Vom Regen und Wind singt er. Und vom Irrwitz der Welt, der nur mit Wein zu ersäufen ist. An den weisen Narren aus Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" fühlt man sicher erinnert, wenn man vor dem Torbogen an der Südseite des Hardenbergblocks steht (Goethestraße). Rechts oben der "Regenmacher": ein alter Saufbruder mit Fass über der Schulter, der sein Nass in eine Muschel ergießt. Links der "Windmacher", modelliert als dralle Schönheit, deren Backen sich wie ein Blasebalg blähen mit üppig herausquellenden Brüsten. Die grotesk-komischen Tonfiguren stammen von Hans Lewerenz. Sie sind drei Jahre nach seiner Entlassung aus russischer Kriegsgefangenschaft Ende 1947 und vorher erlebter Kriegsgräuel seine Antwort, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Es ist eine Kunst des Weglachens.
Unendlich dankbar, überlebt zu haben, sind Tausende, die der Weg bei Kriegsende oder danach nach Kulmbach geführt hat. Ende 1951 sind im Stadtkreis bei einer Gesamtzahl von 24 015 Einwohnern 6763 Heimatvertriebene, Flüchtlinge und ehemalige KZ-Insassen registriert. 1046 von ihnen stehend als wohnungssuchend auf der Warteliste.
Doch es ist eine Notgemeinschaft, die trotz allem mit Zuversicht, Mut und Elan an den Wiederaufbau herangeht. Der rapide wirtschaftliche Aufschwung Kulmbachs nach der Währungsreform 1948 ist zum Gutteil ausgelagerten Firmen wie den Südwerken des Essener Krupp-Konzerns, der Gewürzmühle Adalbert Raps, der Berliner Fleischforschungsanstalt sowie leistungsstarken Flüchtlingsbetrieben wie etwa den Erwin-Schnittert-Werken zu verdanken. Mit einer herkulischen Kraftanstrengung gehen Stadt und Baugenossenschaft Kulmbach daran, der Wohnungsnot zu Herr zu werden: Zwischen 1951 und 1954 werden 224 Gebäude mit 806 Wohnungen hochgezogen. Der größte Bau, der Hardenbergblock, wird im Frühsommer 1951 bezugsreif. Im Juli ziehen die ersten Heimatvertriebenen ein, überwiegend Schlesier und Sudetendeutsche, die im Lager Plassenburg untergebracht waren.
Das Lebensgefühl dieser Jahre manifestiert sich an vier weiteren Keramikfiguren von Lewerenz. Sie schmücken Hauseingänge entlang der Südseite der Wohnanlage: Allegorien der "Vier Jahreszeiten". Die Skulpturen versprühen eine Lust am Leben, eine Freude an der Vielfältigkeit der Schöpfung, als hätte der Künstler die Violinkonzerte Antonio Vivaldis ihm Ohr.
Lewerenz beschäftigt sich seit seiner Ankunft in Kulmbach intensiv mit dem Modellieren, Gießen, dem Brand und der Glasur von Ton. Er möchte damit ein Stück seiner pommerschen Heimat in Stargard mit ihren vielen Backsteinkirchen an seinen neuen Wohnort mit hinübernehmen - einer Stadt mit viel rotem Backstein.
Der Frühling erscheint als liebreizendes Mädchen aus einem östlichen Märchenbuch. Sie lässt die im Käfig gefangen gehaltenen Vögel frei, hinaus in ihre bunte Heimat flattern. Der Künstler spielt damit auf die entlassenen Kriegsgefangenen an. Der Sommer begegnet uns als Erntehelferin mit Ährenbüschel im Arm. Ihr Kopftuch über den Hut hat sie tief ins Gesicht gezogen, um sich vor der lachenden Sonnenblumen-Sonne zu schützen. Zur Zeit des Herbstmonds wird die Ernte eingeholt, es werden reife Früchte und saftige Trauben in die Kelter gebracht. Der Letzte im Jahreskreis ist Väterchen Frost, der in Filzstiefeln und einem pelzgefütterten Mantel durch die Kälte stapft und einen Hasen als Jagdbeute auf dem Rücken trägt.
Amüsante Fresken malt Lewerenz für das östliche Eingangstor zum Hardenberghof. Links sieht man einen Vater, der auf einer Leiter Äpfel pflückt, während eine Helferin die Früchte in Körben sammelt. Das rechte Fresko zeigt, wie er am Abend zu seiner Familie nach Hause kommt. Die Frau hockt brav in der Stube und wiegt das schlafende Kind im Arm.
Die Bildfolge in der neuen Heimat ist bewusst genrehaft und von sanfter Ironie. Auch die wohlaustarierten Wappen tragen dazu bei: das Kulmbacher Stadtwappen ist vorhanden, doch auch der Fränkische Rechen erfährt die ihm gebührende Ehre.