D er erste Gedanke: Süß! Wie aus der Zeit gefallen! Liebevoll arrangiert, mit all den feinen Deckchen unter den Schüsseln, die im Regal stehen, an der Wand hängen oder als Lampenschirm von der Decke hängen. Dann der zweite Gedanke: Sind die alle echt? Das hieße ja, sie wurden alle benutzt...
Anita Hofmann grinst spitzbübisch. Als könne sie Gedanken lesen, sagt sie: "Manche Leute schütteln sich, wenn ich ihnen erzähle, dass jeder Nachttopf seine Geschichte hat. Alle standen irgendwann unter einem Bett oder einem Nachtkästle - oben im Schubber lag die Bibel, darunter stand das Töpfle. Aber keine Angst: Alle Exemplare wurden geschrubbt!"
Im Museum "Nachttopf auf Spitze" nahe dem oberfränkischen Töpferstädtchen Thurnau braucht niemand Berührungsangst zu bekommen. "Früher ist man ganz ungeniert mit der menschlichen Notdurft umgegangen. Bei den alten Römern war der Latrinen-Gang sogar ein geselliger Vorgang. Auf dem stillen Örtchen hat man - im doppelten Sinn - Geschäfte gemacht", erzählt Anita Hofmann. Die Fränkin hat im Jahr 2014 im Untergeschoss ihres Wohnhauses im Weiler Partenfeld eine kleine, feine Nachttopf-Ausstellung eröffnet. 170 "Zimmerschüsseln" ("Pot de Chambre") oder auf gut Fränkisch "Bodschamberli" können bestaunt werden. Insgesamt besitzt die frühere Anwältin fast 300 Exemplare.
Da gibt es edle, handbemalte von Villeroy & Boch aus "Bone China" - hartem Knochenmehl-Porzellan -, durchsichtige aus Glas, glänzende aus Emaille oder fürstlich-weiße Keramik-Kessel mit Goldrand und Deckel, die aussehen wie Suppenterrinen. Aus silbergrauem Zinn besteht der älteste Nachttopf der Sammlung: Die Jahreszahl 1846 ist in den Rand eingraviert.
An den ersten Henkeltopf, den sie in die Hand bekam, erinnert sich Hofmann gut. "Wir haben in Reutlingen Freunde besucht und sind zusammen über den Flohmarkt geschlendert. Da stand ich auf einmal vor einem einfachen, weißen Nachttopf. Ich hab' ihn für ein paar Mark gekauft und als Deko-Objekt mitgenommen."
Es sollte der Beginn einer großen, kuriosen Leidenschaft werden. Ob auf Flohmärkten, in Antiquitätengeschäften oder bei Auktionen: Anita Hofmann hielt ab sofort Ausschau nach neuen Trophäen, mit denen sie zunächst ihr Bad dekorierte.
Einmal war sie in Köln unterwegs und entdeckte auf einem Markt sechs "wunderschöne Bodschamberli". Leider war in ihrem Trolleys kein Platz mehr. "Also hab' ich kurzenhand meine Klamotten rausgeschmissen und per Postpaket heimgeschickt."
"Für Nachttöpfe tue ich fast alles", meint die 70-Jährige lachend. Mit den Jahren werde es aber immer schwerer, an schöne Stücke zu kommen. Original-Nachttöpfe unserer Vorfahren haben mittlerweile Seltenheitswert. "Für gut erhaltene Pötte werden heute weit über 100 Euro verlangt. Und für Sets mit Waschschüssel, Krug, Seifen- oder Kammschale noch mehr."
Zum Glück hat Anita Hofmann rechtzeitig mit dem Sammeln angefangen. "Das Einzige, wonach ich noch fieberhaft suche, ist ein 'Bourdalou', eine Art Pinkelbecken für feine Damen, das man sich zwischen die Schenkel halten konnte." Ansonsten ist der Fundus beachtlich: Aus der Gründerzeit ab 1850 sowie der Jugendstil- und Art-Deco-Ära (1890 bis 1920) besitzt Anita Hofmann ganz unterschiedliche Stücke aus Deutschland, Schweden, Frankreich, England, Tschechien oder Belgien. Es sind auch Gauditöpfe - etwa für Heiratswillige - und ein zum Nachttopf umfunktionierter Stahlhelm aus dem Ersten Weltkrieg darunter. Fast alle haben einen Henkel, manche eine Art Ausgussrohr - und die allermeisten einen ziemlich dünnen Rand. "Ich denke, das Bodschamberla war im Wesentlichen fürs kleine Geschäft gedacht. Man hat sich da wohl gar nicht mit dem ganzen Gewicht draufgesetzt."
Den "Bodschamber" zu benutzen, war noch vor 80 Jahren in ländlichen Gebieten Frankens normal. Spül-WCs, wie wir sie heute kennen, kamen Anfang des 19. Jahrhunderts auf, aber es dauerte, bis alle Haushalte damit ausgerüstet waren.
Sich in die Lebenswelt unserer Vorfahren zu versetzen, fällt in Partenfeld leicht. Alte Nachtwäsche - auch ein "Stehsaacher", eine Unterhose mit Loch zum Pinkeln - , feine Hüte, Handschuhe und vor allem die geklöppelten, gehäkelten Spitzendeckchen der Kulmbacher "Spitzenfrauen" sorgen für authentisches Ambiente. Während Anita Hofmann fünf bis sieben Leute durch ihr Minimuseum führt - "mehr passen gleichzeitig nicht rein" -, können weitere Besucher oder Gruppen es sich draußen im Innenhof bei einem Kaffee gemütlich machen. Auch hier zieht Nachtgeschirr die Blicke auf sich - als Blumentopf-Parade.

INFO: "Nachttopf auf Spitze", Partenfeld 2, 95349 Thurnau, Tel. 09228/ 5902, 0176/23742385, kontakt@nachttopf-auf-spitze.de. Geöffnet ist an Ostern (31. März, 1. und 2. April), ansonsten von Mai bis September samstags, sonntags und feiertags je von 13 bis 17 Uhr. Zusätzliche Öffnungszeiten für Gruppen auf Nachfrage. Eintritt: Spende.