Wie ein futuristischer Urwald wirkt die Mischung aus Natur und Technologie: Tausende von Pflanzen - jede Einzelne hat ihre eigene Wasser- und Mineralstoff-Versorgung. Die Wurzeln stehen nicht in Erde, sondern in einem Substrat aus Kokosfasern. Die sind frei von krankheitserregenden Bakterien oder Pilzen. Unter dem Dach summt es. Hummeln kümmern sich um die Bestäubung der Tomatenblüten. An den Pflanzenstängeln und Blättern machen Raubmilben, Florfliegen, Schlupfwespen und andere ausgewählte Insektenarten Jagd auf Schädlinge.

Tomaten, Paprika und Gurken aus Oberfranken - das ganze Jahr lang

In Feulersdorf (Landkreis Kulmbach) ist vor kurzem eines der modernsten Gewächshäuser Deutschlands in Betrieb gegangen - um das ganze Jahr über Tomaten, Paprika und Gurken zu produzieren.

"Wir geben im Monat mehrere tausend Euro für biologische Schädlingsbekämpfung aus. Auf die chemische Keule wollen wir so gut es geht verzichten", sagt Fritz Boss (44), Gärtnermeister mit Fachgebiet Gemüsebau und einer von zwei Geschäftsführern der Scherzer & Boss Fruchtgemüse GmbH. Das Unternehmen ist eine Neugründung aus den beiden Nürnberger Familienbetrieben Scherzer Gemüse und Gemüse-Fritz Boss. Die Cousins Stefan Scherzer und Fritz Boss haben sich an das 25-Millionen-Euro-Projekt gewagt. "Wir müssen genauso wachsen wie unsere Kunden", sagt Boss. Der Lebensmitteleinzelhandel stelle sich auf die zunehmende Nachfrage der Verbraucher nach regional erzeugten Produkten ein. Doch gibt es kaum Betriebe in Nordbayern, die in dieser Größenordnung produzieren können.

Innovativ: Das Klimasystem im Gewächshaus

Die innovative Komponente der Feulersdorfer Gewächshäuser ist das so genannte Air & Energy Klimasystem eines niederländischen Unternehmens. Üblicherweise wird die Luft in Gewächshäusern durch Heizen und Lüften entfeuchtet und erwärmt. Beim Air & Energy Klimasystem sparen Plattenwärmetauscher Energie, indem sie Abluftwärme auf Frischluft übertragen. Auch das Kondenswasser gelangt zurück in den Gewächshauskreislauf. Das aufwendige Rezirkulationssystem wird von großen Gewächshäusern in Österreich und den Niederlanden verwendet, in Deutschland ist es nach Unternehmensangaben bislang einzigartig.

Spatenstich war im April 2017. Lediglich ein halbes Jahr später, im September, nahmen die ersten Gewächshäuser ihren Betrieb auf. Nach Abschluss des zweiten Bauabschnitts im Jahr 2019 wird die Gewächshausfläche in Feulersdorf insgesamt 15 Hektar betragen. "Es ist schwierig, in Bayern eine so große zusammenhängende Fläche zu bekommen", sagt Boss. Wichtig sei die Akzeptanz in der Bevölkerung. Die Bürger wüssten anfangs nicht, was auf sie zukommt. "Man muss die Leute mitnehmen, ihnen erklären, was man vorhat."

In mehreren Infoveranstaltungen hat sich die Familie im Vorfeld bei den Bürgern vorgestellt, Fragen beantwortet und Missverständnisse aus dem Weg geräumt. Beispielsweise gab es Befürchtungen, dass ein Gewächshaus dieser Größe Auswirkungen auf die Wasserversorgung der Region habe. Zwar werden etwa tausend Liter Wasser pro Quadratmeter Kulturfläche im Jahr benötigt, doch das meiste davon stammt aus Regenauffangbecken. "Das Wasser von den Dachflächen aller Häuser wird gesammelt", erklärt Boss. Der Strom für die zusätzliche Gewächshausbeleuchtung von Oktober bis März wird durch ein eigenes Blockheizkraftwerk erzeugt.

Ansässig sind die Unternehmer eigentlich im Knoblauchsland, jenem berühmten Gemüseanbaugebiet nahe Nürnberg. Die überdachten Anbauflächen seien in den vergangenen Jahren gewachsen, inzwischen seien etwa 100 Hektar "unter Glas", sagt Anton Offenberger, Berater des Gemüseerzeugerrings Knoblauchsland. Allerdings mache das nur etwa fünf Prozent der insgesamt zur Verfügung stehenden Anbaufläche aus.

Im Knoblauchsland reichen die Flächen den Gemüsebauern nicht aus

Das Problem für die ortsansässigen Gemüsebauern: Die Flächen reichten nicht aus, um große Gewächshäuser zwischen dem Städtedreieck Nürnberg, Fürth und Erlangen zu errichten, sagt Offenberger: "Die Flächen sind zerstückelt und der Grunderwerb ist schwierig und teuer." Und aufgrund der kostspieligen Technik und der Computersteuerung seien größere Gewächshäuser nun einmal rentabler.

Deshalb hätten Gemüsebauern drei große Projekte außerhalb des Knoblauchslands angepackt: in Dinkelsbühl (Landkreis Ansbach), Abenberg (Landkreis Roth) und eben in Feulersdorf.

Läuft alles nach Plan, werden in Feulersdorf pro Jahr etwa 2000 Tonnen Tomaten, 800 Tonnen Paprika und 200 Tonnen Gurken produziert. Gärtnermeister Boss betont, dass Masse bei der Firmenphilosophie nicht im Vordergrund steht. "Wir verzichten auf Spitzenertrag zugunsten des Geschmacks." Der komme nämlich vom richtigen Verhältnis aus Mineralsalzen zu Wasser. Dass das Handelsklasse-1-Gemüse auch noch aussieht wie aus dem Bilderbuch, liege vor allem am guten Gewächshausklima.