Wilfried Löwinger hält eine weiße, mit Getreidekörnern gefüllte Schaufel in seiner linken Hand. Mit der Rechten umfasst er eine grüne, längliche Karte. Auf dieser sind unter einem kleinen Plastikverdeck ebenfalls einige Körner auszumachen. Im Gegensatz zu den Körnern in der Schaufel, die aus der Ernte des vergangenen Jahres stammen, sehen die Körner unter dem Plastikverdeck schrumpelig und vertrocknet aus: Die Ernte dieses Jahres. "Hühnerfutter", sagt Löwinger, seines Zeichens Obmann des Bayerischen Bauernverbands im Landkreis Kulmbach.

Gerade erst hat der Harsdorfer Landwirt eine Probe Weizen genommen, um mithilfe der grünen Karte, die als Messgerät dient, das Tausendkorngewicht zu bestimmen. Die Kennzahl gibt Auskunft über das Gewicht von 1000 Körnern. Sie ist ein Indikator für die Qualität des Getreides. "Normalerweise liegt das Tausendkorngewicht von Weizen bei 40 bis 50 Gramm", erklärt Löwinger. "Bei der Probe jetzt waren es gerade einmal 24 Gramm." Nicht die Anzahl der Körner, sondern deren Ausbildung sei das Problem.

Bedingt durch das warme und trockene Wetter gehe die Erntezeit bereits auf ihr Ende zu. Die Bilanz fällt nüchtern aus: "Das war die zweite schlechte Ernte nacheinander." Im vergangenen Jahr seien in erster Linie Wintergerste und Raps betroffen gewesen. 2019 stelle vor allem die Brau- beziehungsweise Sommergerste eine "Katastrophe in allen Bereichen" dar. Löwinger schätzt, dass hier nur etwa die Hälfte des normalen Ertrags erzielt wird.

Auch Stephan Poersch vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kulmbach berichtet, dass bei der Brau- beziehungsweise Sommergerste sowie bei anderen Sommerungen (Nutzpflanzen, die im Frühjahr gesät und im selben Jahr geerntet werden) wie etwa Hafer oder Körnererbsen bei der diesjährigen Ernte im Durchschnitt Ausfälle von rund 50 Prozent zu verzeichnen sind. Die Körner seien bei allen Getreidearten viel zu klein und die Kornqualität sehr schlecht. Bei den Winterungen (Nutzpflanzen, die im Herbst gesät und im Folgejahr geerntet werden) sehe es tendenziell besser aus, "wobei die Ertragseinbußen sehr von der Bodenqualität abhängen".

Niederschläge blieben aus

In der Region fehlten seit Januar 2018, so Poersch, 350 Liter an Niederschlag pro Quadratmeter. "Das sind 35 volle Zehn-Liter-Gießkannen je Quadratmeter." In diesem Jahr sei, was die Witterung betrifft, einzig der Mai "in Ordnung" gewesen, berichtet Löwinger. "Aber seit dem 24. Mai gab es keine nennenswerten Niederschläge mehr." Die Witterungsbedingungen hätten beim Getreide zu einer Notreife geführt, bei welcher die Bestände früher reif sind und sich die Körner nicht voll ausbilden. Entsprechend niedrig ist die Qualität. Zum Beispiel liege der für die Malz-Produktion vorgesehene Vollgerstenanteil bei der Braugerste bei 90 bis 95 Prozent. In diesem Jahr werde oft jedoch lediglich ein Anteil von 40 bis 60 Prozent erzielt.

Geht den Kulmbachern in diesem Jahr dann etwa das Bier aus? Löwinger schmunzelt, ob der etwas flapsigen Frage, und erklärt dann: "Bei der regionalen Gerste wird es auf jeden Fall Engpässe geben." Diese Ausfälle könnten aber durch Importe abgedeckt werden.

Mais-Bestände teilweise schon verdorrt

Auch die Futtersituation ist angespannt. So wurden etwa - wie bereits im vergangenen Jahr - stillgelegte Flächen, die als sogenannte ökologische Vorrangflächen eigentlich brach liegen, für Beweidung und Schnittnutzung freigegeben. Das Gras dort habe allerdings "keinen großen Wert mehr", was Nährstoffe und Menge betrifft, so Löwinger.

"Ein gut wirtschaftender Betrieb hat etwa für ein halbes Jahr Vorräte", sagt der Kreisobmann. Von diesen habe man 2018 noch zehren können, aber jetzt seien die Vorräte aufgebraucht. "Es wird knapp." Über Futterbörsen aus dem Süden ließe sich Nahrung für die Tiere beschaffen, das koste allerdings entsprechend Geld. Notfalls müsse die Anzahl der Tiere verringert werden.

"Das ist abhängig von der Mais-Ernte", sagt Löwinger. Aber auch hier sei eine "ganz schlechte Ernte zu erwarten". Die Ausbeute beim Mais sei im vergangenen Jahr schon schlecht ausgefallen, in diesem Jahr habe sich die Situation jedoch noch einmal zugespitzt. "Auf sandigen Böden sind die Pflanzen zum Teil schon verdorrt." Die Mais-Bestände könnten - selbst wenn es ab jetzt regnet - die Rückstande nicht mehr aufholen, sagt Poersch. "Auch der dritte Grünlandschnitt ist komplett ausgefallen." Löwinger berichtet: "So wie es im Moment aussieht, fällt auch die Zwischenfrucht aus."

