Er sollte nach Afghanistan abgeschoben werden, ist aber vor dem polizeilichen Zugriff ins Kirchenasyl geflüchtet: Der 22-jährige Danial M., dessen Asylantrag (wie berichtet) abgelehnt worden ist, lebt seit gut zwei Wochen bei der evangelisch-reformierten Gemeinde in Bayreuth.


Familie kann ihn besuchen

"Ich war noch nie so lange allein. Es ist eine bedrückende Situation Ich fühle mich einsam und bin froh, dass mich zumindest meine Familie besuchen kann", sagt der junge Mann, dessen einstweilige Duldung von den Behörden im Juni nicht verlängert worden war. Am 6. Juli hatte er in der Schule davon erfahren, dass ihn die Polizei zu Hause abholen wollte. "Ich bin dann direkt ins Kirchenasyl", berichtet der Afghane, der der Gemeinde um Pfarrer Simon Froben dankbar ist, dass sie ihn aufgenommen hat.


Auch Erzbischof schaltet sich ein

Das Schicksal des jungen Mannes, der mit seiner Familie bis dato in Neuenmarkt lebte und auch das Tor des dortigen FC gehütet hat, bewegt viele. So auch Regionalbischöfin Dorothea Greiner und den Bamberger Erzbischof Ludwig Schick. Schick hat die Behörden aufgerufen, den Fall des jungen Afghanen noch einmal zu prüfen.

Die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, die Bayreutherin Anette Kramme (SPD), hat sich an Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und das Bundesamt für Migration gewandt. In einem Schreiben fordert sie, die Abschiebung nach Afghanistan auszusetzen.


Kramme: Ermordung droht

"Als Mitglied der verfolgten Minderheit der Hazara ist zu befürchten, dass er genauso wie sein Onkel von den Taliban ermordet wird. Vor diesem Hintergrund wäre eine Ausweisung nach Afghanistan unverantwortlich", erklärt Anette Kramme, die darauf verweist, dass sich Danial in der Gesellschaft integriert habe. "Er beweist Ehrgeiz und Einsatz und hat sich darüber hinaus stets einwandfrei verhalten."


Mahnwache mit 180 Teilnehmern

Auch in der Bevölkerung erfährt der 22-Jährige breite Unterstützung. In der Bayreuther Innenstadt haben rund 180 Personen bei einer Mahnwache gegen seine Abschiebung demonstriert. Weil Danial Anfang Juli Deutschland verlassen sollte, sprachen die Veranstalter davon, dass er "im Geburtstagsflieger des Innenministers als Seehofers 70. Mann" nach Kabul abgeschoben werden sollte. Danial sei weder Identitätsverweigerer noch Straftäter oder Gefährder. Er lebe integriert. "Er befand sich zu dem damaligen Zeitpunkt in Ausbildung, und selbst örtliche CSU-Kommunalpolitiker setzten und setzen sich für seinen weiteren Verbleib in Deutschland ein", erklärt die Initiative "Ausbildung statt Abschiebung", die die Mahnwache organisiert hat. Diese kritisiert, dass Danial aus seinem sozialen Umfeld wie auch aus seiner Familie herausgerissen werde.
In mehreren Redebeiträgen wurde auf die "desolate Sicherheitslage" in Afghanistan hingewiesen. Gigi Raithel von der Initiative stellte fest: "Es drängt sich der Eindruck auf, dass Bayerns Innenminister Herrmann mit der Brechstange auf Flüchtlinge losgeht." Gegen die "unmenschliche Abschiebepolitik von Innenministerium und Ausländerbehörden" wolle man ein Zeichen setzen, so Raithel, die darauf verwies, dass eine Online-Petition gegen die Abschiebung (www.change.org/danial) innerhalb weniger Tage über 11 000 Unterstützer gefunden hat.


Pfarrer will Ermessensduldung

Pfarrer Simon Froben hat bereits eine offizielle Petition an den Bayerischen Landtag gerichtet. "Mit der Aufforderung, dass Danial durch eine Ermessensduldung bei seiner Familie in Deutschland bleiben und die Ausbildung beenden kann", sagt der Bayreuther Geistliche. Ministerpräsident Söder soll Innenminister Herrmann inzwischen aufgefordert haben, sich des Falls anzunehmen.
Helfer aus dem unmittelbaren Umfeld des jungen Mannes sind von der Entwicklung schockiert. So Heidi Clemens aus Neuenmarkt. Die 79-Jährige war Lehrerin und hat 2015 ehrenamtlich Deutschunterricht für Flüchtlinge gegeben.


"Für Helfer demotivierend"

"Einer meiner eifrigsten Schüler war Danial. Innerhalb kurzer Zeit lernte er gut Deutsch, integrierte sich im Dorf und fing eine Lehre an. Er war und ist ein Musterbeispiel einer gelungenen Integration von Flüchtlingen", sagt Heidi Clemens, die nicht verstehen kann, dass er jetzt in ein Land abgeschoben werden soll, für das eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes bestehe. "Für alle ehrenamtlichen Helfer sind solche Fälle in hohem Maße demotivierend. Wir setzen uns ein für ehrliche und willige Menschen, die aus Not zu uns kommen."
Danial ist indes überwältigt von der Tatsache, dass so viele Menschen hinter ihm stehen. Die Solidarität, die er erfahre, gebe ihm viel Kraft und Hoffnung, erklärt der junge Afghane, der zurück zu seiner Familie und in die Schule, in der neuen Saison aber auch wieder für den FC Neuenmarkt Fußball spielen will.