Der alte Schulmeister von Wartenfels könnte er sein, der noch mal sein Katheder erstiegen hat und mit blitzenden Augen unter der verrutschten Brille zu seinen Schülern herunterspricht. Rechts seine alte Schultafel mit feinen Schriftzügen, die böse Buben mit Gekritzel beschmiert haben.

Doch wer da wirklich zum Leben erweckt wird, ist Jean Pauls Schulmeisterlein Maria Wutz von Auenthal. Und Gerhard Palder, ehemaliger Klassenkamerad des Hausherrn Erich Hohenberger, macht in einer brillanten Lesung spürbar, warum die Erzählung zu einem Lieblingsbuch des 19. Jahrhundert wurde.

Zwischen zwei Extremen

Das vergnügte Dorfschulmeisterlein ist ein vielschichtiges Wesen, gespiegelt von einem schreibenden Chronisten ("Lebensbeschreiber"), der selbst ein Geschöpf des Schriftstellers ist. Sein ganzes Leben verläuft stets in der Spannung zwischen überschäumender Lebensfreude und drückender Armut. Am Ende dann der Atem des Todes.

Gerhard Palder, mit leicht angerauter Stimme, trifft den Grundakkord. Die Zuhörer, dicht an dicht sitzend, sind fasziniert, hängen eineinhalb Stunden an seinen Lippen. Palder überschaut Jean Pauls schwierige Satzlabyrinthe, bei denen jeder Normalleser ins Stottern gerät, scheinbar mühelos; er macht ihre Sprachmelodie hörbar, moduliert, stellt Nuancen heraus.

Bereichert wird die Lesung durch überlegt von Renate Palder ausgewählte Kompositionen für Flöte. Sie spielt sie im Flur der Schule, sodass die Melodie wie von Ferne einströmt. Ist von der Lebenslust Wutzens die Rede, erklingt ein beschwingtes, fröhliches Allegro von Friedrich Kuhlau, einem Zeitgenossen Jean Pauls. In der Mitte der Erzählung, als das Schulmeisterlein in seiner Liebe zu Justine dahinschmilzt und in geradezu psychedelischer Vorfreude schon von dem Hochzeitsfest träumt, erklingen "Impressionen eines Hirten" des Gegenwartskomponisten Gustav Gunsenheimer. Es sind weitgespannte Kantilenen, deren Melodien an wehmütige, volksliedhafte Lieder erinnern.

Nach der Hochzeit folgt in der Erzählung in einem gewaltigen Zeitsprung der Tod. Der "Lebensbeschreiber" zeigt den vom Schlag Getroffenen halbseitig gelähmt im Krankenbett liegen. Da er sich nicht mehr vorausfreuen kann, freut er sich zurück: Er lässt die "Strahlen seiner Kindheit" spielen, schaut "goldne Morgenröten über rauchenden Blumenfeldern".

Der zweite Veranstaltungstag steht im Zeichen Jean Pauls und seines Illustrators Stephan Klenner-Otto. Margret Schoberth aus Marktleugast spricht zur Erzählkunst Jean Pauls. Das Werk ist für ihn alles, das Ich nichts. Hinter dem unbedingten Willen zu schreiben, trete alles zurück. Alle Erfahrungen, auch die der schlimmsten Armut, Freundschaften, Liebesbeziehungen, werden zum Katalysator für Literatur. Schreiben sei ihm der Triumph gegen die Erschütterungen des Weltbilds hin zur Moderne, so die Theologin.

Verwandte Seelen

Wolfgang Schoberth spricht über die "Wahlverwandtschaft" von Stephan Klenner Otto und dem Kulmbacher Künstler Caspar Walter Rauh. Schon als 14-Jähriger stehe Klenner-Otto bei einer Ausstellung des "Bundes fränkischer Künstler" gebannt vor Zeichnungen Rauhs. Der begabte Bub spüre die Könnerschaft, sei fasziniert von ihrem Witz, ihrem Humor und der überbordenden Fantasie.

Jahre später, 1979, zieht er in den Spiegel. Zufällig wohnt der von ihm umschwärmte Künstler nur ein paar Schritte entfernt in der Kohlenbachgasse. Beim Ausführen ihrer Hunde kommen sie sich näher. Der 67-jährige wird Lehrer und Förderer des talentierten Zwanzigjährigen. Er bestärkt ihn in seinem Entschluss, hauptberuflich Zeichner zu werden, und entflammt ihn für Literatur, auch die Jean Pauls.

Der Akademische Maler Hans-Dieter Ernst, langjähriger Kunstlehrer am MGF-Gymnasium, unternimmt einen äußerst kenntnisreichen Streifzug durch die Entwicklung der Druckgrafik vom Holzschnitt des 15. Jahrhunderts, über den Kupferstich bis hin zur Ätz- und Kaltnadelradierung. Wie der Druck einer (Farb-)Radierung in der Praxis abläuft, demonstrieren Stephan Klenner-Otto und seine Frau Ingrid. Sie haben aus der Werkstatt in Hornungsreuth ihre Druckpresse mitgebracht und fertigen vor aller Augen Radierungen mit Motiven Jean Pauls.