Jürgen Zinck ist als Theologe wohlbekannt. In einer bislang unbekannten Rolle konnte man den ehemaligen Kulmbacher Dekan, der jetzt in Neudrossenfeld wohnt, im Martin-Luther-Haus erleben: als leidenschaftlichen Kenner der Kartographie. Kenntnisreich und kurzweilig blätterte er auf Einladung des Freundeskreises der evangelischen Akademie Tutzing im Geschichtsbuch der Karten - vom Mittelalter bis in die Neuzeit.Der Referent ging in seiner Rolle als Historiker der Kartografie förmlich auf.


"Mein liebstes Schulbuch"

Schon als kleines Kind hätten ihn Landkarten fasziniert. "Der Diercke Schulatlas war mein liebstes Schulbuch. In langweiligen Schulstunden diente er mir zum Überleben", schweiften seine Gedanken in die Kindheit. Er teilte die Geschichte der Karten in drei Epochen ein, in denen aus unterschiedlichen Motiven heraus die Welt gezeichnet und vermessen wurde. Zunächst kam er auf die Radkarten des hohen Mittelalters zu sprechen, die die Welt kreisrund mit Jerusalem als Mittelpunkt darstellten. Zu ihnen zählt die Ebstorfer Weltkarte, die eine Nonne 1830 im Benediktinnerinnenkloster Ebstorf gefunden hatte. Eine Nachzeichnung in Originalgröße beherbergt das Landschaftsmuseum Obermain. "Auf ihr ist auch die Plassenburg und dessen Umland erwähnt", hob der Redner die Bedeutung der Karte für den Kulmbacher Raum heraus.

Die Tatsache, dass sie geografisch nicht exakt war - Nürnberg lag gleich neben der "Blassenburg" - entlockte den Zuhörern ein Schmunzeln. "Die geografische Orientierung war ja auch nicht der Hauptzweck. Hier wird die Erde bestaunt und die Schöpfung hochgeachtet", klärte Zinck die Zuhörer auf.


Die Vorbereitung von Seereisen

Das Christus alles in seiner Hand halte, ist für Zinck faszinierend. Im Mittelalters wurde aus dem Bestaunen ein Erfassen. Davon künden die Portolan-Karten. "Portolane waren Seehandbücher mit nautischen Informationen. Später kamen die Karten hinzu, die eine geografische Orientierung entlang der Küsten boten. Sie dienten der Vorbereitung von Seereisen." Industriespionage habe es schon gegeben. "Karten waren eine wirtschaftliche Macht, auf denen Staatsgeheimnisse standen."


Der Venezianer Fra Mauro

Der Referent zeigte in seiner Power-Point-Präsentation eine Karte des Venezianers Fra Mauro aus dem Jahre 1459, auf dem erstmals Afrika umschiffbar erscheint.Befeuert wurde die Entwicklung hin zu moderneren Karten, die den Zuhörern schon recht vertraut vorkamen, durch die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, mit der Umschiffung Afrikas durch Vasco da Gama und der Weltumsegelung Ferdinand Magellans an der Zeitenwende vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit.
Sein letztes Kapitel widmete Zinck der Herrschaftsvisulisierung in der Zeit der aufkommenden Nationalstaaten. "Sie können nur ein Nationalstaat werden, wenn sie wissen, wie ein Land aussieht. Ohne Karten wäre das nicht möglich." Als ein Beispiel aus dem 20. Jahrhundert zeigte er die Karte zum Hitler-Stalin-Park. "Da sind wir dann beim Militär und bei Leuten, die gerne Kanonen bauen", resümierte der Kartenexperte.