Eine kleine Gruppe Jugendlicher bringt Kulmbach landes- und bundesweit in die Schlagzeilen. Doch es ist die Art Schlagzeilen, auf die die Stadt gerne verzichten würde. Das Zehner-Grüppchen im Alter zwischen 13 und 23 Jahren fällt wochenlang durch Randale auf: Sachbeschädigungen, Passanten anpöbeln und beleidigen, rempeln, spucken, drohen. Manchem Kulmbacher und Besucher der Stadt ist es nicht mehr wohl, wenn er dort vorbei muss.

Der Bayerische Rundfunk wird aufmerksam und bringt in seiner Fernsehsendung "Quer" am 13. Februar einen Sechs-Minuten Beitrag unter dem Motto "Nicht zu fassen: Jugendbande terrorisiert Kulmbach".
Während sich die Situation rund um den Bahnhof dank starker Polizeipräsenz beruhigt hat, wurde durch den Fernsehbeitrag die Debatte nochmals richtig angeheizt. Wächst der Stadt das Problem über den Kopf? Wie sollen die Randale-Kids gestoppt werden?

Die Diskussion findet überwiegend im Internet statt, vor allem auf Facebook - hunderte Kommentare kommen zusammen, etliche mit ausgesprochen radikalen Ansichten und Vorschlägen. Zur Selbstjustiz wird aufgerufen, die Jugendlichen gehörten "weggesperrt", mit aller Härte bestraft.

Zeigen, dass es friedlich geht

Sebastian Fick und Marcel Klette, beide 22 Jahre alt und regelmäßige Gäste des Jugendzentrums, wissen, wer die Randalierer sind. Sie wissen auch, dass die Mehrheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen keineswegs auf Krawall aus ist. Um dem negativen Eindruck entgegenzuwirken, dachten sie sich spontan eine sympathische Aktion aus: Eine Friedensdemo gleich am folgenden Samstag unter dem Motto "Kulmbach wird umarmt!"
Via Facebook warben sie für ihre Idee, und viele machten mit, boten im Umfeld des Bahnhofs "kostenlose Umarmungen" an. Die Reaktionen der Kulmbacher auf die von der Polizei begleitete Initiative waren positiv.

Trotzdem entstanden im Nachgang auf mehreren Facebook-Seiten Debatten, die das Prädikat "Shit storm" verdienen und sowohl die Randalierer als auch die friedfertigen Kuschel-Demonstranten ins Visier nahmen. Die beiden jungen Männer und Jugendzentrumsleiter Stefan "Bonsai" Lehner, der selbst an der Aktion teilnahm, können kaum glauben, was sie in den Posts lesen: "In Amerika würden solche im Krankenhaus aufwachen, aber bei uns dürfen die Polizisten nix machen - armes Deutschland", schrieb eine Diskussionsteilnehmerin auf der Facebook-Seite der Kulmbacher FDP, auf der Kreisrat Michael Otte eine Debatte angestoßen und gepostet hatte: "Wir fordern diese respektlosen Jugendlichen auf, sofort mit dem Mist aufzuhören... Ihr verbaut euch mit dieser Art von Krawall eure Zukunft! Schluss damit!"

"Selbstjustiz ist dumm"

Als Lösung des Problems schlug ein weiterer Kommentator "angepasste Gewalt" vor. Und auch Anhänger rechtsradikalen Gedankenguts meldeten sich zu Wort. Von deren Ideen distanziert sich die FDP freilich und hat die Beiträge von ihrer Seite gelöscht. Otte: "Selbstjustiz ist dumm und würde die Misere noch verschärfen." Auf Nachfrage der BR betont Otte allerdings, dass er den Ärger der belästigten Kulmbacher teilt und für hartes Durchgreifen der Polizei und soziale Arbeitsstunden für die Randalierer plädiert.

Stolze 167 Kommentare finden sich auf der Facebook-Seite eines Jugendlichen, der an die Randale-Kids appelliert: "Leute, schämt ihr euch net?!" Von den dazu abgegebenen Kommentaren sind die wenigsten zitierfähig: Von "Pflichtschell'n", die er demnächst verteilen will, spricht einer, ein anderer möchte die "Drecks-Spasten" im Arrest sehen. Die Liste der auf die Randalierer gemünzten Schimpfwörter könnte Seiten füllen.

Den Ärger verstehen Sebastian und Marcel, die Art, ihn auszudrücken, allerdings nicht. "Mit Gewalt und Ausgrenzung erreicht man doch nichts", sagt Marcel. "Man muss versuchen, diese Jugendlichen zu integrieren." Wie könnte das funktionieren? "Man müsste die Gruppe trennen. Gegenseitig können sie sich nicht helfen und stacheln sich nur immer neu an", meint Sebastian.

Belohnen statt strafen?

Strafen machen weniger Eindruck auf die Jugendlichen als Aufmerksamkeit, weiß Stefan Lehner. Der Erzieher kennt die Problem-Jugendlichen. "Bei uns in der Alten Spinnerei führen sie sich anständig auf und bekommen das gleiche Vertrauen und die gleichen Möglichkeiten wie alle anderen. Das funktioniert gut. Drei haben sogar einen DJ-Pass gemacht und dürfen in unserer Disco auflegen." Jeder auffällige Jugendliche habe seine Geschichte. "Wer sich dafür interessiert, wie es ihm geht, ob er zu Hause etwas zu essen bekommt, ein eigenes Zimmer hat und jemanden, der sich um ihn kümmert, den respektiert er."

Ein Streetworker wäre nach Ansicht der beiden Fürsprecher der Kulmbacher Jugend wichtig, um die Situation zu verbessern. Auch Stefan Lehner hält das für eine gute Idee, ebenso der Kulmbacher Polizeichef Gerhard Renk. Momentan habe sich die Situation am Bahnhof beruhigt, "aber die Polizei ist dort auch nach wie vor sehr stark präsent". Dass die Polizei "nix machen" dürfe, sei nicht richtig, "aber wir arbeiten nur mit rechtsstaatlichen Mitteln. Wir können Platzverweise erteilen, Randalierer in Gewahrsam nehmen.

Der Rest ist Sache der Justiz oder des Jugendamts." Ein Streetworker könne ein wichtiger Mosaikstein in einem Gesamtkonzept sein. "Die Erfahrungen unserer Jugendkontaktbeamten zeigen, dass die Jugendlichen durchaus Gesprächsbedarf haben." Mobile aufsuchende Jugendarbeit - das ist die Aufgabe eines Streetworkers. Jugendamtsleiter Klaus Schröder sieht darin einen guten Ansatz auch für Kulmbach - allerdings nicht für eine kurzfristige Problemlösung. "Päda gogische Hilfen brauchen Zeit und Geduld, und man muss in Kauf nehmen, dass es Rückschläge und Fehlversuche gibt." Emotionale Reaktionen der Bürger seien verständlich, aber Vorschläge, die in in Richtung Gegengewalt und Selbstjustiz gehen, "helfen niemandem".