Kunst ist nicht nur zur Unterhaltung da. Sie hat eine weitere wichtige Aufgabe: Sie soll wachrütteln, inspirieren, darf auch schockieren. Auch in einer freien Welt. Das betonte Kulmbachs OB Henry Schramm (CSU) bei der Eröffnung der 89. Ausstellung des Bundes Fränkischer Künstler, bei der 92 Künstler aus ganz Franken ihre neuesten Werke präsentieren.


Der nukleare Störfall

Das wohl ungewöhnlichste hat Bettina Graber-Reckziegel angefertigt: eine Installation, bestehend aus einem Bett und einem Nachtkästchen. "Alpträume von Fukushima" ist der Name des Objektes, das an eine Reihe schwerer Störfälle im Kernkraftwerk erinnert. Plötzlich kommen Fische aus dem Nachtkästchen - sie liegen mit dem Bauch nach oben im Raum. Das Bett ist weiß und leer. Die Decke ist mit wirren Impressionen einer bunten Welt bestickt. Minutenlang verharrten die Betrachter vor dem Werk - jeder machte sich seine Gedanken. Es hat das Potenzial, die Dramatik eines nuklearen Störfalles wieder ins Gedächtnis zu rufen.
Bei der Jahreseausstellung wird Kunst für jeden Geschmack geboten: Gegenständliches und Abstraktes, Schockierendes und Schönes. Jochen Stroel zeigt Bronzeplastiken, auch von Ursel Wolf gibt es zahlreiche Werke zu sehen. Jürgen Stahl hat sich dem Stahlguss verschrieben.


Wie in einem Hamsterrad

Karsten Reckziegel steuert zur Ausstellung kunterbunte Keramikköpfe bei. Und Hans und Jo Niklaus haben sich auf fantastische Kunst konzentriert. Mit Acrylfaben malt das Ehepaar im Stile der alten Meister, allerdings sind die Motive abgewandelt. Offene Gesellschaftskritik ist as Anliegen, das sich Rolf Czulius zur Aufgabe gemacht hat. Er stellt nur ein Bild aus. Titel: "Rat Race". "Es zeigt Menschen, die sich in unserer pseudofreien Gesellschaft wie in einem Hamsterrad bewegen und eingesperrt sind", erläutert er.

Brigitte Böhler spannt Recyclingpapier auf Baustahlmatten und nennt ihr Werk "Morbidität". Doch es gibt auch andere Kunst. Kunst, die einfach nur schön anzusehen ist. Isabell Heusingers Werke zeichnen sich durch unübertreffliche Genauigkeit aus. Angelika Kandleer Seegy zeigt Pinselzeichnungen mit Tusche auf Aquarellpapier. Zum ersten Mal ist Doris Bocka dabei. Die gebürtige Kasendorferin möchte mit ihren Werken Landschaften charakterisieren, menschliche Beziehungen nachspüren, dem auf den Grund gehen, was Individuen prägt.

Die Sonderausstellung ist Marion Kotyba gewidmet. "Das ist für mich eine große Ehre", freute sich die Künstlerin. Natürlich zeigt sie auf der Plassenburg ihre klassischen abstrakten Bilder. Doch seit einigen Jahre beschäftigt sich Kotyba auch mit den Themen Rost und Alterung - und verarbeitet diese Inspirationen in ihren Werken.


Ein Rückblick

Bei der Vernissage blickte Horst-Hermann Hofmann auf die Gründung des Bundes Fränkischer Künstler. Kunst habe auch die Aufgabe, die Gesellschaft wachzurütteln. "Kunst muss neu erfunden werden, um wieder zu einer Bewusstseinsänderung beizutragen", sagte er. Franken sei eine einzigartige Kunst- und Kulturlandschaft und stehe in der Tradition von Dürer, Lucas Cranach dem Älteren und Matthias Grünewald, betonte Kunsthistorikerin Birgit Rauscher. Heute gäbe es keinen Individualstil mehr. "Es gibt keine Regeln mehr, erlaubt ist, was gefällt."