Michael Eckstein ist einer der erfahrensten Richter am Landgericht Bayreuth. Er hat es mit Kapitalverbrechen und spektakulären Verfahren zu tun - erst jüngst, als er bei der Wiederaufnahme des Peggy-Prozesses den angeklagten Ulvi K. vom Mordvorwurf freispricht. Als Vorsitzender der Jugendkammer bekommt er nun einen Fall auf den Tisch, der die Öffentlichkeit in den Landkreisen Kulmbach und Kronach nicht minder bewegt: der Bierfest-Unfall.

120 Arbeitsstunden
Im Berufungsverfahren wird das Geschehen noch einmal neu aufgerollt, das sich in den frühen Morgenstunden des 4. August 2012 zugetragen hat. An jenem Samstag ist ein 30-jähriger Weißenbrunner auf der B 85 bei Ziegelhütten von einer betrunkenen Autofahrerin angefahren und tödlich verletzt worden. Die Studentin wird im Dezember vom Kulmbacher Jugendrichter zu 120 Stunden gemeinnütziger Arbeit, Drogenscreening, Fortsetzung der psychotherapeutischen Behandlung und Zahlung der Verfahrenskosten - einschließlich der Nebenklage - verurteilt. Der Schuldspruch erfolgt wegen vorsätzlicher Trunkenheitsfahrt und Unfallflucht.

Dagegen haben die Eltern des Getöteten Berufung eingelegt. Der Termin für die neuerliche Hauptverhandlung steht jetzt fest: 14. und 15. August. Zwei Tage - kurz nach der Kulm bacher Bierwoche - , die bei der Familie des Toten und auch bei der Autofahrerin, die damals 20 Jahre alt gewesen ist, die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse vor fast genau zwei Jahren wachrufen werden - an eine Verkettung unglücklicher Umstände, die zum Tod des jungen Mannes geführt haben.

Auf der falschen Seite gelaufen
An dem Unglücksmorgen will der Weißenbrunner vom Kulmbacher Bierfest nach Hause laufen - 19 Kilometer bis Eichenbühl. Um 4.45 Uhr wird er auf der B 85 bei Ziegelhütten - auf der rechten, falschen Seite laufend und mit 1,3 Promille selbst alkoholisiert - angefahren und stirbt noch am Unfallort. Die junge Frau, die auch vom Bierfest kommt und mindestens 1,4 Promille hat, hält nicht an und fährt nach Hause. Mit ihrem Vater kehrt sie zurück und findet den Sterbenden.

Bei der Berufung, so Rechtsanwalt Till Wagler aus Kronach, geht es nicht darum, dass die junge Frau eine härtere Strafe bekommt. Es soll ein Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung erreicht werden. Wagler: "Die Angeklagte ist nicht wegen der Verursachung des Unfalls verurteilt worden. Das Gericht hat zu ihren Gunsten angenommen, dass der Unfall für sie nicht vermeidbar war. Dabei spielte auch die Alkoholisierung keine Rolle. Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass ein Verschulden allein beim Getöteten liegt. Das können die Eltern so nicht akzeptieren."

Fahrlässige Tötung?
Die Argument seien letztlich die gleichen wie in der ersten Verhandlung: Die Frau ist zu weit rechts gefahren, sie hätte Fernlicht einschalten und zumindest einen Arm des Fußgängers sehen müssen. Der Anwalt stellt die Frage: "Wenn ich vorsätzlich eine Trunkenheitsfahrt antrete, muss ich dann nicht alles tun, um das Risiko zu minimieren? Das ist ein Rechtsgedanke, zu dem mir keine Entscheidungen bekannt sind." Wagler vertritt die Auffassung, dass die Autofahrerin ein Mitverschulden trifft. "Dann ist es eine fahrlässige Tötung."

Verteidiger Thomas Dolmány aus Nürnberg hat nicht mit einer Berufung gerechnet, nachdem es auf dem Gerichtsflur in Kulmbach zu einer bewegenden Szene gekommen ist: "Die Eltern des Toten und der Angeklagten haben sich die Hand gegeben." Man habe gegenseitig Verständnis für die Situation der anderen Seite geäußert. Das Vorgehen der Nebenklage, um den Toten von einer Mitschuld zu ent lasten, verstehe er, Dolmány, nicht. "Natürlich ist es furchtbar, wenn man das eigene Kind zu Grabe tragen muss, aber man kann ja nichts mehr ändern."

Überdies hat das Jugendgericht in Kulmbach nach seiner Ansicht mit großer Sorgfalt gearbeitet, und die Aussagen der Sachverständigen seien unmissverständlich gewesen. Demnach wäre der Unfall einem nüchternen Autofahrer genauso passiert, und man hätte den Schwerverletzten selbst dann nicht retten können, wenn die Autofahrerin sofort den Notarzt gerufen hätte. Dies habe auch die Staatsanwaltschaft so gesehen, die keine Berufung eingelegt hat.

Studienabschluss gefährdet
"Meine Mandantin ist psychisch außerordentlich belastet und wird psychotherapeutisch behandelt. Seit sie die Ladung zu der Verhandlung hat, kann sie sich nicht mehr konzentrieren", erklärt der Anwalt. Er glaubt nicht, dass sie die Abschlussprüfung ihres Studiums durchsteht.