Die Aussagen der Patienten sind für alle Welt sichtbar. Vom überschwänglichen Lob, "beste Arzt, den ich kenne", bis zur harschen Beleidigung, "unglaublich inkompetent", ist auf den zahlreichen Arzt-Bewertungsportalen im Internet alles zu finden. Auch die Kulmbacher Mediziner müssen sich bei "docinsider.de", "esando.de", "imedo.de" oder "jameda.de" dem öffentlichen Urteil ihrer Patienten stellen. Doch die Mehrzahl der Ärzte übt scharfe Kritik an diesen Seiten.

So auch Diplommedizinerin Maria-Luise Rasch aus Neuenmarkt. Obwohl sie zumeist positiv bewertet wird, ("Ärztin mit Herz" oder "Super Ärztin, nettes Team, man fühlt sich wohl und gut aufgehoben"), hat sie sich abgewöhnt in solche Portale reinzuschauen. "Wir haben keinen Einflussnahme auf diese Internetseiten", sagt Rasch, die auch Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbandes Kulmbach ist.

Ein juristisches Vorgehen gegen Beleidigungen oder ähnliches sei zwar auf zivilrechtlicher Ebene theoretisch möglich, aber zu teuer und langwierig. Es sei ein riesen Problem, sagt Rasch. Als Delegierte der Landesärztekammer kennt sie Fälle in denen Mediziner auf solchen Portalen grundlos in Misskredit gebracht worden.

Online-Platzhirsch verteidigt sich
Einer der größten Anbieter im deutschen Raum ist nach eigenen Aussagen www.jameda.de. Rund 3,5 Millionen Patienten würden das Portal monatlich nutzen. Kathrin Kirchler ist dort PR- und Marketing-Managerin und sieht die Sachlage etwas anders: "Kommentare, die falsche Behauptungen, Schmähkritik oder Beleidigungen beinhalten, dulden wir nicht. Diese werden auf jeden Fall gelöscht", schreibt Kirchler auf Nachfrage der BR. Zusätzlich könnten Mediziner bei "jameda" Kommentare, die sie als ungerechtfertigt empfinden, melden. Aber "jameda" ist nur eines von vielen Portalen.

Bleibt also die Frage, welcher Arzt die Zeit hat bei den rund zehn großen und knapp 30 kleineren Portalen nach unpassenden Kommentaren zu suchen? Denn bereits 2011 hat Stiftung Warentest so viele dieser Seiten in einem Bericht ermittelt. Darin kommt die Verbraucherorganisation auch zu einer überwiegend negativen Einschätzung der Portale: Ihre Vielzahl sei unübersichtlich und der Mangel an Bewertungen vieler Ärzte lässt an der Aussagekraft zweifeln.

Diese Bild zeigt sich auch für die Kulmbacher Medizinlandschaft. Vor allem auf vielen kleineren Portalen haben rund die Hälfte der Kulmbacher Ärzte, ob Facharzt oder Allgemeinmediziner, gar keine Bewertung. Auf größeren Portalen wie "jameda" haben die Ärzte aus dem Kulmbacher Raum zwischen vier bis fünfzehn Bewertungen. Ausreißer mit über 40 Patientenmeinungen gibt es auch.

Eine weiterer Schwachstelle: Bei vielen Anbietern muss oder kann der Nutzer außerdem Angaben zum Krankheitsbild machen. Etwas harmloser, aber nicht weniger privat sind Informationen zu Versichertenstatus, Alter oder Geschlecht. Jedoch bewertet kaum jemand mit seinem Klarnamen - die Ärzte tauchen hingegen mit ihren kompletten Daten auf.

Keine Anonymität für Ärzte
Zum Thema Datenschutz äußert sich jameda-Sprecherin Kirchler: "Patienten bewerten bei jameda anonym, sie müssen jedoch eine E-Mail-Adresse angeben und die Bewertung auch per Link bestätigen." Zudem würden Daten von Patienten, die auf dem Portal Bewertungen abgeben, nicht zu kommerziellen Zwecken an Dritte weiter gegeben, versichert Kirchler.

