Ulla Vater ist die Mutter der Isartaler Hexen - und das nicht nur, weil sie die Frauenband vor 19 Jahren aus der Taufe gehoben hat, sondern als Älteste den jüngeren Kolleginnen mütterlich mit Rat und Tat zur Seite steht. Im Vorjahr hat die 61-Jährige gemeinsam mit den anderen einen schweren Entschluss gefasst und verkündet: Ende 2018 ist Schluss. Wie es dazu kam, warum die 17. Bierwoche eine besondere für die Musikerinnen wird und wie es gelang, dass der allerletzte Hexenritt am 10. November im Kulmbacher Mönchshof stattfindet, verriet die Neutraublingerin im BR-Interview.

Die Isartaler Hexen und Kulmbach - das ist eine besondere Beziehung. Wie besonders, das zeigt sich daran, dass Sie Ihr allerletztes Konzert in Kulmbach geben wollen. Was gab den Ausschlag?
Ulla Vater: Dafür gibt es mehrere Gründe. Wir haben in Kulmbach eine große Fangemeinde, das wissen wir. Zudem ist es im Monat November, für den wir unseren Schlusspunkt geplant haben, schwierig, die passende Location für ein solches Konzert zu finden. Wir haben natürlich zu vielen Orten einen guten Draht. Aber da sich in den vergangenen Jahren eine sehr gute Partnerschaft mit der Kulmbacher Brauerei aufgebaut hat, nicht zuletzt mit dem zuständigen Organisator Michael Schmid, und der Mönchshof als ausreichend großer Veranstaltungsort zur Verfügung steht, fiel die Wahl schließlich auf Kulmbach. Viele andere Städte haben sich angeboten, aber eben mit Stadthallen, die vielleicht 500 oder 800 Menschen Platz bieten. Das Volumen ist schlicht zu klein für den Anlass. Und für einen Tag ein Festzelt für 2000 Besucher oder mehr aufzustellen, ist wiederum zu kostspielig.

Vorher gibt es für die Bierfest-Besucher die Möglichkeit, die Hexen noch drei Mal in diesem Jahr im neuen Bierstadel live zu erleben, unter anderem zum Ausklang am übernächsten Sonntag.
Ja, wir fühlen uns geschmeichelt, dass uns die Kulmbacher heuer drei Mal hören wollen.

Viele bedauern das Ende der Hexen und können sich ein Bierfest ohne sie gar nicht vorstellen.
Kulmbach ist auch für uns immer ein besonderer Termin. Da beruht die Freude in jedem Fall auf Gegenseitigkeit. Aber ich sage auch: Jeder ist ersetzbar. Es wird nach uns andere Bands geben, die beim Bierfest-Publikum genauso gut ankommen.

Haben die langjährigen Auftritte in Kulmbach auch zu anderen Engagements geführt?
Ich denke, dass unsere musikalische Präsenz auch daher rührt, dass wir auf der Bierwoche gespielt haben. Die Bierwoche hat uns viele Türen geöffnet. Gigs in Hof und Münchberg, Stadtsteinach und Burgkunstadt resultierten daraus, aber auch andere weit über die Landkreisgrenzen hinweg. Wir haben Kulmbach einiges zu verdanken.

Blicken wir zurück auf das Jahr 2000 und die Neugründung der Isartaler Hexen. Wie schwierig war es, die passenden Musikerinnen zu finden? Und wie kompliziert - oder einfach - ist es, in einer reinen Damenriege über all die Jahre miteinander klarzukommen? Sie haben den direkten Vergleich, da Sie früher nur mit Männern musizierten.
Das A und O ist: Die Band muss sich verstehen, muss in die gleiche Richtung ziehen wollen. Bei der Auswahl der Musikerinnen war es sicher nie verkehrt, dass ich auf mein Bauchgefühl gehört habe. Ich habe nie jemanden ausgewählt, bei dem ich eine leise Ahnung hatte, da könnte die Chemie nicht stimmen - mochten die Fähigkeiten am jeweiligen Instrument auch noch so gut gewesen sein. Wir sind so oft miteinander unterwegs, über viele Stunden zusammen im Bus und dann auf der Bühne, später im Hotel etc.: Ohne stimmige Chemie hält man das nicht durch. Da könnte ich persönlich auch nicht auf die Art und Weise Musik machen, wie ich es möchte, nämlich als Gemeinschaft. Uns wird immer gesagt, man spürt bei uns, dass wir uns auch privat prima verstehen.

