Der Blick auf die Karte des bayerischen Wirtschaftsministeriums gibt auch Dagmar Keis-Lechner Rätsel auf. Die Kulmbacher Kreisrätin der Grünen fragt sich: Erstreckt sich das als Erkundungsgebiet für Öl- und Gasvorkommen markierte Areal nicht nur über den Landkreis Bayreuth, sondern reicht womöglich in den Gemeindebereich von Neudrossenfeld hinein? Ein Siebeneck ist schraffiert, die Kanten schneiden Mistelgau und Ahorntal im Westen, im Norden Warmensteinach, im Süden Sulzbach-Rosenberg. Und der Zipfel des Gebiets links oben: Der lappt in den Landkreis Kulmbach.

Jene Karte ist ein heftig diskutiertes Dokument im bayerischen Landtag, denn es zeigt das so genannte "Weiden Bassin". Auf diesem 2600 Quadratkilometer umspannenden Sektor darf die britische Firma Rose Petroleum über einen Zeitraum von drei Jahren nach Öl- und Gasvorkommen suchen - und zwar mittels Schallwellen, wie es in einer Stellungnahme des Wirtschaftsministeriums aus München heißt. Sollten die Briten fündig werden, könnten sie in der Folge den Antrag auf Bohrungen stellen. Und: Allein die seien erlaubt, so die offizielle Auskunft. Kein Fracking, also das Aufbrechen von Gesteinsschichten mittels Wasser, Sand und einem Gemisch aus diversen Chemikalien (siehe Info).

"Erster Schritt zum Fracking"

Die Grünen in München, und mit ihnen auch die in Kulmbach, sehen hingegen für diese umstrittene Fördermethode eine Tür geöffnet. Und damit die Büchse der Pandora. "Die Lizenz zur seismographischen Untersuchung des Gebietes in der Oberpfalz und in Oberfranken ist ganz klar der erste Schritt zum Fracking. Was hätte sonst das Unternehmen Rose Petroleum von seinem Aufwand?" bekundet Dagmar Keis-Lechner.

Ob das Fracking allerdings die gewünschte Ausbeute bringt, daran zweifelt die Kulmbacherin. "Die potenziellen Gasmengen werden wohl kaum der Sechser im Lotto sein, um uns vom Gasimporten unabhängig zu machen." Dennoch stellt sich die 49-Jährige die Frage: Warum kommt Rose Petroleum gerade jetzt auf dieses unscheinbare Gebiet in Oberfranken? Und gibt sich die Antwort gleich selbst: "Weil die Profiteure eines im Blick haben: Die Menge der leicht zu fördernden Gase unterliegt der gleichen Endlichkeit wie Öl."

Die Grünen-Rätin sieht letztlich die Region als Verlierer. "Diese Unternehmen kommen und gehen wieder, ihre Hinterlassenschaften aber überdauern. Und sollte Gift zum Einsatz kommen, dann macht das nicht vor Grenzen halt."

CSU spricht von Panikmache

"An den Haaren herbeigezogen" hingegen nennt Kulmbachs CSU-Landtagsabgeordneter Ludwig Freiherr von Lerchenfeld die Äußerungen der Grünen und spricht, wie auch Parteikollege Martin Schöffel aus Wunsiedel, von Panikmache. Lerchenfeld, stellvertretender Vorsitzende des Arbeitskreises Umwelt, bekundet, seine Fraktion im Maximilianeum lehne das Fördern von Gas durch Fracking eindeutig ab. Dieser Standpunkt werde durch einen von der CSU eingereichten Dringlichkeitsantrag unterstrichen.

Harald Hübner, designierter CSU-Bürgermeister von Neudrossenfeld, hat die Diskussion um das Erkundungsgebiet verfolgt und auch schon mit einigen Bürgern das Thema erörtert. "Es geht zunächst vorrangig um geophysikalische Untersuchungen, und dagegen ist meiner Ansicht nach erst einmal nichts einzuwenden. Die Staatsregierung hat betont, dass mit der Erkundungslizenz nicht zwangsläufig ein Bohr- oder Ausbeutungsrecht verbunden ist. Dafür bräuchte es noch weitere Genehmigungen - und so weit sind wir noch lange nicht, da sind ja auch bergbauamtliche Anforderungen zu berücksichtigen. Noch steht ja überhaupt nicht fest, dass die Briten im oberfränkischen Untergrund überhaupt etwas Verwertbares finden."

Hübner verhehlt aber nicht, dass er der Fördermethode des Frackings skeptisch gegenüber stehe. "Ich bin nicht dafür, mit möglichen Giften unser Trinkwasser zu gefährden. Aber ich gehe davon aus, dass es noch andere, ungefährliche Möglichkeiten gibt, die Rohstoffe ans Tageslicht zu befördern. Bis zu diesem Zeitpunkt der Entwicklung werden sicher entsprechende Informationen an die Öffentlichkeit gelangen." Über die Lizenzvergabe übrigens hatte Hübner aus der Zeitung erfahren.

Infopolitik "eine Sauerei"

Hans Dötsch, Hübners Amtskollege aus der benachbarten Gemeinde Heinersreuth und SPD-Mitglied, wahrt bei der Bewertung der Informationspolitik im Freistaat weniger die Contenance. "Als Chef einer direkt betroffenen Kommune empfinde ich es, gelinde gesagt, als Sauerei, dass uns als Kommunalaufsicht keiner der Zuständigen eingeweiht hat." Dötsch verfolge die Entwicklung durchaus mit Sorge. "Ich will wahrlich keine Angst verbreiten, aber mir behagt das nicht, wenn es eventuell um die Reinheit unseres Wassers geht. Und wenn erst gar nichts gesagt wird und dann, dass alles überhaupt nicht schlimm sei, schrillen bei mir alle Alarmglocken."

Der Bürgermeister hat seine Besorgnis auch in einem Schreiben an das bayerische Wirtschaftsministerium zum Ausdruck gebracht. In diesem Brief will Dötsch geklärt wissen: Welche Gründe gibt es für die Geheimhaltung des Vertrags mit Rose Petroleum? Was passiert, wenn die Suche erfolgreich verläuft? Ist dann mit Fracking zu rechnen? Wenn ja: Wie wird das Grundwasser geschützt?


Info: Gasgewinnung aus der Tiefe