Trotz der Kritik sieht Stiftung Warentest auch positive Aspekte: Zum Beispiel sei ein Ansehen der Bewertungen zumeist ohne Anmeldung möglich. Einen ersten Schritt für einheitliche Qualitätsstandards hat das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ), eine gemeinsame Einrichtung der Bundesärztekammer und der kassenärztlichen Bundesvereinigung, 2009 angestoßen: Einen Kriterienkatalog für solche Portale.

Bewertung direkt in der Praxis
Die Neuenmarkter Medizinerin Rasch setzt in ihrer Praxis auf eine Zertifizierung durch den Hausärztebund. Patienten können einen Fragebogen ausfüllen und so die Praxis sowie die Leistungen von Arzt und Personal bewerten. "Diese Bögen sind anonym, aussagekräftig und niemand wird verpflichtet sie auszufüllen", betont Rasch.

Bei der Nutzung der Online-Portale zur Arztsuche sieht Rasch ein Gefälle zwischen Stadt und Land. In der Fläche sei immer noch die Mundpropaganda am besten geeignet, um sich über einen Arzt zu informieren und werde auch stärker genutzt, als Online-Portale. "Wir müssen mit den Portalen leben, aber Patienten holen sich dort teilweise Falschinformationen", resümiert Maria-Luise Rasch und fügt an: Am besten sei es, wenn sich Patienten einen persönlichen Eindruck vom Arzt verschaffen.

Aber auf eines sollte sich der Patient nicht verlassen, wie aus einer Stellungnahme des Zentrums für Qualität in der Medizin hervorgeht: "Wer suggeriert, ein Portal könne die medizinische Fachkompetenz der bewerteten Ärzte abbilden, der handelt in den meisten Fällen grob fahrlässig."


Service

Alternative: Online-Arztsuche über "weisse Liste" und Krankenkassen

Eine Alternative zu den gewerblichen Anbietern, die den Markt der Arzt-Bewertungsportale dominieren, ist die "weisse Liste". Sie soll den Patienten bei der Suche nach Arzt, Krankenhaus oder Pflegeleistungen unabhängig sowie kosten- und werbefrei beraten. Hinter der "weissen Liste" stehen unter anderem der VDK, die Verbraucherzentrale und die Bertelsman-Stiftung.

Auf Grundlage der Daten der "weissen Liste" hat unter anderem die AOK vor rund drei Jahren einen Arzt- und Krankenhausnavigator online gestellt. Ein Blick in die Datenbank für Ärzte ist jedoch ernüchternd.
Es sind weit weniger Bewertungen vorhanden als bei den großen kommerziellen Anbietern.

Volker Schödel, der stellvertretende AOK-Direktor für Bayreuth-Kulmbach, ist dennoch vom Navigator überzeugt: "Ein Unterschied zu den gewerblichen Anbietern zeichnet sich durch neutrale, objektive und wissenschaftlich fundierte Bewertung der Ärzte aus."

Für die Suche nach einer Klinik ist der Aok-Navigator etwas besser geeignet. Die dort verwendeten Daten stammen von sogenannten QSR-Daten (Qualitätssicherung mit Routinedaten). Dabei handle es sich um anonyme Abrechnungsdaten, erklärt Schödel. Je nach Erkankung oder Symptomen wie Herz- oder Gallenblasenproblemen können Patienten online nach einer Klinik suchen. Teilweise gibt es über 1000 Weiterempfehlungen für eine bestimmtes Symptom und die Behandlung in der jeweiligen Klinik.


Was bei einem Arzt-Bewertungsportal im Internet zu beachten ist

Kriterien Das sollte ein Arzt-Bewertungsportal bieten:
• differenzierter Fragebogen mit verständlichen Fragen • Angaben zu Datenschutz und Betreiber der Seite • Keine Pflichtfragen zu persönlichen Daten oder Krankheitsbild • Bewertung eines Arztes nur nach Registrierung des Nutzers • Prüfung der Bewertungstexte durch eine Redaktion • Möglichkeit zum Melden von Missbrauch oder beleidigenden Inhalten • Anzahl, Datum und Herkunft der Bewertungen sollten erkennbar sein • Bewertungsmethoden sollten erläutert werden

Test Eine Einschätzung von Bewertungsportalen für Mediziner gibt es im Internet auf der Seite von Stiftung Warentest. Weiterführende Informationen zum Thema gibt es auch beim Zentrum für Qualität in der Medizin . Ein unabhängige Seite für Artbewertungen bietet die "Weisse Liste".