Wer hat denn bei der Auswahl des Repertoires die Hexenhosen an?
Bei uns läuft das so: Jeweils zur Mitte des Jahres schreibt ein jeder ein paar Titel auf, von denen er glaubt, dass sie gut ankommen. Dann wird gemeinsam ausgesucht. So kommt jeder zum Zug. Das ist wichtig, weil ich fast 30 Jahre älter bin als die Mädels und sicher teils einen anderen Musikgeschmack habe.

Die eigenen Hexen-Lieder nehmen welchen Stellenwert ein?
Wir fangen immer mit unserem Song "Brave Mädchen kommen in den Himmel" an und spielen regelmäßig unseren "Isartaler Hexentanz" - übrigens auch bei der Livesendung "Immer wieder Sonntags" mit Stefan Mross am 12. August. Ansonsten halten wir uns mit eigenem Liedgut bei unseren Auftritten sehr zurück, weil die Leute im Zelt Party wollen, dafür braucht es eingängige Titel. Unsere Songs werden nicht so oft im Radio gespielt, da interessiert das die Menschen auch weniger.

Was gehört denn zum Pflichtprogramm?
"Hulapalu" von Andreas Gabalier und Helene Fischers "Atemlos" musst du spielen, da führt kein Weg dran vorbei. Sogar das 30 Jahre alte "Fürstenfeld" von STS funktioniert immer noch. Die Leute fahren voll drauf ab. Mit neueren Titeln ist es eher schwierig.

Kommen wir auf die Privatperson Ulla Vater zu sprechen. Auf der Bandhomepage steht über Sie zu lesen: "Rekordhalterin ausgefallener tollpatschiger Verletzungen!" Klingt, als würden Sie das Unheil magisch anziehen!
Ja mei! (lacht) Ich stolpere leidenschaftlich gerne über Kabel und tue mir dementsprechend öfter mal weh. Ich schaffe es auch, mit meinen Stöckelschuhen genau das einzige Astloch im Holzbühnenboden zu treffen und umzuknicken. Mein Talent hat auch schon mal einen Auftritt massiv gefährdet. Ich hatte mir beim Sturz eine schwere Knieprellung zugezogen und musste deswegen kurz vor dem Auftritt ins Krankenhaus zum Röntgen. Das Ende vom Lied war: Der Arzt sagte, ich darf nicht stehen. Ergo: Ich konnte zwar spielen, aber saß den gesamten Abend auf einem Stuhl.

Was passiert, wenn es auch mit Sitzen nicht ginge? Existiert eine Art Notfallprogramm?
So etwas haben wir nicht. Bei uns in der Gruppe gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Entweder Bühne oder Tod! (lacht)

Das klingt sehr drastisch.
Wir haben zum Glück in 19 Jahren lediglich einen Ausfall gehabt und eine Aushilfe benötigt. Die Mädels sind echt tapfer und absolut diszipliniert. Wir haben schon mit Fieber, Blutergüssen und gebrochener Schulter gespielt. Unsere Ärzte jammern da mehr (lacht). Aber was wäre denn die Alternative? Man stelle sich vor, die Bierwoche steht an und wir würden einen Tag vorher einen Auftritt absagen: Das ist für den Veranstalter eine Katastrophe - aber auch für die Band, denn dann machen schnell Gerüchte die Runde, vielleicht sei die Erkrankung nur vorgeschoben und in Wahrheit habe man sich bereits aufgelöst.

Apropos Auflösung: Haben Sie den ersten Schritt in diese Richtung gemacht? Und wie war die Reaktion der Band?
Der Entschluss ist zunächst bei mir gereift. Ich mache das seit 43 Jahren, bin seit 1982 Profimusikerin. Mit mir hätten auch noch zwei andere aus der Band aufgehört, wie sie mir gesagt haben. Die anderen fünf haben dann gemeint: Naja, wer weiß, wer dann nachfolgt? - So war klar, dass wir Schluss machen.

War es leicht?
Nein. Wir haben bestimmt vier Wochen immer wieder diskutiert und abgewogen. Uns war letztlich wichtig: Bevor die Leute meckern, weil wir nicht mehr das bieten können, was sie von uns all die Jahre gewohnt waren, hören wir lieber auf. Die Hexen haben einen guten Namen - und den wollen wir nicht gefährden. Wir machen uns ein schönes Abschiedsjahr und wollen nochmals alles geben.

Ist der Bandname geschützt?
Ja, den habe ich schützen lassen. Aber sollte eine der Damen aus der Truppe weitermachen wollen, dürfte sie den Namen natürlich verwenden. Wir haben den Namen einst selber übernommen von einer Formation, in der ich vor vielen Jahren mal ausgeholfen habe. Diese Band gibt es aber schon lange nicht mehr, doch mir gefiel der Titel.

