einstellen und haben 50 Bewerbungen. Aber für die Fachkraft für Lagerlogistik oder den Fachlageristen findet man nicht jedes Jahr geeignete Leute." Für Hugel ist deshalb klar: "Wenn sich jemand, der geeignet ist, bewirbt, nehmen wir den sofort - auch wenn wir ihn aktuell nicht unbedingt bräuchten."


Roboter macht die schwere Arbeit

Aus- und Weiterbildung habe bei Bergophor einen hohen Stellenwert: "Das ist für uns existenziell. Außerdem haben wir viele Maßnahmen ergriffen, um schwere Arbeiten zu erleichtern", sagt Hugel. So ersparen ein Roboter und durchdacht angelegte Ladebuchten das körperlich anstrengende Heben und Stapeln schwerer Säcke.

Schwierig ist die Ausbildungssituation auch im Bereich Hotel und Gaststätten sowie bei den Berufskraftfahrern. "Das liegt vor allem an den wenig attraktiven Arbeitszeiten", so Sandlers Erfahrung. Die IHK hat sich eine Vielzahl von Initiativen und Projekten einfallen lassen, um Kindern, Jugendlichen und Eltern Produktionsberufe schmackhaft zu machen. Mit dem "Haus der kleinen Forscher" gehen sie schon in Kindergärten und Grundschulen, es gibt Lehrerfortbildungen, einen Azubi-Video-Contest und Azubis, die in die Schulen kommen und dort für ihre Berufe werben.


Auch Handwerk ist auf der Suche

Im Handwerk sieht die Situation ähnlich aus wie bei den Industriebetrieben. "Bei den technischen Berufen sind wir mit der Nachwuchssituation zufrieden", so Kreishandwerksmeister Günther Stenglein.
Schwierig sei es dagegen bei Bäckern, Metzgern, in der Gastronomie sowie den Bau-/Ausbauberufen.

Zum 1. September haben im oberfränkischen Handwerk 1822 neue Azubis ihre Ausbildung begonnen, 170 davon in Kulmbach. "Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt, dass bis Jahresende noch ein ganzer Schwung an neuen Verträgen eingetragen wird", so Michaela Heimpel, stellvertretende Pressesprecherin der Handwerkskammer für Oberfranken.
Im vergangenen Jahr waren es bis Ende Dezember noch 600. Aktuell sind m Handwerk noch 517 gemeldete Lehrstellen offen: Wer noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz ist, hat also sowohl bei Industrie- und Handel als auch im Handwerk noch gute Chancen.