Wie wertvoll ist der Postillon? Diese Frage wurde in den letzten Tagen in Kulmbach viel diskutiert und mancher Kenner und Sammler von Brauerei-Werbemitteln konnte nur den Kopf schütteln: Da bot ein Kunsthändler aus dem Harz auf der Internet-Plattform Ebay ein Glasbild zum Verkauf an, mit dem einst die Erste Kulmbacher Actienbrauerei für ihr Bier geworben hatte - und verlangte dafür stolze 720 000 Euro. Ein so genanntes Sofortkauf-Angebot zum Festpreis - bei Ebay eingestellt bis zum Mittwoch nach Ostern.

Ein Tippfehler?

Ein Tippfehler, mutmaßte die BR-Redaktion, als sie auf das Angebot aufmerksam wurde. Sicher ein Komma verrutscht. "Nein", antwortete der Anbieter auf eine Anfrage per Mail. "Der Preis stimmt".
Fast eine dreiviertel Million Euro also für ein Glasbild, das nach Aussage von Bernd Sauermann vom Bayerischen Brauerei-Museum im Mönchshof gar nicht einmal so selten ist. "Wir haben selber zwei solche Bilder", sagt er.
Die freilich sind kleiner. Einen Meter auf zwei Meter misst dieses Bild nach Angaben des Händlers. Es handle sich um ein Bild in Hinterglas-Ölmalerei mit Vergoldung in einem Stahlrahmen, heißt es in der Objekt-Beschreibung weiter. Das Bild sei sauber, weise keine sichtbaren Schäden auf, die Fassung sei überwiegend stabil.

Im Keller verschüttet

Hergestellt hat das Schild wohl im Jahr 1933 der bekannte sächsische Schildermaler Carl Schelter nach einem Entwurf des Malers Emil Block (1884 - 1966). Vermutlich hat es, so schreibt der Händler, ein zweites solches Bild gegeben - um den Eingang eines Brauerei-Gebäudes in Leipzig zu beiden Seiten zu schmücken.
Doch bevor die Bilder ihren Bestimmungsort gefunden hätten, sei der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. Die Bilder seien in Ölpapier und Holzkisten verpackt und in einem Keller eingelagert worden.
Das Haus sei 1943 bei einem Bombenangriff schwer getroffen, der Keller verschütet worden. Erst im Jahr 1982 sollen beim Neubau des Kellers die beiden immer noch original verpackten Bilder wieder gefunden worden sein. Eines sei unter mysteriösen Umständen in die Bundesrepublik geschafft worden, schreibt der Händler weiter. Dort habe es ein privater Sammler aus Großbritannien für 650 000 Dollar gekauft.
1986 habe der heutige Besitzer das nun angebotene Bild bei einem staatlichen Auktionshaus in Leipzig erworben - und will es nun für 720.000 Euro wieder loswerden.

"Völlig utopisch"

"Völlig utopisch" sagt dazu Stefan Eichner. Der Kulmbacher besitzt selbst eine große Sammlung von Brauerei-Werbeartikeln und kennt den Markt. Er hat das Angebot ebenfalls beobachtet und sich mit Sammlerkollegen austauscht. "Es ist schon ein außergewöhnliches Stück", betont er. "Sehr schön. Aber der Preis ist nicht realistisch."
Wie viel er dafür zahlen würde, wollte er so ein Bild unbedingt haben? "5000 Euro. Mehr nicht."
Am Donnerstagnachmittag dann die Überraschung: Ebay meldet "Angebot beendet - der Artikel steht nicht mehr zur Verfügung". Sollte sich für das Postillon-Bild tatsächlich ein Käufer gefunden haben, der bereit ist, den astronomischen Preis zu bezahlen?

Ernsthafter Interessent

Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. "Wir bieten das Bild nur im Auftrag an", sagt Kunsthändler Rolf Grundmann aus Hainrode am Telefon. Er wird als Anbieter genannt - und von Ebay als Top-Verkäufer mit besten Bewertungen bezeichnet.
Auftraggeber sei ein langjähriger Kunde, so Grundmann. Der habe wohl einen ernsthaften Interessenten für das Bild gefunden. "Deswegen wollte der Kunde das Bild nicht weiter auf Ebay anbieten."
Wer der Kunde ist, wer der Interessent und welcher Preis nun tatsächlich im Gespräch ist - dazu gibt es keine Auskunft. Weil im Internet-Angebot darauf hingewiesen wird, dass aus Haftungsgründen ein möglicher Käufer das Bild selbst in Bennungen in Sachsen-Anhalt abholen müsse, liegt die Vermutung nahe, dass der Besitzer des Bildes auch dort zu Hause ist.

Immerhin gibt es noch einmal die Bestätigung, dass das mit dem Preis schon seine Richtigkeit habe. Ein Sachverständiger habe das Bild geschätzt. "Es gibt auch ein Zertifikat." Im übrigen, so sagt der Kunsthändler, sei es gar nicht so außergewöhnlich, dass so schöne Stücke stolze Preise erzielen: "Wir haben vor 15 oder 20 Jahren schon einmal zwei derartige Bilder verkauft - zu einem ähnlichen Preis."