Oberfranken besonders betroffen

Der Landwirt erinnert sich an eine extreme Trockenheit im Jahr 1976, die er damals noch als Jugendlicher miterlebte. Das Hitzejahr 2003 hat er als "trocken, aber nicht so extrem" in Erinnerung. 2018 und 2019 nun zwei trockene Jahre hintereinander. "Speziell in Oberfranken ist es heuer extrem", sagt Löwinger.

Im Süden des Freistaats sei die Situation wesentlich entspannter. Dort regne es mitunter sogar zu viel. "Die können das oft gar nicht glauben, dass die Lage in Franken so schlecht ist." Neben der Trockenheit waren, wie er erklärt, auch die hohen Temperaturen zur Zeit der Kornausbildung schlecht für die diesjährige Ernte.

Politik ist gefordert

"Insgesamt sprechen wir von mehreren Hundert Euro Verlust pro Hektar", sagt Poersch mit Blick auf die Erntebilanz. Ein durchschnittlicher Haupterwerbsbetrieb mache leicht Einbußen "im fünfstelligen Bereich". "Das ist schwer zu schultern." Ernteausfälle - wie früher - über höhere Preise auszugleichen, mache der Weltmarkt unmöglich. "Die Landwirtschaft hat Riesenprobleme. Die Stimmung bei den Landwirten ist katastrophal", sagt Poersch. "Ein schlechtes Jahr hält man aus. Aber zwei Jahre am Stück sind brutal. An ein Drittes wollen wir im Moment gar nicht denken."

Zwar würden bereits Sorten angebaut, die besser an die Trockenheit angepasst sind, "aber irgendwann braucht jede Pflanze halt einfach auch einmal Wasser", erklärt Löwinger und fügt an: "Hätten wir noch Sorten wie vor 50 Jahren, würden wir gar nichts ernten."

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Der Kreisobmann fordert angesichts der großen Ausfälle bei der Ernte eine bessere Unterstützung durch die Politik, was zum Beispiel Finanzhilfen betrifft oder die Möglichkeit, sich "finanzierbar" gegen Schäden zu versichern. "Da ist man noch nicht sehr weit gekommen." Löwingers Fazit: "Das waren zwei schwierige Jahre für die Landwirtschaft. Wir hoffen, dass das nicht der Dauerzustand wird."

Keine einfache Lösung in Sicht

Für die Zukunft nennt Poersch ein Bündel aus möglichen Maßnahmen. Allerdings wird dabei schnell deutlich, dass jede Lösung sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringt. "Die Bodenbearbeitung wird angepasst werden müssen", sagt er. Um das Wasser im Boden zu halten, müsse man zum Teil (mit Ausnahme der Herbstfurche) auf den Pflug verzichten. Was schwierig sei, da man dies zum Beispiel nicht in der ökologischen Landwirtschaft und auch nicht bei allen Böden umsetzen könne. Nicht zuletzt diene das Pflügen der Unkrautbekämpfung.

"Wenn auf den Pflug konsequent verzichtet wird, handelt man sich im Gegenzug mehr Probleme mit Unkraut und Krankheiten ein", sagt Poersch. "Wenn dann den Landwirten gleichzeitig Herbizide wie Glyphosat nicht mehr zur Verfügung stehen und der chemische Pflanzenschutz insgesamt reduziert werden soll, ist das für unsere Bauern ein schwieriger Spagat."

Trockenheitsverträgliche Kulturen

Eine weitere Möglichkeit sei es, mehr Winterungen und weniger Sommerungen anzubauen. Hier bestehe allerdings noch Forschungsbedarf, was ausreichend winterharte und qualitativ hochwertige Sorten betrifft. Eine Lösung, die Zeit in Anspruch nimmt. Denn: "Eine Sorte braucht in der Züchtung mindestens zehn Jahre bis sie marktreif ist." Die Braugerste werde aktuell beispielsweise noch fast ausschließlich als Sommerung angebaut.

Auch Kulturarten wie Luzerne oder Roggen seien eine Option, erklärt Poersch. Allerdings biete zum Beispiel Weizen in Sachen Brotqualität und Fütterung Vorteile, die etwa vom Roggen nicht ausgeglichen werden könnten. Auch die Luzerne sei kein Allheilmittel, denn sie wachse auf sauren Standorten schlechter.

Im Ökolandbau empfehle es sich, auf Mischkulturen als Risikoausgleich zu setzen, indem zum Beispiel Sommergerste und Erbsen zusammen angebaut werden und so die eine Sorte mögliche Ausfälle bei der anderen kompensieren kann. Futterbaubetriebe müssten künftig mehr Reserven vorhalten - was allerdings wiederum mehr Flächen erfordere und angesichts der Flächenknappheit entsprechend Geld koste. "Sie sehen, es gibt keine einfache Lösung. Jede Strategie hat ihre Nachteile für die Landwirte."