Wenn es keine Auftritte mehr gibt: Was passiert mit Ihrer Trompete? Kommt die an den sprichwörtlichen Nagel?
Kann ich noch nicht sagen. Die Trompete ist ja kein Instrument, das man einfach mal rausholt und spielt, wie man gerade lustig ist. Man braucht einen Ansatz und muss regelmäßig üben.

Was machen denn die anderen Hexen, wenn der letzte Vorhang gefallen ist?
Die sind vielseitig aufgestellt. Eine hat ihre eigene Musikschule, eine andere ist gelernte Elektromeisterin und hat ihr Geschäft. Unsere Susal, die Frontfrau, macht weiter Musik mit einer eigenen Vier-Mann-Band im Sommer und im Winter eine Art Après-Ski-Programm.

Sie spielen im Abschiedsjahr insgesamt rund 90 Konzerte. Das geht an die Substanz, oder? Wie hält man das konditionell durch?
Das schlaucht in der Tat. Es sind ja immer rund vier Stunden reine Spielzeit, das schüttelt man nicht mal eben so aus dem Ärmel. Speziell in meinem Fall macht ein Großteil die Gewohnheit, als wäre man immer im Training. Die anderen machen Sport, um sich fit zu halten. Der Auftritt ist ja nicht alles: Es kommen die Anfahrten dazu, die Zeit davor und danach, da ist man oft und lange auf den Beinen. Noch geht es, aber ich muss ja nicht auf der Bühne tot umfallen. (lacht) Ich habe es nie bereuet, Musik zu machen. Aber jetzt ist eben die Zeit für etwas anderes.

Was kommt für Sie nach der Zeit mit den Hexen? Der totale Ruhestand?
Ich werde erst einmal ein paar Monate gar nix machen. Jetzt führe ich neben den Auftritten ja auch noch das Management, an mir hängt die ganze Terminvergabe. Ich möchte mal ohne Termin sein, Zeit für mich haben und nix organisieren müssen. Ich denke, das hält so ein halbes Jahr an - und dann werde ich mir sicher wieder irgendwas suchen und mich umorientieren. Mal schauen, was ich dann so treibe.
 


Fest-Organisator Michael Schmid bereitet den Hexen ein würdiges Finale

Ein Bierfest ohne Isartaler Hexen auf der Bühne? Organisator Michael Schmid von der Brauerei mag es noch nicht recht glauben, dass die Frauenband aufhört. "Die Zusammenarbeit war über all die Jahre professionell, fair und nett. Und musikalisch wusste man als Veranstalter immer, was man bekommt. Die Formation ist eine Bank", ist er voll des Lobes.

Dabei räumt er ein: Die erste Verpflichtung der Combo im Jahr 2002 sei "ein Experiment" gewesen. "Ich hatte früh Kontakt zur Band und ihrer Managerin Ulla Vater und habe sie 2001 erstmals live gesehen - da gab es die Hexen noch gar nicht so lange. Ich war damals schon angetan von der musikalischen Qualität der Gruppe, überhaupt von ihrem Auftreten, und schnell überzeugt davon, dass Hexen und Bierwoche funktionieren könnten."

Welche Erfolgsgeschichte schließlich daraus wird, das hatte niemand so richtig auf dem Schirm. "Die Band hat sich eine riesige Fangemeinde erspielt. Die Damen hätten allein in Oberfranken an die 100 Termine bestreiten können."

Als Dankeschön und Anerkennung werden die Frauen am zweiten Bierfestsonntag gemeinsam mit den Festwirten und Bedienungen im Zelt verabschiedet. Und dann gibt es ein Wiedersehen am 10. November im Mönchshof zum definitiv letzten Hexen-Auftritt. Für den Gig sind bereits 1000 Karten verkauft, die Tickets gibt es on line unterwww.isartaler-hexen.de.

Die Frage ist: Was kommt danach? "Wir haben Ideen. Es geht immer weiter, hat schon Torwartlegende Oliver Kahn gesagt." Mehr möchte Michael Schmid noch nicht verraten. Band-Bewerbungen gebe es zuhauf. "Das Bierfest ist ein Magnet mit einer gigantischen Stimmung an allen neun Tagen, das spricht sich auch in Musikerkreisen herum." Michael Schmid hat Einblicke hinter die Kulissen großer Stadtfeste wie die in Würzburg und Fürth. "Wir werden fündig, da bin ich sicher."